Wilhelm Freiherr von Ketteler (Diplomat)

Wilhelm von Ketteler (Anfang 1934)

Wil­helm von Ket­te­ler (An­fang 1934)

Wil­helm-Ema­nu­el Wil­de­rich Ma­ria Hu­ber­tus Vi­tus Aloy­si­us Frei­herr von Ket­te­ler (* 15. Juni 1906 in Erin­ger­feld; † März 1938 in Wien) war ein deut­scher Di­plo­mat. Ket­te­ler wur­de vor al­lem be­kannt als jung­kon­ser­va­ti­ver Geg­ner des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus im „Ed­gar-Jung-Kreis“ und en­ger Mit­ar­bei­ter von Hit­lers Vi­ze­kanz­ler und Bot­schaf­ter in Wien, Franz von Pa­pen.

Leben und Wirken

Jugend und Studium (1906 bis 1932)

Ket­te­ler war ein Spross der west­fä­li­schen Adels­fa­mi­lie Ket­te­ler. Er wur­de als drit­tes von neun Kin­dern von Cle­mens Gos­win Frei­herrn von Ket­te­ler (* 17. Sep­tem­ber 1870 in Schwar­zen­ra­ben; † 7. Ja­nu­ar 1945 in Stör­me­de) und sei­ner Ehe­frau Ma­ria Eli­sa­beth Frei­in von Fürs­ten­berg (* 7. Sep­tem­ber 1875 in Schloss Kört­ling­hau­sen; † 21. Mai 1963 in Stör­me­de) auf dem Schloss Erin­ger­feld ge­bo­ren. Zu sei­nen wei­te­ren Ver­wand­ten zähl­te der Di­plo­mat Kle­mens von Ket­te­ler, der im Juni 1900 in Pe­king er­mor­det wur­de, die Bi­schö­fe Wil­helm Em­ma­nu­el von Ket­te­ler und Cle­mens Au­gust Graf von Ga­len so­wie Phil­ipp Frei­herr von Boe­sela­ger.

Ket­te­ler be­such­te das Gym­na­si­um Ma­ria­num War­burg. Wäh­rend sei­nes Stu­di­ums in Mün­chen wur­de er ak­ti­ves Mit­glied der ka­tho­li­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung Rhe­no-Ba­va­ria im KV.

In der Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­hör­te Ket­te­ler zur „Grup­pe“ der so­ge­nann­ten „Jung­kon­ser­va­ti­ven“. Die­ser et­was un­ge­naue Be­griff sub­su­miert eine dif­fu­se Men­ge rechts­ste­hen­der, häu­fig in kei­ner Be­zie­hung zu­ein­an­der ste­hen­der, jün­ge­rer In­tel­lek­tu­el­ler, die eine mehr oder we­ni­ger um­fas­sen­de Re­stau­ra­ti­on des „al­ten“ Deut­schen Rei­ches an­streb­ten. Ge­mein­sam wa­ren den Jung­kon­ser­va­ti­ven die Ab­leh­nung von De­mo­kra­tie, Li­be­ra­lis­mus und Par­la­men­ta­ris­mus in der Wei­ma­rer Form so­wie ein eher „eli­tä­res“ Selbst­ver­ständ­nis. Ins­be­son­de­re in letz­te­rer Hin­sicht grenz­ten sie sich in kras­ser Form von dem, als „ple­be­jisch“ emp­fun­de­nen, po­pu­lis­ti­schen Mas­sen­kult der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ab.

Ket­te­ler, der sei­nem Freund Fritz Gün­ther von Tschirsch­ky zu­fol­ge ein „un­ge­wöhn­lich star­kes In­ter­es­se für die Po­li­tik“ be­saß und ein „gläu­bi­ger Ka­tho­lik ohne kon­fes­sio­nel­le Eng­stir­nig­keit“ war, stand be­reits in den 1920er Jah­ren in freund­schaft­li­cher Ver­bin­dung zu der west­fä­li­schen Guts­be­sit­zer­fa­mi­lie von Pa­pen (Adels­ge­schlecht). Wäh­rend der Kanz­ler­schaft von Franz von Pa­pen, dem Ober­haupt der Fa­mi­lie, vom Juni bis De­zem­ber 1932 kam Ket­te­ler erst­mals in en­ge­ren Kon­takt mit den Schalt­stel­len der Po­li­tik in Ber­lin.

Tätigkeit in der Reichsvizekanzlei (1933 bis 1934)

Wilhelm von Ketteler (Anfang 1934)

Wil­helm Frei­herr von Ket­te­ler (links) am 21. Fe­bru­ar 1938, drei Wo­chen vor sei­ner Er­mor­dung. Das Bild zeigt ihn zu­sam­men mit Franz von Pa­pen (Mit­te) und Hans Graf von Ka­gen­eck (rechts) auf dem Wie­ner West­bahn­hof, auf dem Weg zu ei­nem Tref­fen mit Hit­ler in Berch­tes­ga­den.

Nach der Bil­dung der Re­gie­rung der „Na­tio­na­len Kon­zen­tra­ti­on“ im Ja­nu­ar 1933, in der sich bei­na­he alle rechts ste­hen­den po­li­ti­schen Kräf­te in Deutsch­land zu ei­ner Ko­ali­ti­ons­re­gie­rung mit Adolf Hit­ler an der Spit­ze als Kanz­ler zu­sam­men­ta­ten, wur­de Ket­te­ler als Mit­ar­bei­ter in das Büro von Pa­pens be­ru­fen, der in der neu­en Re­gie­rung als stell­ver­tre­ten­der Reichs­kanz­ler Hit­lers am­tier­te.

Ge­mein­sam mit an­de­ren jung­kon­ser­va­ti­ven Mit­ar­bei­tern Pa­pens wie Her­bert von Bose, Ed­gar Jung, Fried­rich-Carl von Sa­vi­gny, Kurt Jos­ten, Wal­ter Hum­mels­heim und Fritz Gün­ther von Tschirsch­ky ar­bei­te­te Ket­te­ler von die­ser Stel­le aus an ei­nem Um­bau des Wei­ma­rer Staa­tes im Sin­ne der jung­kon­ser­va­ti­ven Ide­en. Die als Röhm-Putsch be­kannt ge­wor­de­ne po­li­ti­sche Säu­be­rungs­ak­ti­on der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten im Juni und Juli 1934, in de­ren Zuge Jung und Bose er­mor­det wur­den, über­leb­te Ket­te­ler durch Glück: Ge­mein­sam mit Jos­ten ge­lang es ihm, die Räum­lich­kei­ten der Vi­ze­kanz­lei nach de­ren Be­set­zung durch die SS zu ver­las­sen, weil die SS-Leu­te die bei­den irr­tüm­lich für Be­su­cher hiel­ten.

We­ni­ge Stun­den nach sei­ner ge­glück­ten Flucht aus der Vi­ze­kanz­lei reis­te Ket­te­ler nach Gut Neu­deck in Ost­preu­ßen, dem Land­sitz des Reichs­prä­si­den­ten. Sei­ne Ab­sicht, Hin­den­burg über die Lage in Ber­lin zu in­for­mie­ren und ihn in sei­ner Ei­gen­schaft als Ober­kom­man­die­ren­den der Reichs­wehr zu ei­nem Ein­grei­fen ge­gen das in der Haupt­stadt ab­lau­fen­de Mord­ge­sche­hen ver­an­las­sen zu kön­nen, zer­schlug sich je­doch, da man ihn nicht in die Nähe des Staats­ober­haup­tes vor­ließ. Auch der Ver­such, mit Hil­fe von Hin­den­burgs Guts­nach­barn Elard von Ol­den­burg-Ja­nu­schau zu ihm zu kom­men, führ­te nicht zum er­hoff­ten Er­geb­nis.

Attaché an der deutschen Gesandtschaft in Wien (1934 bis 1938)

Im Au­gust 1934 ging Ket­te­ler ge­mein­sam mit von Pa­pen, der – in­zwi­schen vom Amt des Vi­ze­kanz­lers zu­rück­ge­tre­ten – zum deut­schen Son­der­bot­schaf­ter in Ös­ter­reich er­nannt wor­den war, nach Wien. Vom Früh­herbst 1934 bis zu sei­ner Er­mor­dung im Früh­ling 1938 wirk­te Ket­te­ler dort als ei­ner von Pa­pens engs­ten Mit­ar­bei­tern. Über den of­fi­zi­el­len Rang, den er dort be­klei­de­te, herrscht – zu­min­dest ter­mi­no­lo­gisch – eine ge­wis­se Ver­wir­rung: Ei­ni­ge Quel­len nen­nen ihn ei­nen „au­ßer­or­dent­li­chen At­ta­ché“, an­de­re den „per­sön­li­chen Se­kre­tär“ oder den „per­sön­li­chen As­sis­ten­ten“ Pa­pens. Im Fe­bru­ar ver­brach­ten Ket­te­ler und sein Kol­le­ge Hans von Ka­gen­eck in Pa­pens Auf­trag die Di­plo­ma­ten­ak­ten, die des­sen Tä­tig­keit in Wien do­ku­men­tier­ten, zur Auf­be­wah­rung an ei­nen si­che­ren Ort in der Schweiz.

Nach sei­ner Rück­kehr nach Wien be­gann Ket­te­ler mit den Vor­be­rei­tun­gen für ein At­ten­tat auf Adolf Hit­ler. Wie weit die Vor­be­rei­tun­gen für die­ses zum Zeit­punkt sei­nes To­des ge­die­hen wa­ren bleibt un­klar. Al­lem An­schein nach plan­te Ket­te­ler je­doch, Hit­ler bei sei­nem fei­er­li­chen Ein­zug in Wien von ei­nem Fens­ter der deut­schen Bot­schaft aus wäh­rend der Fahrt des Dik­ta­tors (der bei sol­chen An­läs­sen im Auto, ähn­lich ei­nem rö­mi­schen Feld­her­ren bei ei­nem Tri­umph­zug, zu ste­hen pfleg­te) zu er­schie­ßen.

Ei­nen Tag nach dem deut­schen Ein­marsch in Ös­ter­reich im März 1938 ver­schwand Ket­te­ler zu­nächst spur­los. Seit dem 12. März 1938 gilt er als ver­misst. Pa­pen gab wäh­rend der Nürn­ber­ger Pro­zes­se zu Pro­to­koll, er habe dar­auf­hin so­fort die Wie­ner Po­li­zei ver­stän­digt und Rein­hard Heyd­rich ge­be­ten, auf­klä­ren zu las­sen, „ob Herr von Ket­te­ler nicht etwa ver­se­hent­lich ver­haf­tet wur­de“. Ei­nem Ver­merk vom 5. April 1938 ist zu­dem zu ent­neh­men, dass Pa­pen auch Hit­ler kurz „über die Sa­che“ un­ter­rich­te­te. Fer­ner ver­stän­dig­te er Hein­rich Himm­ler, Her­mann Gö­ring und den Staats­se­kre­tär für das Si­cher­heits­we­sen in Ös­ter­reich, Ernst Kal­ten­brun­ner. Himm­ler gab am 25. März ei­nen Er­lass her­aus, in dem es hieß: „Mit so­for­ti­ger Wir­kung wei­se ich den Chef der Ord­nungs­po­li­zei und den Chef der Si­cher­heits­po­li­zei an, eine be­son­ders sorg­fäl­ti­ge und um­fas­sen­de Fahn­dung nach dem seit Sonn­tag, den 13. März ver­miss­ten Wil­helm Em­ma­nu­el Frei­herrn von Ket­te­ler ein­zu­lei­ten. Ich er­su­che, dass die nach­ge­ord­ne­ten Dienst­stel­len mit be­son­de­ren Nach­druck auf das vor­lie­gen­de Fahn­dungs­er­su­chen hin­ge­wie­sen wer­den …“

Am 25. April 1938 barg der Ober­strom­meis­ter Karl Franz in der Do­nau bei Hain­burg, fünf­zig Ki­lo­me­ter strom­ab­wärts von Wien, eine un­be­kann­te männ­li­che Lei­che. Die Lei­che konn­te auf­grund ei­nes gol­den­den Sie­gel­rings mit Fa­mi­li­en­wap­pen und „ei­nes gol­de­nen Rings mit ca­lu­schon­ar­tig ge­schlif­fe­nem blau­en Sa­phir mit 2 Bril­lan­ten, in­nen gra­viert: 30.VI. 1934“ bin­nen kur­zer Zeit als der ver­schwun­de­ne Ket­te­ler iden­ti­fi­ziert wer­den. Als To­des­ur­sa­che wur­de Er­trin­ken fest­ge­stellt. Da man im Leich­nam des To­ten Chlo­ro­form fand, das der­art stark war, dass es auf­grund sei­ner schnel­len Wir­kungs­wei­se ei­nen „selb­stän­di­gen“ Gang in die Do­nau un­mög­lich ge­macht hät­te, schied Sui­zid als To­des­ur­sa­che aus, so dass man auf „Mord“ er­ken­nen muss­te. Am wahr­schein­lichs­ten gilt die Va­ri­an­te, dass Ket­te­ler erst be­täubt und dann in sei­ner Ba­de­wan­ne er­tränkt wur­de. Die Lei­che soll dem­nach dann in der Do­nau „ab­ge­la­den“ wor­den sein, um den Mord als Sui­zid zu tar­nen. Die Tä­ter­schaft wur­de von Zeit­zeu­gen und aus­län­di­schen Jour­na­lis­ten so­fort un­be­kann­ten An­ge­hö­ri­gen der Ge­sta­po (oder der SS bzw. des SD) zu­ge­schrie­ben. Die­sem Ur­teil hat sich auch die his­to­ri­sche For­schung an­ge­schlos­sen (sie­he un­ten).

Pa­pen er­stat­te­te, nach ei­ge­ner Aus­sa­ge, nach dem Fund von Ket­telers Lei­che An­zei­ge ge­gen Un­be­kannt. Au­ßer­dem pro­tes­tier­te er in ei­nem Brief an Hit­ler – der eben­so wie die Bit­te um Hil­fe bei der Su­che nach den Mör­dern un­be­ant­wor­tet blieb – ge­gen Ket­telers Er­mor­dung und setz­te eine Be­loh­nung von 20.000 Reichs­mark für die Er­grei­fung der Tä­ter aus. Als Mo­tiv für die Tat woll­te Pa­pen „Ra­che der Ge­sta­po ge­gen mich, mei­ne Po­li­tik und mei­ne Freun­de“ er­bli­cken. Ein Hil­fe­ge­such an Gö­ring, das Pa­pen ge­macht ha­ben will, habe die­ser mit der Zu­sa­ge be­ant­wor­tet, sich bei Hit­ler für eine Be­stra­fung der Ver­ant­wort­li­chen ein­zu­set­zen. Zu­vor habe Gö­ring ihm je­doch mit­ge­teilt, dass die Ge­sta­po Be­wei­se ge­fun­den habe, dass Ket­te­ler ei­nen An­schlag auf Hit­lers Le­ben vor­be­rei­tet habe.

Un­mit­tel­bar nach der ers­ten Ob­duk­ti­on am 27. April 1938 wur­de Ket­telers Leich­nam, ohne Be­nach­rich­ti­gung sei­ner An­ge­hö­ri­gen auf dem städ­ti­schen Fried­hof von Hain­burg in der Grab­stät­te D 17, Nr. 14, bei­gesetzt. Ei­ni­ge Wo­chen spä­ter ord­ne­te die Wie­ner Staats­an­walt­schaft auf An­re­gung der Ge­sta­po, die an­schei­nend be­fürch­te­te, dass die vor­ei­li­ge Bei­set­zung die Ge­rüch­te um den Tod von Ket­telers ver­stär­ken muss­te, die Ex­hu­mie­rung des To­ten an, „um eine zwei­fels­frei Agnos­zie­rung der Lei­che und die Fest­stel­lung der To­des­ur­sa­che zu er­mög­li­chen“. Die Ex­hu­mie­rung er­folg­te schließ­lich am 25. Mai 1938 in An­we­sen­heit von Ket­telers Bru­der Gos­win Frei­herr von Ket­te­ler und des Wie­ner Zahn­arz­tes Dr. Ru­dolf Frie­se. Nach ei­ner er­neu­ten Un­ter­su­chung der Lei­che durch den Lei­chen­be­schau­er Pro­fes­sor Dr. Werk­gart­ner wur­de der Tote auf den Fa­mi­li­en­be­sitz de­rer von Ket­te­ler nach Ge­se­ke über­führt, wo man ihn am 31. Mai 1938 zum zwei­ten Mal bei­setz­te.

An­zu­mer­ken ist dass die Lo­kal­zei­tung „Nie­der­ös­ter­rei­chi­scher Grenz­bo­te“ in ih­rer Aus­ga­be vom 22. Mai 1938 fol­gen­de Fest­stel­lung auf S. 3 brach­te:

Fest­stel­lung: Die Wie­ner Po­li­zei hat nach um­fas­sen­den Er­mitt­lun­gen nun­mehr fest­ge­stellt, daß es sich bei der vor kur­zem in Hain­burg von der Do­nau ans Land ge­spül­ten Lei­che um die des ver­mißt ge­mel­de­ten Wil­helm Ema­nu­el Frei­herr von Ket­te­ler aus Wien han­delt.

Der Mordfall Ketteler

Über den Zeit­punkt und die ge­nau­en Um­stän­de von Ket­telers Tod be­steht in der For­schung Un­ei­nig­keit. Über­ein­stim­mung herrscht in der re­le­van­ten Li­te­ra­tur le­dig­lich dar­über, dass die Tä­ter in den Rei­hen des SD zu su­chen sei­en.

Das „Hand­buch des Ös­ter­rei­chers“ von 1949 gab noch an, Ket­te­ler sei bei dem Ver­such, mit dem Auto nach Un­garn zu flie­hen, auf­ge­grif­fen und dann er­mor­det wor­den. Die meis­ten an­de­ren Bü­cher, die den „Fall Ket­te­ler“ be­han­deln, be­gnü­gen sich mit der kur­zen Fest­stel­lung, dass Ket­te­ler nach dem deut­schen Ein­marsch in Ös­ter­reich zu­nächst „spur­los“ ver­schwun­den und sei­ne Lei­che ei­ni­ge Wo­chen spä­ter auf­ge­taucht sei. Über Fund­da­tum und -ort kur­sie­ren da­bei viel­fäl­ti­ge, z. T. wi­der­sprüch­li­che An­ga­ben.

Eine eng­lisch­spra­chi­ge Pa­pen-Bio­gra­fie von 1941 spricht da­von, dass Ket­telers „fürch­ter­lich ent­stell­ter Kör­per“ (hor­ri­b­ly mu­ti­la­ted corp­se) be­reits Ende April (sic!) von der Do­nau an Land ge­spült wor­den sei. Au­ßer­dem will die­ses Buch wis­sen, dass Ket­te­ler „nach schreck­li­chen Fol­tern er­mor­det“ wor­den sei (mur­de­red af­ter hor­ri­ble tor­tures). Ein ge­nau­er Fund­ort wird hier nicht ge­nannt. Eine an­de­re Pa­pen-Bio­gra­fie aus dem Jahr 1940 da­tiert die Auf­fin­dung von Ket­telers Leich­nam auf den 16. Mai und nennt die Ge­gend bei Hain­burg als Stel­le, an der die­ser ge­bor­gen wor­den sei (re­co­ve­r­ed from the Da­nu­be near Hain­burg). Die­ses Werk ver­merkt au­ßer­dem, dass Ket­te­ler „chlo­ro­for­miert“ wor­den sei (also noch ge­lebt habe), als man ihn in die Do­nau warf.

Pa­pen selbst sag­te am 18. Juni 1946 in Nürn­berg aus, dass eine in sei­nem Auf­trag durch­ge­führ­te Ob­duk­ti­on Ket­telers kei­nen Be­weis ei­nes ge­walt­sa­men To­des er­bracht hät­te und wi­der­spricht (in­di­rekt) da­mit der zi­tier­ten An­ga­be Koeves, dass Ket­telers Kör­per „fürch­ter­lich ver­stüm­melt“ ge­we­sen sei. Fa­bi­an von Schlab­ren­dorff be­stä­tigt in ei­nem Er­in­ne­rungs­buch von 1951 Pa­pens Aus­sa­ge, wenn er schreibt, die Lei­che habe „kei­ne äu­ße­ren Ver­let­zun­gen“ auf­ge­wie­sen. Au­ßer­dem nennt er wie Dutch Hain­burg als Fund­ort der Lei­che. Ver­wir­ren­der­wei­se da­tiert er den Auf­fin­de­zeit­punkt wie Koeves, und an­ders als Dutch, auf „Ende April“.

Thomp­son nennt – als ein­zi­ge Au­torin – den Wie­ner­wald als Fund­ort von Ket­telers sterb­li­chen Über­res­ten.

Der ge­naue Zeit­punkt von Ket­telers Er­mor­dung ist eben­so strit­tig: Ar­thur Schweit­zer be­haup­tet, die­se sei am 13. März er­folgt. Es scheint al­ler­dings so, als ob er in fahr­läs­si­ger Wei­se den Tag von Ket­telers Ver­schwin­den nach dem deut­schen Ein­marsch ein­fach mit dem Tag sei­ner Er­mor­dung gleich­ge­setzt hat, ohne zu be­den­ken, dass die Er­mor­dung Ket­telers auch deut­lich spä­ter, zu prak­tisch je­dem be­lie­bi­gen Zeit­punkt zwi­schen sei­nem Ver­schwin­den und dem Fund sei­ner Lei­che, er­folgt sein kann.

Ket­telers Vet­ter Phil­ipp Frei­herr von Boe­sela­ger er­klär­te in ei­nem Vor­trag am 14. Juli 2004 im Baye­ri­schen Land­tag, Ket­te­ler sei von der Ge­sta­po in sei­ner Ba­de­wan­ne er­tränkt und da­nach in die Do­nau ge­wor­fen wor­den, um ei­nen Selbst­mord vor­zu­täu­schen. Er be­rief sich da­bei dar­auf, dass die­se Um­stän­de bald all­ge­mein „ruch­bar“ ge­wor­den sei­en, da ein SD-Mann in „be­sof­fe­nen Zu­stand sich ei­nem an­de­ren ge­gen­über ge­rühmt hat­te“: „Wenn du nicht brav bist, er­trinkst auch du in der Ba­de­wan­ne wie dein Freund Ket­te­ler.“ Ket­telers Freund und Kol­le­ge in der Vi­ze­kanz­lei von Tschirsch­ky be­stä­tig­te 1972 in sei­nen Me­moi­ren die Va­ri­an­te des „Er­trän­kens“ durch die Ge­sta­po und gibt an, die­se In­for­ma­ti­on nach 1945 von den ge­mein­sa­men ehe­ma­li­gen Kol­le­gen Jos­ten und Ka­gen­eck im Spruch­kam­mer­ver­fah­ren ge­gen von Pa­pen er­fah­ren zu ha­ben. Au­ßer­dem nennt Tschirsch­ky ei­nen Jour­na­lis­ten und Mit­ar­bei­ter der Vi­ze­kanz­lei na­mens Wal­ter Bo­chow – den der ver­däch­tigt ein Mit­ar­bei­ter der Ge­sta­po ge­we­sen zu sein – als Mör­der Ket­telers: Dar­an dass Bo­chow, der ihn, Ket­te­ler und ihre Kol­le­gen be­reits in der Kanz­lei­zeit aus­spio­niert habe, Ket­te­ler „auf dem Ge­wis­sen“ habe, be­stehe für ihn, Tschirsch­ky, „kein Zwei­fel“.

1970 wur­de der Fall Ket­te­ler auf Er­su­chen des Wolf­gang Frei­herrn von Fürs­ten­berg aus Det­mold, ei­nem Mit­schü­ler und Cou­sin Wil­helm von Ket­telers, durch die Zen­tra­le Stel­le der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung der Län­der in Lud­wigs­burg zur Un­ter­su­chung an­ge­nom­men und zur Durch­füh­rung der Un­ter­su­chung an die Staats­an­walt­schaft in Braun­schweig de­le­giert. Im Zuge der Un­ter­su­chung wur­den ehe­ma­li­ge Kol­le­gen und Freun­de Ket­telers so­wie SD-Mit­ar­bei­ter ver­nom­men und In­di­zi­en ge­sam­melt. Das Ver­fah­ren konn­te schließ­lich – nach ei­ner vor­über­ge­hen­den Ein­stel­lung in den 1980er Jah­ren – 1994 auf An­re­gung des His­to­ri­kers Lutz Hach­meis­ter durch die Staats­an­walt­schaft Braun­schweig zu ei­nem er­folg­rei­chen Ab­schluss ge­bracht wer­den: Ge­stützt auf neu auf­ge­fun­de­ne Do­ku­men­te des SD ka­men die Braun­schwei­ger Er­mitt­ler zu dem Er­geb­nis, dass Ket­te­ler mit an Si­cher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit am 12. März vom SD auf dem Weg von der Woh­nung sei­ner Se­kre­tä­rin zur Bot­schaft ab­ge­fan­gen und ver­schleppt wor­den sei und dass er nach kur­zen Ver­hö­ren, in de­nen er sich wei­ger­te ein Ar­ran­ge­ment mit dem SD ein­zu­ge­hen, am 12. oder 13. März 1938 von dem SD-Mann Horst Böh­me (und un­iden­ti­fi­zier­ten Hel­fers­hel­fern) in sei­ner Ba­de­wan­ne er­tränkt und an­schlie­ßend in die Do­nau ge­wor­fen wur­de. Den Be­fehl zur Er­mor­dung Ket­telers hat­te Böh­me durch den SD-Chef Heyd­rich er­hal­ten, nach­dem Bo­chow, der – zu die­ser Zeit Jour­na­list für die Dai­ly Mail in Wien – als frei­er Nach­rich­ten­mann für Ket­te­ler tä­tig war, Heyd­rich über Ket­telers jüngs­te re­gi­me­feind­li­che Ak­ti­vi­tä­ten in­for­miert hat­te. Hach­meis­ter er­gänzt die kri­mi­na­lis­ti­schen Be­fun­de durch die Schluss­fol­ge­rung, dass Ket­te­ler wahr­schein­lich nach sei­ner Hin­den­burg-Ak­ti­on von 1934 ins Au­gen­merk des SD ge­ra­ten sei. Nach­dem er so­mit be­reits grund­sätz­lich als per­so­na non gra­ta galt, habe sei­ne Rei­se in die Schweiz im Fe­bru­ar ei­nen fri­schen An­lass für sei­ne Er­mor­dung ge­ge­ben, wozu die Si­tua­ti­on des An­schlus­ses Ge­le­gen­heit ge­bo­ten habe: Der SD habe be­fürch­ten müs­sen, dass sich un­ter den in der Schweiz von Ket­te­ler de­po­nier­ten Pa­pen-Do­ku­men­ten auch ein in Pa­pens Be­sitz ver­mu­te­tes Tes­ta­ment des ver­stor­be­nen Reichs­prä­si­den­ten Hin­den­burg be­fin­den könn­te, das eine an­de­re Per­sön­lich­keit als Hit­ler als sei­nen Nach­fol­ger im Amt des Reichs­prä­si­den­ten emp­feh­len wür­de. Als Haupt­ver­ant­wort­li­che für den Mord wur­den Böh­me (als Durch­füh­ren­der) und Heyd­rich (als Auf­trag­ge­ber) ge­nannt.

Mitgliedschaften

Ket­te­ler war Eh­ren­rit­ter des Mal­te­ser­or­dens.

Ehrungen

Die ka­tho­li­sche Kir­che hat Wil­helm Ema­nu­el Frei­herr von Ket­te­ler als Glau­bens­zeu­gen in das deut­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um des 20. Jahr­hun­derts auf­ge­nom­men.

Lizenz

Die­ser Ar­ti­kel ba­siert auf dem Ar­ti­kel Wil­helm Frei­herr von Ket­te­ler (Di­plo­mat) aus der frei­en En­zy­klo­pä­die Wi­ki­pe­dia und steht un­ter der Dop­pel­li­zenz GNU-Li­zenz für freie Do­ku­men­ta­ti­on und Crea­ti­ve Com­mons CC-BY-SA 3.0 Un­por­ted (Kurz­fas­sung). In der Wi­ki­pe­dia ist eine Lis­te der Au­toren ver­füg­bar.

Ähnliche Artikel

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://grosse-drenkpohl.de/wilhelm-freiherr-von-ketteler-diplomat/

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Scroll Up