Schloss Lembeck

Das Schloss Lembeck ist ein Wasserschloss bei Dorsten im südlichen Münsterland. Es liegt im Naturpark Hohe Mark umgeben von den Wäldern Der Hagen und Kippheide südlich des Dorstener Stadtteils Lembeck im Nordwesten des Kreises Recklinghausen.
Der Schlossname „Lembeck“ leitet sich aus dem Niederdeutschen her. Das Grundwort beke bedeutet „fließendes Wasser“ beziehungsweise „Bach“. Das Bestimmungswort, welches mit Lehm und Leim sprachverwandt ist, steht für „schleimig“. Somit kann man Lembeck als Lehmbach übersetzen, was auf den einstigen Standort des Schlosses inmitten eines Sumpf- und Moorgebietes hindeutet.
Der Lembecker Wiesenbach wird auf dem Schlossareal zu einem rechteckigen, 190 mal 160 Metern messenden und die Anlage umgebenden Teich gestaut. Die einzelnen Teile des Schlosses liegen so auf Inseln, die durch Brücken miteinander verbunden sind.
Die barocke Schlossanlage wird durch eine 500 Meter lange, geradlinige Ost-West-Achse symmetrisch gegliedert. Sie beginnt mit einer 200 Meter langen Allee, die von Osten her auf die ehemals dreiflügelige Vorburg zuläuft. Eine solche „Aufreihung“ der Gebäude an einer durchschreitbaren Achse ist in der Bauzeit des Barock nur sehr selten anzutreffen. Lediglich die Anlage des Schlosses Schönbrunn in Wien besitzt ebenfalls eine solche Strukturierung, wenngleich aufwändiger und größer gestaltet.
Vorburg
Die zweiflügelige Vorburg besitzt eine schlichte, eingeschossige Fassade mit 110 Meter Breite, die nur durch einen zweigeschossigen Torbau aus gequadertem Sandstein in ihrer Mitte unterbrochen wird. Erreichbar über zwei hintereinander folgende Brücken besitzt er heute ein schlichtes Mansarddach. Sein Schlussstein über der Tordurchfahrt mit den Wappen Dietrich Conrad Adolfs von Westerholt zu Lembeck und dessen Ehefrau Marie Theodora von Waldbott-Bassenheim-Gudenau zeigt die Jahreszahl 1692, jenes Jahr, in dem der Umbau der Vorburg beendet wurde.
Der südliche Flügel der Vorburg wird an seinen Enden durch eingeschossige, mit Welschen Hauben und Kaiserstielenden versehene Ecktürme begrenzt, die im Keller Schlüssellochscharten aufweisen. Der Südost-Turm besitzt zudem eine Schießscharte, wie sie auch links und rechts neben dem Torbau zu finden sind.
Herrenhaus
Über den Vorburghof und eine steinerne Rundbogenbrücke ist das dreigeschossige Herrenhaus erreichbar. Ursprünglich als Dreiflügelanlage geplant kam es wahrscheinlich aus finanziellen Gründen nur als zweiflügeliges Gebäude zur Ausführung. Es besaß ehemals einen Verputz mit eingeritzten Quadern, nicht wie früher angenommen mit aufgemalter Quaderung (Lit.: Evers, 1981).
Der Ostflügel mit seinen zwei Pavillontürmen besitzt eine Länge von 94 Metern und wurde 1679 fertig gestellt (Lit.: Evers, 1981). Der nördliche Flügel ist älteren Datums und wurde in der Zeit von 1674 bis 1679 in Umbauarbeiten einbezogen (siehe Baugeschichte).
Das Portal aus Sandstein ist vorgeblendet und wesentlich aufwändiger gestaltet als das der Vorburg. Durch seine Höhe bis zum Dachansatz wirkt es wie ein Mittelrisalit. Es zeigt das Allianzwappen Burchardts von Westerholt zu Lembeck und seiner Frau Clara von der Recke. Die dahinter liegende Durchfahrtshalle lehnt sich an Vorbilder der italienischen Renaissance und des Manierismus an. Ähnliche Durchfahrtshallen findet man auch im Palazzo Pitti und Palazzo Strozzi in Florenz sowie im Palazzo Farnese in Rom: Ankommende Gäste konnten bei Regen trockenen Fußes das Gebäude betreten, während ihre Kutschen im Innenhof gewendet oder abgestellt wurden.
Vom Innenhof des Herrenhauses führt eine breite, 14-stufige Freitreppe aus Sandstein auf eine Terrasse aus dem 19. Jahrhundert, von der aus das heutige Eingangsportal zu erreichen ist.
Auf der dem Innhof zugewandten Seite besitzt die Fassade einen kleinen, renaissancehaft wirkenden Erker, der auf zweifach geschwungenen Sandsteinkonsolen steht. Seine Front ist durch sechs Fenster unterteilt, deren Glasscheiben zum Teil mit Jahresangaben versehen sind (späteste Jahresangabe 1677) und einen Hinweis auf seine Bauzeit geben.
Sämtliche Ecktürme des Herrenhauses besitzen Welsche Hauben und birnenförmige Schießscharten in ihrem Sockelbau.
Nach Westen ist die Herrenhausinsel durch eine hölzerne Zugbrücke mit den Parkanlagen verbunden. Die Brückenpfeiler aus Backstein sind mit gelblichem Baumberger Sandstein gefasst und werden von wappenhaltenden Putten gekrönt. Die Pfeiler wurden 1728 von Johann Conrad Schlaun entworfen und kurz nach 1730 errichtet. Die Putti halten Wappen von Ferdinand von Merveldt und Maria von Westerholt-Lembeck.
Kapellenturm
Der im neugotischen Stil gehaltene Kapellenturm befindet sich an der nordwestlichen Ecke des Herrenhauses. Er ist der am häufigsten veränderte Teil des Schlosses. Sein Portal auf der Ostseite stammt seiner Gestaltung nach vom Ende des 17. Jahrhunderts. Früher war sein Keller ein Gefängnis, heute dient er als Weinkeller des im Schloss beheimateten Restaurants. Sein einstiges Kreuzgewölbe wurde 1737 abgerissen.
Der Turm erhielt seinen Namen von der dort seit 1737 verbürgten Kapelle, die erstmals 1363 – damals noch im Saalkammerhaus – Erwähnung fand. Die Behauptung, die Kapelle sei 1692 vom Saalkammerhaus dorthin verlegt worden (Lit.: Neumann, 2002) ist nach bisheriger Urkundenlage historisch nicht gesichert.
Besitzer und Bewohner
Mit Adolf von Lembeck (auch von Lehembeke) wird 1177 erstmals ein Ritter dieses Namens als Ministeriale des Münsteraner Bistums urkundlich erwähnt. Seine Familie, die Herren von Lembeck, übte die Gerichtsbarkeit über die gleichnamige Herrlichkeit aus.
Als 1526 mit Johann von Lembeck die Familie im Mannesstamm erlosch, kam die damalige Burg über Johanns Tochter Berta, die seit 1515 mit Bernhard I. von Westerholt verheiratet war, an diese mächtige, westfälische Adelsfamilie. Bernhard I. begründete so die Linie „von Westerholt zu Lembeck“. Seine offizielle Belehnung mit der Herrlichkeit durch den Bischof von Münster, Franz von Waldeck, geschah im Jahre 1536. Bernhard war dessen Vertrauter und hatte das Oberkommando über die bischöfliche Reiterei. Außerdem gehörte er dem Ausschuss zur Vertreibung der Wiedertäufer aus Münster an und unterstützte den Bischof, als dieser 1534 vor der Wiedertäuferbewegung nach Dülmen fliehen musste.
Als Bernhard I. am 26. August 1554 verstarb, übernahm sein Sohn Bernhard II. als Majoratsherr die Familiengeschäfte und führte die Tradition der starken Bindung an Münster fort.
1576 brach der Achtzigjährige Krieg über Burg und Herrlichkeit Lembeck herein. Sowohl Bernhard II. als auch sein Sohn Matthias, der ihm als Majoratsherr der Familie nachfolgte, taten ihr Bestes, um ihr Lehen vor Übel zu bewahren, doch konnten sie nicht verhindern, dass die Region stark unter den Kriegsgeschehnissen zu leiden hatte. Matthias von Lembeck genoss hohes Ansehen beim Adel der Region und konnte gemeinsam mit den Herren von Velen, von Galen und von Raesfeld die Besetzung des Stiftes Münster durch spanische Truppen verhindern. Mehr noch, durch Verhandlungen mit den Spaniern ab 1607 erreichte Matthias sogar, dass das Stift auch weiterhin nicht von spanischen Truppen behelligt wurde.
Der kränkelnde Matthias übergab die Herrschaft noch zu Lebzeiten an seinen Bruder Johann.
Die Folgen des Achtzigjährigen Krieges waren eine hohe Verschuldung der Herren von Lembeck, so dass Johann gezwungen war, die Burganlage 1631 an seinen Verwandten Bernhard von Westerholt-Hackfurt aus dem niederländischen Zweig der Familie zu verkaufen. Jener Bernhard war Hauptgläubiger der Herren von Lembeck und erhob Ansprüche von insgesamt 111.000 Reichstalern, die auf andere Weise nicht getilgt werden konnten.
Bernhard von Westerhold-Hackfurt focht während des Dreißigjährigen Krieges auf Seiten der katholischen Liga und hatte es dort bis zum Oberst in der kaiserlichen Armee gebracht. Bis zum Jahr 1633 blieben Burg und Herrlichkeit von diesem Krieg verschont, doch dann brach er auch über Lembeck herein. Zu Beginn des Jahres 1633 erhob Kaiser Ferdinand II. Bernhard für seine militärischen Verdienste in den Reichsfreiherrenstand, doch diese Nachricht erreichte den frisch gebackenen Freiherren nicht mehr auf seiner Burg in Lembeck, denn er hatte sich vor den Truppen des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel auf ein Familiengut in Haselünne flüchten müssen. An seiner Statt residierte seit dem 16. Februar 1633 nun der General Peter Melander von Holzappel dort. Er hatte nach dem damals geltenden Kriegsrecht die Burg für sich eingenommen und zu seinem Hauptquartier gemacht. Bernhard wurde kurzerhand enteignet und starb am 19. November 1638 im „Exil“.
Erst 1641 gelang es Bernhards ältestem Sohn Burchard, die Burg wieder für seine Familie in Besitz zu nehmen. Dessen Sohn Dietrich Conrad Adolf wurde 1700 in den erblichen Stand eines Reichsgrafen erhoben und ließ in der Zeit von 1670 bis 1692 die Anlage zu einem der größten Wasserschlösser des Münsterlandes aus- und umbauen.
Als er 1702 ohne männliche Nachkommen verstarb, brachte seine Erbtochter Maria Josepha Anna das Schloss 1708 durch Heirat mit dem Wolbecker Drosten Ferdinand Dietrich Freiherr von Merveldt zu Westerwinkel an diese Adelsfamilie, die 1726 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. In ihrem Besitz befindet sich die Anlage noch heute. Derzeitige Inhaber sind Ferdinand Graf von Merveldt und seine Frau Catharine.
Baugeschichte
Ein wehrhaftes Gut, der sogenannte Oberhof in der Le(h)mbecke, wird bereits in Urkunden aus dem 12. Jahrhundert genannt und dort als Besitz des Bischofs von Münster ausgewiesen. Er lag etwas abseits der damaligen Dörfer Lembeck und Wulfen und wurde durch die Herren von Lembeck verwaltet und bewohnt.
Diese bauten eine Turmhügelburg als neuen Familiensitz am Ort des heutigen Schlosses, die im 14. Jahrhundert das erste Mal urkundliche Erwähnung findet. Sie stand inmitten von Sumpf und Wasser und wurde in dieser Zeit nach Norden hin durch einen Anbau mit zwei Räumen (das so genannte Zweikammerhaus) erweitert. Seit 1390 war sie ein Offenhaus des Bischofs von Münster. Im 15. Jahrhundert kamen eine Erweiterung sowie ein Eckturm (der so genannte Kapellenturm) im Westen hinzu.
Um 1490 erfolgte eine Zusammenlegung des Grundbesitzes beider zu jener Zeit bestehenden Häuser. Die alte Burg wurde im Anschluss daran abgerissen.
Seine grundlegende, heutige Gestalt erhielt Schloss Lembeck unter Dietrich Conrad Adolf von Westerholt-Lembeck, der es in der Zeit von 1674 bis 1692 im Stil des Barock aus- und umbauen ließ. Der mit der Ausführung beauftragte Baumeister ist bis heute unbekannt. Zwar nennt eine Vermessungsurkunde von 1674 einen „Meister Emond“, doch ist nicht sicher, ob es sich hier um den Baumeister oder aber nur um einen Maurermeister handelte.
Ab 1674 wurde mit dem Umbau und der Erweiterung des alten Dreikammerhauses begonnen. Ihm wurde südlich ein Flügel hinzugefügt, der 1679 fertiggestellt wurde.
Ein Umbau der Vorburganlage schloss sich bis 1692 an. Die einzelnen Bauphasen dieser Gebäude lassen sich noch durch die unterschiedliche Höhe der Geschosse und deutlich sichtbare Baufugen ablesen. Letztere versuchte man, mit einem Verputz, der heute nicht mehr erhalten ist, zu verdecken. 1741 erhielt der Torbau sein heutiges Mansarddach. Zuvor war er – wie sämtliche Türme der Schlossanlage – durch eine Welsche Haube gekrönt.
Für nachfolgende Umbauarbeiten im 18. Jahrhundert zeichnete der Münsteraner Architekt Johann Conrad Schlaun verantwortlich. Nach ihm ist der prachtvoll gestaltete Schlaunsche Saal im Nordflügel des Haupthauses mit spätbarocker Ausstattung benannt, der von ihm gestaltet wurde. Einhergehend mit dessen umfassender Neugestaltung wurde ein Renaissance-Erker an der Nordfassade des Flügels abgebrochen.
Nachdem im Jahr 1829 die Baufälligkeit des Kapellenturms festgestellt worden war, wurde dieser in den Jahren 1831 bis 1833 grundlegend restauriert. Erhaltene Dokumente aus der Bauzeit legen nahe, dass es sich bei den Arbeiten nicht um reine Sanierungsmaßnahmen, sondern vielmehr um einen fast völligen Abriss und Wiederaufbau gehandelt haben muss.
1887 brannte der Stallungen beinhaltende Nordflügel der Vorburg mit beiden Ecktürmen ab und wurde nicht wieder aufgebaut. Allerdings könnte die Datierung des Brandes falsch sein, denn erst 1889 existiert ein Aktenvermerk, der einen Brand in jenem Jahr vermuten lässt: „Einer der vier Ecktürme der Vorburg wurde durch die Unvorsichtigkeit der Russen eingeäschert.“
Während des Zweiten Weltkriegs trug Schloss Lembeck durch Bombentreffer und Vandalismus der Besatzer erhebliche Schäden davon. Nach deren Reparatur öffneten die damaligen Eigentümer, Maria-Josefa Freifrau von Twickel, geborene Gräfin von Merveldt, und ihr Ehemann Johannes 1954 die Anlage für die Öffentlichkeit.
1958 wurde deshalb der Südflügel der Vorburg zu Wohnzwecken umgebaut, da die Schlossbesitzer eine ruhigere Unterkunft benötigten. Zuvor wurde die Vorburg noch als reines Geräte- und Stallungsgebäude genutzt, und in ihrem Südwest-Turm war im 19. Jahrhundert eine Branntweinbrennerei eingerichtet.
In den 1960er und 1970er Jahren wurden von Seiten des Landesamts für Denkmalpflege zahlreiche Restaurierungs- und Sanierungsmaßnahmen auf Schloss Lembeck durchgeführt. Unter anderem wurden 1969 die Schlaunschen Brückenpfeiler zum Garten restauriert und 1977 auf die roten Ziegel des Kapellenturms in Anlehnung an frühere Zeiten ein grauer Verputz aufgebracht.
Nach Umbauarbeiten konnte zudem 1965 im Obergeschoss des Herrenhauses ein Hotel und im Gewölbekeller ein Restaurant eröffnet werden.
Die vier grundlegenden Bauphasen des Herrenhauses von Schloss Lembeck lassen sich heute sehr gut an den Mauerstärken des vorhandenen Baubestands ablesen: je dicker die Mauer, desto höher ihr Alter. Erhaltene Teile des einstigen Wohnturms bzw. Saalkammerhauses der Herren von Lembeck im Nordflügel weisen eine Dicke von bis zu 2,30 Metern auf. Mit Ausnahme der Westseite des Prahlhans-Zimmers sowie die Nord- und Südwand des Schlaunschen Festssaales sind die erhaltenen Mauern der zweiten Bauphase zuzuordnen (1,90 bis 2,10 Meter). Der Anbau des südlichen Flügels sowie der drei Ecktürme lässt sich als dritte Bauphase charakterisieren: Die Fassadenmauern des Flügel sind 1,10 bis 1,30 Meter dick, während die Ecktürme eine Mauerstärke von 1,40 – 1,70 Metern aufweisen. Die im Vergleich zu den beiden übrigen Ecktürmen geringe Mauerstärke des Kapellenturms lässt sich durch seinen wahrscheinlichen Neuaufbau ab 1831 erklären.
Parkanlage
Nach den Umbauarbeiten in den Jahren 1674 bis 1692 wurde westlich des Schlosses nach Entwürfen von August Reinking ein Barockgarten nach französischem Vorbild mit symmetrischen Wegeachsen angelegt. Eine Bestandsaufnahme der landschaftlichen Umgebung Lembecks aus dem Jahr 1804 zeigt, wie die „alles durchdringende“ Ost-West-Achse der Anlage im Waldgebiet Der Hagen endete.
Von den östlichen Anlagen ist heute kaum noch etwas zu sehen. Lediglich einige überwucherte Schneisen im Wald zeugen davon, dass dieser Teil einst mit zum Gestaltungskonzept gehörte.
Im 19. Jahrhundert wurde die Parkanlage unter Ferdinand-Anton von Merveldt dem Zeitgeschmack entsprechend zu einem englischen Landschaftsgarten umgestaltet.
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