Schloss Raesfeld

Schloss Raesfeld

Schloss Raes­feld

Das Schloss Raes­feld [ˈraːsˌfɛlt] ist ein Was­ser­schloss in Raes­feld im Kreis Bor­ken, Nord­rhein-West­fa­len.

Die Ge­schich­te der An­la­ge reicht bis in die An­fän­ge des 12. Jahr­hun­derts zu­rück. Ende des 16. Jahr­hun­derts kam die Rit­ter­burg der Her­ren von Raes­feld in den Be­sitz de­rer von Ve­len. Mit­te des 17. Jahr­hun­derts ließ der Reichs­graf Alex­an­der II. von Ve­len die Burg zum Re­si­denz­schloss im Stil der Re­nais­sance aus­bau­en. In der ers­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts starb das Ge­schlecht der von Ve­len zu Raes­feld aus; das Schloss wur­de nur noch un­re­gel­mä­ßig be­wohnt und ver­fiel all­mäh­lich. Zu An­fang des 19. Jahr­hun­derts wur­den Tei­le der An­la­ge ab­ge­ris­sen oder bis ins 20. Jahr­hun­dert als land­wirt­schaft­li­cher Guts­hof ge­nutzt. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg lie­ßen es die Hand­werks­kam­mern des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len als neue Be­sit­zer re­stau­rie­ren. Heu­te ist das Schloss Sitz der Fort- und Wei­ter­bil­dungs­ein­rich­tung der Hand­werks­kam­mern und wird für kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen und als Re­stau­rant ge­nutzt. Seit 2007 kann man hier hei­ra­ten.

Von den ehe­mals vier Flü­geln des Ober­burg ste­hen heu­te noch der West­flü­gel mit dem mar­kan­ten stu­fen­för­mi­gen Turm und der nörd­lich an­gren­zen­de Alt­bau mit ei­nem wie­der­auf­ge­bau­ten Rund­turm. Was­ser­grä­ben tren­nen die Ober­burg von der Vor­burg und der dörf­li­chen Schloss­frei­heit mit der Schloss­ka­pel­le. Der an­gren­zen­de Tier­gar­ten ge­hört zu den we­ni­gen er­hal­te­nen aus der Zeit der Re­nais­sance. Eine na­tur- und kul­tur­his­to­ri­sche Aus­stel­lung im mo­der­nen In­for­ma­ti­ons- und Be­su­cher­zen­trum Tier­gar­ten Schloss Raes­feld wird die­ser Son­der­stel­lung ge­recht. Der Tier­gar­ten ist ein­ge­bun­den in das Eu­ro­pean Gar­den He­ri­ta­ge Net­work.

Architektur und Baugeschichte

Die Schloss­an­la­ge be­steht aus der Ober­burg, der Vor­burg und der um­ge­ben­den Schloss­frei­heit mit­samt der Schloss­ka­pel­le. Eine Gräf­te trennt die ein­zel­nen Tei­le, die ur­sprüng­lich nur über Zug­brü­cken ver­bun­den wa­ren. Der Kunst­his­to­ri­ker Ri­chard Klapheck schrieb: „Von Sü­den ge­se­hen, bil­det die Ge­samt­an­la­ge das ein­drucks­vol­le Bild wun­der­bar aus­ge­gli­che­ner Bau­mas­sen. Nir­gend­wo eine ba­ro­cke, ge­walt­sa­me Stö­rung trotz der über­mäch­ti­gen Turm­ver­ti­ka­len. Ober­burg und Un­ter­burg sind so zu­ein­an­der grup­piert, daß das For­tis­si­mo der an­ge­schla­ge­nen Töne zu ei­ner Har­mo­nie zu­sam­men­klingt und das Ge­samt­bild nur Gleich­maß und Ruhe at­met.“

Der Vor­gän­ger der heu­ti­gen An­la­ge ist wahr­schein­lich die nicht mehr er­hal­te­ne, Kre­tier ge­nann­te Turm­hü­gel­burg. Sie stand im gro­ßen Esch in der Nähe der Is­sel­quel­le etwa drei Ki­lo­me­ter nörd­lich des heu­ti­gen Schlos­ses. Gra­bun­gen in den 1950er und 1960er Jah­ren und dend­ro­chro­no­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen er­ga­ben, dass dort um 1117 eine höl­zer­ne Turm­hü­gel­burg mit Was­ser­grä­ben über eine Flach­sied­lung des 9. oder 10. Jahr­hun­derts er­rich­tet wur­de. Die­se ist ver­mut­lich die 889 n. Chr. im He­be­re­gis­ter des Klos­ters Wer­den erst­mals ur­kund­lich er­wähn­te Sied­lung Hro­t­hus­feld (ge­ro­de­tes Feld), auf die der Name Raes­feld zu­rück­geht. Ver­mut­lich nach 1259 brann­te die höl­zer­ne An­la­ge ab. Sie wur­de nicht wie­der auf­ge­baut und ver­fiel.

Statt­des­sen wur­de an der Stel­le des heu­ti­gen Schlos­ses eine ers­te stei­ner­ne Burg er­rich­tet. Die Burg hat­te die Form ei­nes un­re­gel­mä­ßi­gen Recht­ecks mit Kan­ten­län­gen von 8,60 m und 9,30 m. An der Nord­west­ecke des Nord­flü­gels der Ober­burg sind Tei­le er­hal­ten. Es han­delt sich um eine etwa 1,80 m di­cke Mau­er aus Bruch­stei­nen und Kalk­m­ör­tel mit Schieß­schar­ten.

Die Burg wur­de zum Ende des 14. Jahr­hun­derts zwei­ge­schos­sig und auf etwa 30,20 m Län­ge und etwa 12,40 m Brei­te er­wei­tert. Au­ßer­dem wur­de sie um ei­nen Vier­kant­turm an der süd­li­chen Ecke und ei­nen run­den Wehr­turm auf der dia­go­nal ge­gen­über­lie­gen­den Ecke im Nor­den er­gänzt.

Da der Dach­stuhl 1597 ab­ge­brannt war, ließ Alex­an­der I. von Ve­len die Burg von 1604 bis 1606 durch den Bau­meis­ter Hein­rich von Bor­ken neu auf­bau­en. Der teil­wei­se zer­stör­te Rund­turm wur­de wie­der auf­ge­baut und er­hielt eine wel­sche Hau­be. Den Ab­schluss der Ar­bei­ten be­zeu­gen die Ei­sen­zah­len ‚1606‘ an der Süd­sei­te des Flü­gels. Die Ost­wand muss­te al­ler­dings 1614 er­neut auf­ge­baut wer­den, da ein Sturm die Wand zer­stört hat­te. Die Ost­sei­te wur­de da­bei erst­mals mit Schmuck­werk wie Ge­sims­bän­dern und Wap­pen an den Gie­bel­kan­ten ver­ziert. Der an­ge­brach­te vier­tei­li­ge Er­ker trägt die Jah­res­zahl 1561 und stammt ur­sprüng­lich vom Schloss Ve­len. Um 1900 wur­de er ab­ge­nom­men und war bis 1933 wie­der am Schloss Ve­len, um dann er­neut nach Schloss Raes­feld zu ge­lan­gen.

Kar­te von Schloss und Tier­gar­ten. Jo­han Rei­ner Oßing, 1729

Die­ser Back­stein­bau wur­de als Nord­flü­gel in den Aus­bau zum Re­si­denz­schloss ab 1643 von Alex­an­der II. von Ve­len ein­be­zo­gen. Drei zu­sätz­li­che Flü­gel im Stil der Re­nais­sance schlos­sen mit dem al­ten Her­ren­haus ei­nen recht­ecki­gen In­nen­hof ein. Zwei die­ser Flü­gel, die nied­ri­ge Ga­le­rie mit dem Ar­ka­den­gang zum In­nen­hof und der Ein­gangs­flü­gel zur Ober­burg, mit­samt ei­nem präch­ti­gen Ein­gangs­por­tal, wur­den im 19. Jahr­hun­dert ab­ge­tra­gen. Heu­te steht aus die­ser Bau­pe­ri­ode auf der Ober­burg nur noch der west­li­che Wohn­flü­gel mit ei­nem Man­sard­dach und der Turm. Der be­herr­schen­de etwa 50 m hohe Turm schließt sich dem West­flü­gel im Sü­den an. Den sechs­stö­cki­gen Turm krönt ein bron­ze­ner Helm, der sich steil nach oben ver­jüngt und von ei­nem Zwie­be­lauf­bau ab­ge­schlos­sen wird. Die ei­gen­wil­li­ge Form mit den drei­fach ab­ge­setz­ten Py­ra­mi­den­stümp­fen wird dem Früh­ba­rock zu­ge­rech­net. Klapheck be­zeich­ne­te ihn als „stein ge­wor­de­nen Trom­pe­ten­stoß“. 1959 wur­de der Turm mit Kup­fer­ble­chen neu ein­ge­deckt.

Als Bau­meis­ter wur­de 1646 den Ka­pu­zi­ner und Ar­chi­tekt Mi­cha­el van Gent en­ga­giert. Die­ser war 1585 als Ja­co­bus van Pou­ke bei Gent ge­bo­ren und leb­te zu die­ser Zeit in Müns­ter. Als Mi­cha­el van Gent 1647 nach Rom be­ru­fen wur­de, führ­ten Ja­cob und Jo­hann Schmidt aus Ro­er­mond die Ar­bei­ten nach ei­nem Mo­dell van Gents fort. Die Stein­metz­ar­bei­ten er­le­dig­te Re­mi­gius Roß­kot­ten. Um 1648 war die Vor­burg und um 1653 die Ober­burg fer­tig­ge­stellt, die Bau­kos­ten be­tru­gen ins­ge­samt etwa 80.000 Reichs­ta­ler.

Als Bau­ma­te­ri­al wur­den auch bei den neu­en Flü­geln vor al­lem Back­stein­zie­gel be­nutzt. Für die Por­ta­le, die Bal­ken und Rah­men der Fens­ter, die Eck­qua­de­run­gen und das Schmuck­werk kam hel­ler Baum­ber­ger Sand­stein zum Ein­satz. Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts er­hiel­ten die da­mals rot-wei­ßen Fens­ter­lä­den und Por­ta­le ei­nen rot-gel­ben An­strich, wie sie ihn, in An­leh­nung an das rot-gol­de­ne Wap­pen de­rer von Ve­len, ver­mut­lich im 17. Jahr­hun­dert hat­ten. Zu­vor wa­ren sie ver­mut­lich blau-weiß ge­stri­chen. Die Dä­cher wur­den mit ro­ten Dach­zie­geln, die Turm­hau­ben mit Mo­sel­schie­fer ein­ge­deckt.

Der West­flü­gel wird in sei­ner Höhe von meh­re­ren Ge­sims­bän­dern ge­teilt. In der Ver­ti­ka­len glie­dern ihn die re­gel­mä­ßi­gen Stein­kreuz­fens­ter. Sie wer­den im ers­ten Ge­schoss von Drei­ecks­gie­beln be­krönt, in de­ren Mit­tel­feld ab­wech­selnd En­gels­köp­fe und Mu­scheln dar­ge­stellt sind. Im zwei­ten Ge­schoss ent­las­ten fla­che dop­pel­te Bö­gen mit Kämp­fern aus Sand­stein über den Fens­tern ein von Kon­so­len ge­tra­ge­nes Dach­ge­sims. Die Ent­las­tungs­bö­gen über den Fens­tern des Kel­ler­ge­schos­ses sind wie in den hö­he­ren Eta­gen des Tur­mes als ein­fa­che halb­run­de Bö­gen aus­ge­führt, die Kämp­fer und Schluss­stei­ne aber auf­wän­di­ger aus be­haue­nem Sand­stein. Die Hof­sei­te des West­flü­gels ist re­prä­sen­ta­tiv ge­stal­tet: Die Ein­gangs­tür zum ers­ten Ge­schoss in der Süd­ecke ist mit rei­cher Vo­lu­ten­or­na­men­tik und ei­nem dar­über be­find­li­chen Och­sen­au­ge ge­schmückt. Un­ter den Fens­tern des ers­ten Ge­schos­ses be­fin­den sich je­weils stei­ner­ne Kar­tu­schen. Die ko­rin­thi­schen Ka­pi­tel­le der Pi­las­ter zwi­schen den Fens­tern zie­ren ab­wech­selnd En­gels­fi­gu­ren und Vo­lu­ten, sie tra­gen ein Ar­chi­trav nach ko­rin­thi­schem Vor­bild mit Vo­lu­ten­mä­an­dern. Die Ba­sis der Schein­säu­len bil­den mit Lö­wen­köp­fen skulp­tier­te Werk­stei­ne.

Für den Aus­bau von Schloss Raes­feld las­sen sich in der Um­ge­bung kei­ne ver­gleich­ba­ren Vor­bil­der fin­den. Klapheck sieht Raes­feld im Zu­sam­men­hang mit den Schloss­bau­ten im gel­drisch-lim­bur­gi­schen Maas­tal. Raes­feld be­zeich­net er als öst­lichs­ten Aus­läu­fer ei­ner Maas­tal-Back­stein-Ar­chi­tek­tur im 17. Jahr­hun­dert zu der er un­ter an­de­rem die Schlös­ser Hoens­bro­ek und Schaes­berg bei Heer­len und Schloss Lee­rodt bei Gei­len­kir­chen zählt. Die Schlös­ser wa­ren Alex­an­der II. selbst we­gen ver­wandt­schaft­li­cher Be­zie­hun­gen zu den Schloss­her­ren oder zu­min­dest den hol­län­di­schen Bau­meis­tern be­kannt.

Das In­ne­re wur­de im Zuge des Aus­baus eben­so pracht­voll ein­ge­rich­tet. Die Räu­me schmück­ten Ta­pe­ten aus Le­der und Go­be­lins, die De­cken wa­ren mit ba­ro­cken Stu­cka­tu­ren und Bil­dern ver­ziert. Die Lai­bun­gen der Fens­ter im Rit­ter­saal des al­ten Her­ren­hau­ses hat­te François Wal­scha­erth aus Maas­tricht mit Göt­tern und Hel­den aus der grie­chi­schen My­tho­lo­gie be­malt. An­dre­as Pe­ter­sen mal­te Vö­gel und Or­na­men­te auf die Saal­tü­ren. Als wei­te­re Räu­me sind das Pa­ra­de­zim­mer, das Schreib­zim­mer des Gra­fen, die Bi­blio­thek, das Bil­lard­zim­mer, die Por­zel­lan­kam­mer, das Blaue und das Grü­ne Zim­mer zu nen­nen. Doch von der Ein­rich­tung war schon bei ei­ner In­spek­ti­on im Fe­bru­ar 1772 kaum et­was üb­rig. Das In­ven­tar kam zum Teil nach Schloss Ve­len, Üb­ri­ges wur­de wäh­rend des Leer­stands und der Be­set­zun­gen fast aus­nahms­los ge­plün­dert oder zer­stört. Bis heu­te ist ein Cem­ba­lo er­hal­ten, das Alex­an­der II. 1640 bei der be­kann­ten flä­mi­schen Werk­statt Ru­ckers er­wor­ben hat­te.

Wie der Por­tal­flü­gel, der Trep­pen­turm im In­nen­hof und der Ga­le­rie­flü­gel wur­de der aus dem 14. Jahr­hun­dert stam­men­de run­de Wehr­turm im 19. Jahr­hun­dert ab­ge­bro­chen. 1959 wur­de die noch bis zu 2,50 m ho­hen und 2,70 m star­ken Res­te bis auf das Fun­da­ment aus Ei­chen­pfäh­len ab­ge­tra­gen. Da­bei fand man ei­nen drei­bei­ni­gen Koch­topf aus Bron­ze („Gro­pe“) und ei­nen Bart­manns­krug aus dem 17. Jahr­hun­dert, die ver­mut­lich bei der In­stand­set­zung des Tur­mes um 1600 ein­ge­mau­ert wur­den. Der Rund­turm wur­de 1960 wie­der auf­ge­baut.

Nach dem star­ken Ver­fall im 18. und 19. Jahr­hun­dert wur­de das Schloss 1922 und 1930 bis 1932 re­no­viert. Von 1950 bis 1957 wur­den die Kriegs­schä­den be­sei­tigt und das In­ne­re des Schlos­ses um­ge­stal­tet. Im Rah­men der Sa­nie­rung wur­den da­bei zahl­rei­che Wän­de ent­fernt und neue Fens­ter im Nord­flü­gel durch­ge­bro­chen. 1951 wur­de in der nörd­li­chen Ecke zwi­schen West- und Nord­flü­gel ein Kü­chen­trakt für die Schloss­gas­tro­no­mie an­ge­baut und der Trep­pen­auf­gang zum ers­ten Ge­schoss im In­nen­hof um­ge­baut.

Vorburg

Die Vor­burg be­fin­det sich auf ei­ner ei­ge­nen In­sel zwi­schen Frei­heit und Ober­burg. Dort wa­ren die Ver­wal­tungs- und Wirt­schafts­räu­me un­ter­ge­bracht. Die Vor­burg ent­stand zwi­schen 1646 und 1648. Das an der Nord­sei­te quer zur lang­ge­streck­ten Vor­burg ge­stell­te Bau­haus stand schon seit etwa 1600 dort. Es er­in­nert an ein west­fä­li­sches Bau­ern­haus und wur­de auch als Vieh­stall und Ern­te­kam­mer ge­nutzt. Ne­ben der Tor­durch­fahrt zur Frei­heit etwa in der Mit­te der Vor­burg steht auf der Hof­sei­te der Trep­pen­turm, der zum Ober­ge­schoss führt. Im Sü­den wird die Vor­burg vom so­ge­nann­ten Stern­deu­ter­turm flan­kiert. Der Turm soll von Alex­an­der II. von Ve­len für as­tro­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen ge­nutzt wor­den sein, wo­durch sich auch der Name des Turms er­klärt. Bei der Re­stau­rie­rung des Stern­deu­ter­turms im Jahr 2001 fand man Hin­wei­se, dass auch der Süd­teil der Vor­burg auf äl­te­ren, mit­tel­al­ter­li­chen Grund­mau­ern auf­ge­baut wor­den ist. 1923 wur­de im Sü­den eine Re­mi­se an­ge­fügt. 1981 bis 1983 wur­de die Vor­burg grund­sa­niert.

Die Ge­schos­se sind durch um­lau­fen­de Ge­sims­bän­der ge­teilt und Schil­der zie­ren die Trauf- und Firste­cken der Gie­bel; doch ins­ge­samt ist die Vor­burg schlich­ter ge­stal­tet als der West­flü­gel der Ober­burg aus der glei­chen Bau­pha­se. Die Stein­kreuz­fens­ter tra­gen kei­ne Drei­ecks­gie­bel oder an­de­re Ver­zie­run­gen und die Ent­las­tungs­bö­gen sind wie in den obe­ren Ge­schos­sen des Haupt­turms halb­rund und mit be­haue­nen Kämp­fern und Schluss­stei­nen aus­ge­führt. Das Dach­ge­schoss des fünf­stö­cki­gen Stern­deu­ter­turms wird von ei­ner Ga­le­rie um­lau­fen. Dar­über be­ginnt eine Wel­sche Hau­be, die nach ei­ner La­ter­ne in ver­klei­ner­ter Form und mit ok­to­go­na­lem Grund­riss wie­der­holt wird. Der Trep­pen­turm trägt eben­falls eine Wel­sche Hau­be. Auf der Hof­sei­te wur­de über der Tor­durch­fahrt 1649 eine Stein­ta­fel ein­ge­setzt, in die die Ge­schich­te des Schlos­ses in la­tei­ni­scher Pro­sa ein­ge­schla­gen wur­de. Eine Über­set­zung der In­schrift be­fin­det sich in der Tor­durch­fahrt. Von der Frei­heit kom­mend, be­fin­det sich süd­lich der Tor­durch­fahrt ein acht­ecki­ger Schwe­be­er­ker. Über der Ein­fahrt hing ur­sprüng­lich das Al­li­anz­wap­pen von Alex­an­der II. von Ve­len und sei­ner Frau Alex­an­dri­ne von Huyn und Ge­len, das heu­te in der Aus­stel­lung des Be­su­cher- und In­for­ma­ti­ons­zen­trums zu se­hen ist.

Freiheit und Kapelle

Wall­an­la­gen im Nor­den und Os­ten so­wie ein Tor­haus mit Mau­er schütz­ten die dörf­li­che Burg­frei­heit. Um 1729 stan­den etwa 30 Häu­ser, in de­nen die Hof- und Dienst­leu­te der Schloss­her­ren leb­ten. 1817 zähl­te die Frei­heit noch 233 Bür­ger. Ei­ni­ge der Häu­ser in der Frei­heit ste­hen heu­te un­ter Denk­mal­schutz. In ei­nem Haus zeigt der Hei­mat­ver­ein Raes­feld die Aus­stel­lung „Raes­feld 1939–1945“ zum Zwei­ten Welt­krieg, an­de­re Ge­bäu­de wer­den als Re­stau­rants, Ho­tels und Ge­schäf­te ge­nutzt.

Der Ent­wurf der Schloss­ka­pel­le vom be­reits ver­stor­be­nen Mi­cha­el van Gent wur­de in eine „mo­der­ne Form ab­ge­än­dert“. Die zur Mit­tel­ach­se sym­me­trisch an­ge­ord­ne­ten Säu­len, Rund­bö­gen und die seit­li­chen Tür­me mit Wel­schen Hau­ben bil­den ein re­prä­sen­ta­ti­ves Por­tal, wel­ches auch mit dem ge­schwun­ge­nen Gie­bel und dem Wap­pen­stein über dem Ein­gang be­reits früh­ba­ro­cke For­men auf­weist. Der Bau der Schloss­ka­pel­le wur­de von Ja­cob Schmidt um 1658 aus­ge­führt.

Der Bild­hau­er Diet­rich Wich­mann ar­bei­te­te als Stein­metz­meis­ter, die In­nen­aus­stat­tung be­sorg­te An­dre­as Pe­ter­sen. Das un­si­gnier­te Al­tar­bild „Die An­be­tung des Herrn“ und acht klei­ne­re, nicht mehr er­hal­te­ne Bil­der mal­te François Wal­scha­erth. Cla­es Obermöl­ler schuf den präch­ti­gen Ba­rock­al­tar. Die Or­gel von Con­rad Ru­precht war bis zum Pfingst­fest 1659 fer­tig­ge­stellt. Un­ter dem Chor­raum be­fin­det sich die Fa­mi­li­en­gruft, in der un­ter an­de­rem der Schloss­erbau­er Alex­an­der II. von Ve­len be­gra­ben liegt. Die To­ten­ta­fel aus schwar­zem Mar­mor wur­de noch zu Leb­zei­ten des Reichs­gra­fen an­ge­fer­tigt, die Zei­len für die To­des­da­ten blie­ben leer. Eine zwei­te To­ten­ta­fel in glei­cher Aus­fer­ti­gung ließ Alex­an­der II. für sei­ne ers­te Frau und sei­nen Sohn Paul Ernst an­brin­gen. Bei Re­stau­rie­rungs­ar­bei­ten wur­de 1962 in der Gruft das „blei­er­ne Herz“ des 1733 ver­stor­be­nen Chris­toph Otto von Ve­len ent­deckt, das sich heu­te in ei­ner Wand­ni­sche der rech­ten Chor­sei­te be­fin­det. 1901 zog der letz­te Schloss­vi­kar aus, heu­te ist die Ka­pel­le Ei­gen­tum der ka­tho­li­schen Ge­mein­de St. Mar­tin in Raes­feld.

Seit 2010 be­fin­det sich auf der Or­gel­büh­ne in der Schloss­ka­pel­le eine klei­ne Or­gel, er­baut von der Or­gel­bau­fir­ma Stock­mann (Werl). Das rein me­cha­ni­sche In­stru­ment wur­de in ei­nem Or­gel­ge­häu­se er­rich­tet, das dem Stil der Ein­rich­tung der Ka­pel­le an­ge­passt wur­de.

I Haupt­werk C–f3
1. Flû­te 8′
2. Pra­es­tant 4′
3. Flû­te à chi­me­née 4′
4. Dou­blet­te 2′
(Fort­set­zung)
5. Ses­qui­al­ter II (ab g0) 22/3
6. Mix­tu­re II-III 11/3
Trem­blant
II Brust­werk C–f3
7. Bour­don 8′
8. Cro­mor­ne 8′
Pe­dal C–f1
9. Sous­bas­se 16′
  • Kop­peln: II/I, I/P, II/P

 

Schlosspark und Tiergarten

Nörd­lich des Schlos­ses wur­de ein re­gel­mä­ßi­ger, geo­me­trisch aus­ge­rich­te­ter Schloss­park an­ge­legt. Die Ar­bei­ten be­sorg­ten „wel­sche Gärt­ner und fran­zö­si­sche Fon­tai­ne­ma­cher“. Ne­ben der Re­prä­sen­ta­ti­on dien­te ein Teil des Schloss­parks auch als Kü­chen­gar­ten. In dem Ver­trag mit dem Bild­hau­er Scharp wird ein 1655/56 an­ge­fer­tig­ter Spring­brun­nen be­schrie­ben: „Der Mee­res­gott Nep­tun auf ei­nem Berg von Stei­nen sit­zend, um­ge­ben von Kro­ko­di­len, Schild­krö­ten und Grot­ten­we­sen“. 1668 wur­de au­ßer­dem ein Brun­nen mit fünf Fon­tai­nen er­rich­tet. Wei­te­re Ar­bei­ten im Schloss­park las­sen sich bis 1713 be­le­gen. Eine Oran­ge­rie ist auf der Oßingh-Kar­te von 1729 ein­ge­zeich­net und wird in ei­ner Auf­stel­lung von 1770 er­wähnt, sie ver­schwand ver­mut­lich erst nach 1849. Das Ge­län­de wur­de seit­dem land­wirt­schaft­lich ge­nutzt.

Nörd­lich des Schlos­ses wur­de ein re­gel­mä­ßi­ger, geo­me­trisch aus­ge­rich­te­ter Schloss­park an­ge­legt. Die Ar­bei­ten be­sorg­ten „wel­sche Gärt­ner und fran­zö­si­sche Fon­tai­ne­ma­cher“. Ne­ben der Re­prä­sen­ta­ti­on dien­te ein Teil des Schloss­parks auch als Kü­chen­gar­ten. In dem Ver­trag mit dem Bild­hau­er Scharp wird ein 1655/56 an­ge­fer­tig­ter Spring­brun­nen be­schrie­ben: „Der Mee­res­gott Nep­tun auf ei­nem Berg von Stei­nen sit­zend, um­ge­ben von Kro­ko­di­len, Schild­krö­ten und Grot­ten­we­sen“. 1668 wur­de au­ßer­dem ein Brun­nen mit fünf Fon­tai­nen er­rich­tet. Wei­te­re Ar­bei­ten im Schloss­park las­sen sich bis 1713 be­le­gen. Eine Oran­ge­rie ist auf der Oßingh-Kar­te von 1729 ein­ge­zeich­net und wird in ei­ner Auf­stel­lung von 1770 er­wähnt, sie ver­schwand ver­mut­lich erst nach 1849. Das Ge­län­de wur­de seit­dem land­wirt­schaft­lich ge­nutzt.

Im Wes­ten des Schlos­ses ließ Alex­an­der II. von Ve­len ab 1653 ei­nen Tier­gar­ten an­le­gen. Dazu wur­de ein etwa 100 Hekt­ar gro­ßes Ge­län­de von ei­nem etwa fünf Ki­lo­me­ter lan­gen Wall mit auf­ge­setz­ten Pa­li­sa­den ein­ge­fasst. In­ner­halb des Tier­gar­tens wur­de hei­mi­sches Wild wie Wild­schwei­ne, Rehe und Rot­wild zur Jagd ge­hal­ten. Es wur­den aber auch exo­ti­sche Tie­re ge­hal­ten: Aus Raes­feld stammt von 1664 der äl­tes­te Nach­weis vom bis da­hin un­be­kann­ten Dam­wild in Nord­rhein-West­fa­len. Jo­hann Mo­ritz von Nas­sau-Sie­gen schenk­te Alex­an­der II. „da­mit euer Tier­gar­ten ver­zieh­ret und ver­meh­ret wer­de“ 1670 eine „ame­ri­ka­ni­sche träch­ti­ge Büf­fel­kuh, da Ew. Lieb­den ein son­der­li­cher Lieb­ha­ber Frem­der Tie­re und Bes­ter seind“.

Die Land­schafts­ge­stal­tung im Stil der Re­nais­sance zeig­te sich am na­tür­li­chen Wech­sel von ty­pi­schen re­gio­na­len Land­schafts­ele­men­ten wie Bu­chen­misch­wäl­dern, Na­del­misch­wäl­dern und ver­ein­zel­ten Er­len­brü­chen, Wei­den, klei­nen Äckern und Hei­den. Da­bei zo­gen sich Bä­che und Teich­an­la­gen wie ein or­ga­ni­sches Band vom Schloss im Os­ten nach Süd­wes­ten. Die­se An­la­ge als Nach­bil­dung der Na­tur dien­te auch der Macht­de­mons­tra­ti­on des Schloss­her­ren. Nach dem Tod von Alex­an­der II. führ­te Fer­di­nand Gott­fried von Ve­len den Aus­bau des Gar­tens wei­ter. Dazu zähl­te ein 1681 an­ge­leg­ter Brun­nen mit vier Del­fi­nen, der ver­mut­lich auf der Wein­berg­in­sel er­rich­tet wur­de. Im Ge­gen­satz zu den meis­ten Schloss­gär­ten der Re­nais­sance wur­de der Raes­fel­der Tier­gar­ten je­doch nicht we­sent­lich durch mo­der­ne For­men wie den Ba­rock­park oder den eng­li­schen Land­schafts­park um­ge­stal­tet. Die deut­lichs­te Neue­rung im 18. Jahr­hun­dert war die An­la­ge des Lan­gen Teichs, der eine Sicht­ach­se auf das Schloss bil­det und die Tro­cken­le­gung des Tei­ches im Süd­wes­ten.

Mit dem Leer­stand des Schlos­ses ge­riet auch der Tier­gar­ten in Ver­ges­sen­heit und ver­wil­der­te. Der Wall ist zu zwei Drit­teln er­hal­ten, auf ei­ner Flur­kar­te von 1824 fehlt je­doch be­reits die Ein­frie­dung mit Pa­li­sa­den, so­dass das Ge­län­de spä­tes­tens seit­dem sei­ne Funk­ti­on als Tier­gar­ten ver­lo­ren hat­te. Da­nach wur­de das öf­fent­lich zu­gäng­li­che Wald­ge­biet nur forst­wirt­schaft­lich ge­nutzt.

An­fang der 1990er Jah­re wur­de eine Kar­te von Jo­han Rei­ner Oßing aus dem Jahr 1729 wie­der­ent­deckt. Das West­fä­li­sche Amt für Denk­mal­pfle­ge kam bei nä­he­rer Be­trach­tung der Kar­te zu der Ein­schät­zung, dass der Raes­fel­der Tier­gar­ten zu den äl­tes­ten er­hal­te­nen Schloss­gär­ten der Re­nais­sance in Deutsch­land ge­hört. Die Idee ei­ner Re­vi­ta­li­sie­rung des ur­sprüng­li­chen Tier­gar­tens wur­de je­doch als nicht be­zahl­ba­re, uto­pi­sche Fan­tas­te­rei be­trach­tet. Im Rah­men der Re­gio­na­le 2004 „links und rechts der Ems“ konn­te das Pro­jekt schließ­lich doch um­ge­setzt wer­den. Der ge­mein­nüt­zi­ge Trä­ger­ver­ein Tier­gar­ten Schloss Raes­feld grün­de­te sich 2003 und schloss mit dem Ei­gen­tü­mer Diet­rich von Lands­berg-Ve­len ei­nen Nut­zungs­ver­trag über 25 Jah­re für das Ge­län­de. Nach ei­nem Rah­men­kon­zept des re­nom­mier­ten Land­schafts­ar­chi­tek­ten Gerd Aufmkolk wur­de der Tier­gar­ten um­ge­stal­tet. Da­bei ging es wie er sagt „nicht um eine Re­kon­struk­ti­on im denk­mal­pfle­ge­ri­schen Sin­ne“, son­dern dar­um, „die we­sent­li­chen In­ten­tio­nen aus der Ge­dan­ken­welt der Re­nais­sance sicht­bar zu ma­chen“. So wur­den eine Obst­wie­se mit 40 Ap­fel-, Bir­nen-, Pflau­men- und Kirsch­bäu­men, eine Hei­de­flä­che so­wie Feucht­wie­sen an­ge­legt. Ei­ni­ge Be­rei­che wur­den ge­lich­tet, Ge­hölz­grup­pen ge­fällt und so Frei­flä­chen ge­schaf­fen. Sie die­nen als Äsungs­flä­che für das wie­der ein­ge­setz­te Reh-, Rot- und Dam­wild, das sich in dem 130 Hekt­ar gro­ßen Ge­län­de, um­ge­ben von ei­nem mo­der­nen Wild­schutz­zaun, frei be­we­gen kann.

Der Tier­gar­ten ist wei­ter­hin öf­fent­lich zu­gäng­lich und dient als Nah­erho­lungs­ge­biet. Das Ge­biet ist durch Rund­wan­der­we­ge er­schlos­sen. Ein Lehr­pfad in­for­miert über Na­tur und Kul­tur am We­ges­rand, wie die ar­te­si­sche Quel­le des Wel­brock­bachs, die Teich­an­la­gen und eine Müh­len­rui­ne aus dem frü­hen 18. Jahr­hun­dert.

Informations- und Besucherzentrum

Im Früh­jahr 2005 wur­de das In­for­ma­ti­ons- und Be­su­cher­zen­trum Tier­gar­ten Schloss Raes­feld er­öff­net. Der mo­der­ne Bau, nach ei­nem Ent­wurf des Ar­chi­tek­tur­bü­ros Far­wick + Gro­te aus Ahaus, zeich­net sich durch eine Holz­kon­struk­ti­on aus, die von ei­ner glä­ser­nen Fas­sa­de um­man­telt wird. Im Foy­er des Zen­trums er­hal­ten Be­su­cher Aus­künf­te über tou­ris­ti­sche An­ge­bo­te in Raes­feld und der Re­gi­on, ins­be­son­de­re im Na­tur­park Hohe Mark-West­müns­ter­land.

Im Ober­ge­schoss be­fin­det sich die na­tur- und kul­tur­his­to­ri­sche Dau­er­aus­stel­lung Auf­tritt ei­ner Kul­tur­land­schaft – Re­nais­sance-Tier­gar­ten Raes­feld. Sie be­fasst sich mit der Ge­schich­te des Schlos­ses und des Tier­gar­tens und ver­gleicht sie mit an­de­ren An­la­gen. Dazu wer­den Ur­kun­den, Mo­del­le, Kar­ten und Bau­tei­le ge­zeigt. Un­ter an­de­rem ist das Al­li­anz­wap­pen von Alex­an­der II. von Ve­len und sei­ner Frau Alex­an­dri­ne, das über der Tor­durch­fahrt der Vor­burg hing und die re­stau­rier­te Oßing-Kar­te von 1729, die zur Ent­de­ckung des re­nais­sance­zeit­li­chen Tier­gar­tens bei­trug, im Ori­gi­nal aus­ge­stellt. Aber auch Tier­prä­pa­ra­te und ein Mi­nia­tur­mo­dell des Tier­parks aus le­ben­den Pflan­zen, nach dem Vor­bild ja­pa­ni­scher Gar­ten­kunst, die­nen als an­schau­li­che Aus­stel­lungs­ob­jek­te. Wei­te­re spie­le­ri­sche In­for­ma­ti­ons­ele­men­te stel­len die Ge­schich­te des Tier­gar­tens in ei­nen Kon­text mit dem Schutz his­to­ri­scher Kul­tur­land­schaf­ten.

In der Na­tur­werk­statt im Erd­ge­schoss wer­den pra­xis­ori­en­tier­te na­tur- und um­welt­päd­ago­gi­sche Se­mi­na­re für alle Al­ters­grup­pen an­ge­bo­ten. Der be­nach­bar­te Raum bie­tet Platz für das Fo­rum Raes­feld für nach­hal­ti­ge Re­gio­nal­ent­wick­lung, das Vor­trä­ge, Ta­gun­gen und Se­mi­na­re zum Bei­spiel zu Um­welt- und Na­tur­schutz, Land- und Forst­wirt­schaft an­bie­tet.

Geschichte

Die Herren von dem Berge

Süd­ost-An­sicht von Burg Raes­feld vor dem Brand. Her­mann tom Ring (zu­ge­schrie­ben) um 1590

Zwi­schen 1168 und 1174 wur­de Ra­bo­do von dem Ber­ge als Burg­herr be­ur­kun­det. Er ent­stamm­te ei­nem ein­fluss­rei­chen edel­frei­en Adels­ge­schlecht aus dem Mont­fer­land im Her­zog­tum Gel­dern. Die Fa­mi­lie kam ver­mut­lich durch die Hei­rat von Ra­bo­dos gleich­na­mi­gem Va­ter mit ei­ner Toch­ter aus dem Hau­se Ge­men in den Be­sitz der Raes­fel­der Burg. Bei der Burg han­del­te es sich ver­mut­lich um die heu­te nicht mehr er­hal­te­ne Burg Kre­tier. Ver­mut­lich ließ Ra­bo­do die St. Mar­ti­nus ge­weih­te Kir­che er­bau­en, um die her­um das Dorf Raes­feld ent­stand.

Der nächs­te Burg­herr war Hein­rich von dem Ber­ge, der 1245 ur­kund­lich er­wähnt wur­de. Des­sen Sohn Adam von dem Ber­ge ver­kauf­te 1259 die Ra­bo­ding-Hof ge­nann­te Burg zu­sam­men mit der Ge­richts­bar­keit und dem Pa­tro­nats­recht der Dorf­kir­che an sei­nen ent­fern­ten Ver­wand­ten Sy­m­on von Ge­men (um 1231 – vor 1265), der die Burg wohl schon vor­her ver­wal­tet hat­te. Der Rit­ter aus dem Ge­schlecht de­rer von Ge­men nann­te sich an­schlie­ßend Sy­m­on von Ras­vel­de. Ver­mut­lich nach dem Kauf brann­te die höl­zer­ne An­la­ge ab. Sie wur­de nicht wie­der auf­ge­baut und ver­fiel, da Sy­m­on an der Stel­le des heu­ti­gen Schlos­ses eine ers­te stei­ner­ne Burg er­rich­ten ließ.

Die Ritter von Raesfeld

Die Nach­fah­ren von Si­mon von Raes­feld blie­ben etwa 300 Jah­re Burg­her­ren auf Raes­feld. Zu­nächst über­nahm sein Sohn Ma­thi­as von Raes­feld (um 1245 – um 1318) und spä­ter der En­kel Jo­hann I. von Raes­feld (um 1282 – um 1356) die Burg. Letz­te­rer wur­de 1336 vom Fürst­bi­schof von Müns­ter, Lud­wig II. von Hes­sen, in den Rat der Lan­des­stän­de ge­ru­fen und schwor dort dem Fürst­bi­schof die Treue. In­fol­ge des Zu­sam­men­falls der Graf­schaft Ha­ma­land ge­wann die Graf­schaft Kle­ve im 14. Jahr­hun­dert an Ein­fluss im west­li­chen Müns­ter­land. Das Lehns­we­sen mach­te die Burg Raes­feld zum Of­fen­haus der Gra­fen von Kle­ve.

Byt­ter I. von Raes­feld (* um 1325; † zwi­schen 1403 und 1410), der äl­tes­te Sohn von Jo­hann I., wur­de als Krie­ger be­kannt. In ei­nem Bünd­nis mit sei­nem Schwa­ger Hein­rich III. von Ge­men so­wie Jo­hann und Gos­win von Lem­beck be­sieg­te er 1374 den Hei­de­ner Burg­herrn Wen­ne­mar. Der süd­li­che Teil von des­sen Frei­graf­schaft kam dar­auf­hin in den Raes­fel­der Be­sitz. 1388 ka­men Byt­ter I., sein Sohn Jo­hann II. und 25 Raes­fel­der Kriegs­knech­te der Reichs­stadt Dort­mund zur Hil­fe. Die Stadt wur­de von Trup­pen des Köl­ner Erz­bi­schofs Fried­rich III. von Saar­wer­den und En­gel­berts III. von der Mark be­la­gert und heu­er­te Rit­ter zur Ver­tei­di­gung ih­rer Frei­heit an. Wäh­rend der Streif­zü­ge nah­men die Raes­fel­der den be­la­gern­den Rit­ter von der Horst ge­fan­gen, für ein Lö­se­geld lie­ßen sie ihn je­doch wie­der frei. Im Au­gust 1389 plün­der­ten sie im kur­köl­ni­schen Vest Reck­ling­hau­sen. Zum Ende des Jah­res 1389 war die Be­la­ge­rung be­en­det und Byt­ter I. von Raes­feld ließ sich aus­zah­len.

Mit dem Kriegs­lohn und der Beu­te der Plün­de­run­gen ließ er die Burg Raes­feld aus­bau­en. Die Neu­an­la­ge wur­de teil­wei­se auf den Fun­da­men­ten der al­ten Stein­burg er­rich­tet. Der zu Raes­feld ge­hö­ren­de Be­sitz um­fass­te zu An­fang des 15. Jahr­hun­derts ne­ben der Burg Raes­feld die Häu­ser Emp­te bei Dül­men-Kirch­spiel, Os­ten­dorf bei Hal­tern-Lipp­rams­dorf und Ha­mern bei Bil­ler­beck.

Jo­hann II. von Raes­feld (um 1375 – nach 1443) wur­de nach dem Tod sei­nes Va­ters der neue Burg­herr. Er wur­de als Raub­rit­ter be­kannt und der Fürst­bi­schof von Müns­ter, Otto IV., ti­tu­lier­te ihn ganz of­fen als Stra­ßen­räu­ber. Ein wei­te­rer Zeit­ge­nos­se schrieb 1408 „Es war ei­ner, der ge­hei­ßen Jo­hann von Raes­feld, der schin­der­te die Stra­ße und nahm viel Gut den Kauf­leu­ten, ihr Ge­wand und Geld und ihre Ta­schen, und för­der­te es auf sein Haus.“ Bei Kai­ser Si­gis­mund hin­ge­gen stand Jo­hann II. in ho­hem An­se­hen. Für sei­ne Treue als Va­sall im Krieg, ver­mut­lich im Hus­si­ten­krieg 1420/21, er­hielt er von ihm das Münz­recht. We­gen feh­len­der Münz­meis­ter, Werk­stät­ten und Edel­me­tal­le mach­te Jo­hann II. aber wohl kei­nen Ge­brauch von dem Recht, Mün­zen zu prä­gen. 1427 schloss Jo­hann II. ein Ab­kom­men mit dem zum Her­zog er­nann­ten Adolf IV. von Kle­ve: Jo­hann II. durf­te die Vog­tei­ein­nah­men aus dem Kirch­spiel Raes­feld für zwölf Jah­re be­hal­ten und gab da­für das Ver­spre­chen, bei der Feh­de mit dem Köl­ner Erz­bi­schof dem Kle­ver Her­zog be­hilf­lich zu sein. Aus Kle­ve er­hielt Jo­hann II. au­ßer­dem die An­wei­sung und ver­mut­lich auch wei­te­re Gel­der zum fes­tungs­mä­ßi­gen Aus­bau der Burg Raes­feld. Die Ar­bei­ten wa­ren 1440 ab­ge­schlos­sen.

Nach 1446 war Byt­ter II. von Raes­feld (um 1410 – 1489/90) der Burg­herr auf Raes­feld. 1490 folg­te sein Sohn Jo­hann III. von Raes­feld (um 1450 – 1500). Er hei­ra­te­te 1487 Fre­de­ri­ke von Ree­de († 1536) die nach sei­nem Tod die Herr­schaft über die Burg über­nahm. Jo­hann III. hat­te noch auf dem Ster­be­bett ver­fügt, dass sein äl­tes­ter Sohn Byt­ter Burg­herr wer­den soll­te, doch Byt­ter über­ließ sei­nem Bru­der Jo­hann die Burg Raes­feld.

Erbstreit

Ab 1523 war Jo­hann IV. von Raes­feld (1492–1551) al­lei­ni­ger Burg­herr, denn sei­ne Mut­ter Fre­de­ri­ke zog auf ein ei­ge­nes Haus. Im Som­mer 1532 wur­de Jo­hann IV. zum Ober­be­fehls­ha­ber des Rei­ter­heers der kai­ser­li­chen Ar­mee ge­wählt und zog gen Wien um die Reichs­stadt im Tür­ken­krieg zu ver­tei­di­gen. 1535 un­ter­stütz­te er den Fürst­bi­schof von Müns­ter Franz von Wal­deck als kom­man­die­ren­der Feld­haupt­mann bei der Be­la­ge­rung und Ein­nah­me der Stadt Müns­ter und der Zer­schla­gung des Täu­fer­reichs von Müns­ter. Als Be­loh­nung er­hielt Jo­hann IV. das Recht, eine Müh­le in sei­nem Kirch­spiel zu er­rich­ten, das Dros­ten­amt in Ahaus als Le­hen und 13.000 Gold­gul­den. Sei­ne drit­te Ehe­frau Irm­gard von Boy­ne­burg schenk­te im No­vem­ber 1550 ei­nem Jun­gen das Le­ben und da­mit Jo­hann IV. ei­nen Er­ben. Im Som­mer 1551 starb Jo­hann IV. „ei­nes has­ti­gen To­des“, als er von ei­ner her­un­ter­fal­len­den schwe­ren Ei­sen­stan­ge ge­trof­fen wur­de.

Sei­ne Wit­we hei­ra­te­te 1558 Gos­win von Raes­feld (1494–1579/80), ei­nen ent­fern­ten Ver­wand­ten ih­res ver­stor­be­nen Man­nes. Irm­gard zog mit dem jun­gen Jo­hann zu Gos­win auf die Burg Twi­ckel bei Del­den; dort, in der Twen­te, war Gos­win Dros­te. Jo­hann be­such­te die La­tein­schu­le in De­ven­ter, doch er starb be­reits 1559. Aus Sor­ge, die Burg Raes­feld und zu­ge­hö­ri­ge Be­sitz­tü­mer und Rech­te ohne den Erb­sohn an die Ver­wand­ten Her­ren von Ve­len und Hei­den zu ver­lie­ren, be­setz­te der Stief­va­ter Gos­win kur­zer­hand die Burg und nahm das Erbe für sich ein. Im Na­men der ei­gent­lich nun erb­be­rech­tig­ten Her­ren von Ve­len und Hei­den streng­te der Fürst­bi­schof von Müns­ter Bern­hard von Raes­feld ei­nen Pro­zess vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt in Spey­er ge­gen sei­nen Ver­wand­ten Gos­win an. 1585 sprach das höchs­te deut­sche Ge­richt den Her­ren von Ve­len per Ge­richts­be­schluss die Burg Raes­feld zu und be­en­de­te den Erb­streit. Irm­gard, die seit dem Tod ih­res zwei­ten Man­nes Gos­win 1579/80 er­neut al­lein auf Raes­feld re­giert hat­te, muss­te nun die Burg mit ih­ren Kin­dern ver­las­sen.

Die Herren von Velen

Her­mann VIII. von Ve­len zu Ve­len († 1521) hat­te Mar­ga­re­the von Raes­feld zu Raes­feld, eine Schwes­ter Jo­hanns IV. von Raes­feld, ge­hei­ra­tet. Her­manns und Mar­ga­re­thes Sohn, Her­mann IX. von Ve­len zu Ve­len (1516–1584), war Statt­hal­ter und Dros­te im Ems­land, zu Rhei­ne und Be­ver­gern und dien­te dem Fürst­bi­schof als Hof­mar­schall. Sei­ne Söh­ne wur­den nach dem Be­schluss des Reichs­kam­mer­ge­richts 1585 Er­ben der Burg Raes­feld. Zur Si­che­rung des Stif­tes Müns­ter vor dem Acht­zig­jäh­ri­gen Krieg soll­te Raes­feld 1589 als Grenz­burg er­wei­tert wer­den, doch spa­ni­sche Trup­pen be­setz­ten die Burg 1590 und ver­hin­der­ten den Aus­bau.

1595 er­hielt Alex­an­der I. von Ve­len (1556–1630) bei der Tei­lung des Ver­mö­gens sei­nes 1584 ver­stor­be­nen Va­ters Her­mann IX. den Raes­fel­der Be­sitz. Alex­an­der I. hat­te zu­vor im Diens­te des Kö­nig­reichs Un­garn und der Kro­ne Böh­mens, wenn auch ohne gro­ßen Er­folg, ge­gen die Tür­ken ge­kämpft. Wäh­rend Alex­an­der I. 1597 als di­plo­ma­ti­scher Ver­tre­ter des Fürst­bi­schofs von Müns­ter am Wie­ner Kai­ser­hof weil­te, brann­te der Dach­stuhl der Raes­fel­der Burg ab. Alex­an­der I. ließ aus die­sem An­lass das zwei­ge­schos­si­ge Her­ren­haus von 1604 bis 1606 zu Wohn­zwe­cken neu auf­bau­en. Die Mit­tel dazu hat­te er mit der ihm ge­hö­ren­den Sa­li­ne Got­tes­ga­be bei Rhei­ne er­wirt­schaf­tet, au­ßer­dem be­kam er vom Land­tag des Stif­tes Müns­ter und von den Rä­ten des Lan­des ein Dar­le­hen über 5000 Reichs­ta­ler. 1612 er­hielt Alex­an­der I. am Ran­de der Fei­er­lich­kei­ten zur Krö­nung des Kai­sers Mat­thi­as den Ti­tel Rö­mi­scher Kai­ser­li­cher Ma­jes­tät be­stall­ter Obrist und wur­de zum Rit­ter ge­schla­gen. 1613 muss­te ein Not­bau er­rich­tet wer­den, weil ein hef­ti­ger Sturm eine Wand des gro­ßen Saa­les zer­stört hat­te. Mit di­plo­ma­ti­schem Ge­schick konn­te der Burg­herr wei­te­re Zer­stö­run­gen durch die spa­ni­schen Söld­ner, die un­ter dem Kom­man­do von Don Loys de Ve­las­co 1615/16 die Burg be­setz­ten, ver­hin­dern. 1619 er­hielt Alex­an­der I. das Ge­ne­ral­kom­man­do über das ge­sam­te mün­s­te­r­i­sche Kriegs­volk. Der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg er­reich­te Raes­feld, als die hes­si­schen Trup­pen un­ter dem Gra­fen von Mans­feld im Spät­herbst 1622 die Burg be­setz­ten und brand­schatz­ten. 1628 wur­de Alex­an­der I. durch Kai­ser Fer­di­nand II. in den Stand ei­nes Reichs­frei­her­ren er­ho­ben. Zwei Jah­re spä­ter, am 8. Au­gust 1630, starb Alex­an­der I. von Ve­len.

Ausbau zum Residenzschloss

Alex­an­der II. von Ve­len in Bra­che­li­us’ His­to­ria nos­tri tem­po­ris (1652)

Sein Sohn Alex­an­der II. von Ve­len (1599–1675), spä­ter auch der west­fä­li­sche Wal­len­stein ge­nannt, über­nahm die Burg, die er be­reits län­ge­re Zeit ei­gen­stän­dig ver­wal­tet hat­te. Er war bei Aus­bruch des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges in den Hee­res­dienst ge­tre­ten und hat­te es im ver­ei­nig­ten Heer der Gra­fen von An­holt und von Til­ly auf der kai­ser­li­chen Sei­te zu ho­hem An­se­hen ge­bracht. Ab 1632 kämpf­te Alex­an­der II. im Auf­trag des Kur­fürs­ten und Bi­schofs Fer­di­nand ge­gen die hes­si­schen Be­sat­zer West­fa­lens. 1634 wur­de Alex­an­der II. zum Ge­ne­ral­wacht­meis­ter der Ka­tho­li­schen Liga be­för­dert und er­hielt das Kom­man­do über die ge­sam­ten Streit­kräf­te des Fürst­bis­tums. Als Dank für sei­ne mi­li­tä­ri­schen Er­fol­ge er­hielt er für die Burg Raes­feld be­son­de­re Neu­tra­li­tät zu­ge­si­chert. Im Som­mer 1641 ge­lang es ihm zu­sam­men mit dem Gra­fen von Hatz­feld die von hes­si­schen Trup­pen be­setz­te Stadt Dors­ten nahe Raes­feld ein­zu­neh­men. Am 11. Ok­to­ber 1641 wur­de Alex­an­der II. die erb­li­che Reichs­gra­fen­wür­de von Kai­ser Fer­di­nand III. ver­lie­hen. Von ihm er­hielt er 1644 mit dem „pri­vi­le­gi­um ex­emp­tio­nis fori“ eine ei­ge­ne Ge­richts­bar­keit für sei­ne Reichs­graf­schaft. Nach ei­ge­nem Wunsch schied Alex­an­der II. 1646 aus dem Hee­res­dienst aus.

Von dem im Kriegs­dienst an­ge­häuf­ten Reich­tum er­zähl­te man sich im Lan­de Mär­chen. Der Fürst­bi­schof Fer­di­nand sag­te über Alex­an­der II.: „Der gra­ef­fe von Vele hat in West­fa­len ei­nen gue­ten Krieg ge­habt. Er hat wohl ein pahr Mil­lio­nen ge­nos­sen.“ Da­von ließ er die be­schä­dig­te Burg Raes­feld in den Jah­ren von 1646 bis 1658 zu ei­nem re­prä­sen­ta­ti­ven Re­si­denz­schloss als Mit­tel­punkt für sein an­ge­streb­tes Reichs­fürs­ten­tum aus­bau­en. Zu den Aus­bau­ten zähl­ten drei zu­sätz­li­che Flü­gel am Haupt­haus mit ei­nem Turm, eine Vor­burg mit­samt dem so­ge­nann­ten Stern­deu­ter­turm, eine Ka­pel­le so­wie üp­pi­ge Park­an­la­gen und ein Tier­gar­ten. Wäh­rend der Bau­zeit wohn­te die Fa­mi­lie und ihr Per­so­nal vor al­lem auf dem Haus Ha­gen­beck an der Lip­pe.

Alex­an­der II. war 1653 zum Feld­mar­schall und Kai­ser­li­chen Kriegs­rat er­nannt wor­den, pfleg­te sei­ne Be­zie­hun­gen zum Kai­ser­hof und ver­trat den Kai­ser auf Fei­er­lich­kei­ten. Auf Schloss Raes­feld weil­ten zu die­ser Zeit vie­le hoch­ran­gi­ge Per­sön­lich­kei­ten, so zum Bei­spiel der Straß­bur­ger Bi­schof und Kur­fürst von Bran­den­burg Fried­rich Wil­helm oder der Fürst­bi­schof Chris­toph Bern­hard von Ga­len. Zum Be­sitz Alex­an­ders II. ge­hör­ten ne­ben dem Raes­fel­der Schloss die Häu­ser Kru­den­burg und Ha­gen­beck an der Lip­pe, Horst an der un­te­ren Ruhr, Me­gen im Her­zog­tum Bra­bant, die Burg En­gel­ra­ding bei Mar­beck und das Schloss Bret­zen­heim mit sei­ner reichs­un­mit­tel­ba­ren Herr­schaft, wel­che ihm Sitz und Stim­me im Reichs­tag ein­brach­te.

Untergang der Reichsgrafschaft

Alex­an­der II. woll­te sei­nen Be­sitz schon sei­nem jün­ge­ren Sohn Paul Ernst ver­ma­chen, da­mit er nicht dem fi­nan­zi­ell un­ge­schick­ten Sohn Fer­di­nand Gott­fried in die Hän­de ge­fal­len wäre, doch Paul Ernst starb 1657 bei Reims. Um sei­nen ein­zig ver­blie­be­nen Er­ben zur Ver­nunft zu brin­gen, über­trug Alex­an­der II. ihm schon bald die Ver­wal­tung des Schlos­ses. Doch schon 1664 ver­kauf­te er heim­lich den Ha­gen­be­cker Be­sitz an den Lem­be­cker Schloss­herrn Burg­hard von Wes­ter­holt, um ei­ge­ne Schul­den zu til­gen. Nach dem Tod sei­nes Va­ters 1675 war Fer­di­nand Gott­fried von Ve­len (1626–1685) schließ­lich al­lei­ni­ger Schloss­herr und ver­kauf­te als ers­tes die Burg En­gel­ra­ding. Als kai­ser­li­cher Käm­me­rer und Obrist ei­nes Re­gi­ments hat­te er kein grö­ße­res Ein­kom­men, doch er ver­schleu­der­te mit sei­nem ver­schwen­de­ri­schen Le­bens­stil in den zehn Jah­ren sei­ner Schloss­herr­schaft ei­nen Groß­teil des Ver­mö­gens.

Schloss Raes­feld nach dem Aus­bau von Alex­an­der II., Aus­schnitt aus der Kar­te von Jo­han Rei­ner Oßing, 1729

Nach dem Tod von Fer­di­nand Gott­fried und sei­ner Frau So­phie Eli­sa­beth von Lim­burg-Styrum 1685 wur­de ihr äl­tes­ter Sohn Alex­an­der Otto von Ve­len (1657–1727) der neue Raes­fel­der Schloss­herr. Er wur­de kai­ser­li­cher Ge­ne­ral der Ka­val­le­rie, doch die For­de­run­gen der Gläu­bi­ger und die Rück­stän­de bei den Lohn­zah­lun­gen für die Be­diens­te­ten über­stie­gen auch Alex­an­der Ot­tos Ein­künf­te. Dazu ka­men ein Erb­streit mit sei­nem jün­ge­ren Bru­der Chris­toph Otto und An­sprü­che sei­ner Schwes­ter Char­lot­te Ama­lie. 1708 wur­de Alex­an­der Otto zum Ge­ne­ral-Kom­man­deur der ge­sam­ten kai­ser­li­chen Rei­te­rei und 1726, ein Jahr vor sei­nem Tod, zum Feld­mar­schall be­för­dert. Zwei sei­ner Söh­ne, Hya­zinth Jo­seph und Ga­bri­el Phil­lip, fie­len 1717 als Sol­da­ten vor Bel­grad und so soll­te Alex­an­der IV. von Ve­len (1687–1733) 1727 das Erbe an­tre­ten.

Alex­an­der IV. über­ließ das ver­schul­de­te Erbe je­doch sei­nem On­kel Chris­toph Otto von Ve­len (1671–1733). Die­ser hat­te es im kai­ser­li­chen Mi­li­tär 1708 zum Obrist­feld­meis­ter und spä­ter zum Ge­ne­ral ge­bracht. Chris­toph Otto war be­ruf­lich häu­fig in den ös­ter­rei­chi­schen Nie­der­lan­den und so setz­te er wohl sei­nen Nef­fen Alex­an­der IV. und den Wal­lo­nen Phil­lip Mou­vé als Ver­wal­ter ein. Im Mai 1733 starb der un­ver­mähl­te und kin­der­lo­se Chris­toph Otto in Brüs­sel. Dort wur­de er in ei­ner To­ten­gruft bei­ge­setzt, sein Herz wur­de aber in ei­ner Blei­kap­sel kon­ser­viert nach Raes­feld ver­bracht und in der Fa­mi­li­en­gruft der Schloss­ka­pel­le bei­ge­setzt.

Alex­an­der IV. von Ve­len trat das Erbe so­mit doch noch an. Er hat­te 1716 Ma­ria Char­lot­te von Mero­de (1698–1753) ge­hei­ra­tet, die ein Jahr spä­ter den Jun­gen Alex­an­der Otto Ca­ro­lus von Ve­len (1717–1733) ge­bar. Aber Va­ter und Sohn star­ben eben­falls im Jahr 1733, wo­mit das Ge­schlecht der von Ve­len auf Raes­feld im Man­nes­stamm er­losch. Für die­sen Fall hat­te Alex­an­der IV. ei­nen Erb­ver­trag mit dem ent­fernt ver­wand­ten Ge­me­ner Schloss­herrn Otto Ernst Leo­pold Graf von Lim­burg-Styrum aus­ge­han­delt. Das Schloss Raes­feld kam so in den Be­sitz der Herr­schaft Ge­men. Ma­ria Char­lot­te, die Wit­we von Alex­an­der IV., wohn­te bis zu ih­rem Tod im Ok­to­ber 1753 noch ge­le­gent­lich im Raes­fel­der Schloss und küm­mer­te sich um hö­fi­sche An­ge­le­gen­hei­ten. Da­nach aber blieb die Schloss­an­la­ge na­he­zu un­be­wohnt und ver­fiel all­mäh­lich, da sich die Ge­me­ner we­nig um die Schloss­an­la­ge küm­mer­ten.

Im Jahr 1800 starb mit dem 15-jäh­ri­gen Fer­di­nand Au­gust auch die Ge­me­ner Li­nie des Ge­schlechts Lim­burg-Styrum aus. Der Ge­me­ner Be­sitz mit­samt dem Raes­fel­der Schloss fiel an den Frei­herrn von Boy­ne­burg-Bö­mels­berg aus dem schwä­bi­schen Erolz­heim. Die­ser küm­mer­te sich eben­so we­nig um das leer­ste­hen­de und ver­fal­len­de Schloss.

Wäh­rend der Be­frei­ungs­krie­ge im Win­ter 1813/14 quar­tier­ten sich ko­sa­ki­sche Sol­da­ten, die die fran­zö­si­schen Trup­pen nach der Völ­ker­schlacht bei Leip­zig ver­folg­ten, im Raes­fel­der Schloss ein. Der Zu­stand des Schlos­ses lässt sich er­ah­nen, da der Bür­ger­meis­ter den Of­fi­zie­ren der Ko­sa­ken eine an­ge­mes­se­ne­re Un­ter­kunft be­sorg­te.

Landwirtschaftlicher Gutshof

1822 kauf­te der Frei­herr Ignaz von Lands­berg-Ve­len den west­fä­li­schen Be­sitz des fer­nen Frei­herrn von Bö­mels­berg-Boine­burg. Der neue Herr nutz­te die Ge­bäu­de als land­wirt­schaft­li­ches Gut. Der ver­wil­der­te Park wur­de in Acker­land um­ge­wan­delt und der Wall zum Ver­fül­len der ver­sumpf­ten Gräf­te ge­nutzt. Bau­fäl­li­ge Ge­bäu­de wie die Har­nisch­kam­mer und das Tor­haus fie­len dem Ab­riss zum Op­fer. Auch der nörd­li­che Rund­turm der An­la­ge wur­de mit Aus­nah­me von Res­ten des So­ckels ab­ge­bro­chen. Im alt­ehr­wür­di­gen Rit­ter­saal la­ger­ten nun die Korn­vor­rä­te und die Räu­me der Vor­burg wur­den zur Vieh­stäl­len. Zwi­schen 1879 und 1895 ließ der Ober­ver­wal­ter Fried­rich Bon­hof die Vor­burg re­no­vie­ren.

Nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs be­leg­ten im De­zem­ber 1918 Tei­le ei­ner baye­ri­schen Di­vi­si­on die Räu­me des Schlos­ses und mach­ten Raes­feld für Wo­chen zur Gar­ni­son. Im März 1920 kam es wäh­rend des Vor­marschs der Ro­ten Ruhr­ar­mee im Zuge des Ruhr­auf­stan­des zu ei­nem Ge­fecht mit dem Frei­korps Lo­ewen­feld, bei dem 50 Kämp­fer der Ro­ten Ruhr­ar­mee ihr Le­ben ver­lo­ren.

1927 pach­te­te der Land­wirt Hein­rich Al­ber­mei­er das Gut Raes­feld. Mit fi­nan­zi­el­ler Un­ter­stüt­zung der Pro­vin­zi­al­re­gie­rung ließ der Schloss­be­sit­zer Max von Lands­berg-Ve­len drin­gend nö­ti­ge Re­pa­ra­tu­ren er­le­di­gen.

Bundesburg des Bundes Neudeutschland

Der Bund Neu­deutsch­land, die bün­di­sche Or­ga­ni­sa­ti­on ka­tho­li­scher Schü­ler an hö­he­ren Lehr­an­stal­ten, pach­te­te 1929 das Schloss Raes­feld. Nach Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten und Neu­ein­rich­tung im Früh­jahr 1930 fand die Ein­wei­hungs­fei­er der Bun­des­burg am Pfingst­tag 1930 statt. Auf den um­lie­gen­den Wie­sen wur­de dazu eine Zelt­stadt für 500 Be­su­cher er­rich­tet. Der Lei­ter der Burg, Stu­di­en­rat J. Hase­brink, schrieb „Das Heim be­sitzt 80 Bet­ten und aus­rei­chend Räu­me mit Ein­rich­tun­gen für gro­ße Zelt­la­ger und Ta­gun­gen un­se­rer ka­tho­li­schen Ju­gend.“ Re­gel­mä­ßig zu Pfings­ten tra­fen sich meh­re­re hun­dert Jun­gen der Ju­gend­be­we­gung vor dem Schloss. Die Gleich­schal­tung der Ju­gend­ver­bän­de mit der Hit­ler-Ju­gend 1936/37 führ­te je­doch zur Auf­lö­sung des Bun­des Neu­deutsch­land.

Garnison, Verbandsplatz und Kriegsgefangenenlager

Der Zwei­te Welt­krieg ver­hin­der­te den Um­bau des Schlos­ses für die Nut­zung als Kreis­schu­lungs­burg der NSDAP. Als im Ok­to­ber 1939 Tei­le der Wehr­macht vom Po­len­feld­zug zum West­feld­zug zo­gen, wur­de Raes­feld Gar­ni­son für fast 1000 Sol­da­ten. Fünf Jah­re spä­ter, im Herbst 1944, zog sich die Wehr­macht von der West­front zu­rück und Tei­le quar­tier­ten sich er­neut auf dem Schloss ein.

Im März 1945 wur­de das Schloss Raes­feld Haupt­ver­bands­platz der im Rück­zug be­find­li­chen Wehr­macht. Die Rote-Kreuz-Zei­chen auf den Dä­chern ver­hin­der­te grö­ße­re Schä­den an dem Schloss durch Flie­ger­bom­ben der Al­li­ier­ten. Mit der Ope­ra­ti­on Plun­der bei We­sel rück­te die Front auf we­ni­ge Ki­lo­me­ter an Raes­feld her­an, bis die bri­ti­sche Ar­mee das Schloss am 28. März schließ­lich über­nahm. Der eng­li­sche Mi­li­tär­stab rich­te­te in der Vor­burg eine Dienst­stel­le ein, wäh­rend im Haupt­haus und im Turm aus den Städ­ten des Ruhr­ge­biets ge­flo­he­ne Fa­mi­li­en un­ter­ka­men. Der Rit­ter­saal des Schlos­ses dien­te von April 1945 bis März 1946 als Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger für eine Kom­pa­nie Wehr­macht-Sol­da­ten. In den Nach­kriegs­jah­ren dien­ten die Schloss­ge­bäu­de als Not­un­ter­kunft für Ost­ver­trie­be­ne und vier Klas­sen der Raes­fel­der Volks­schu­le.

Handwerkerschloss

Schon im Jahr 1942 hat­te der Hand­wer­ker­ver­ein Raes­feld e. V. das Schloss er­wor­ben. Die­ser ließ die im Krieg be­schä­dig­te und ver­fal­le­ne An­la­ge vor al­lem 1950 bis 1951 re­stau­rie­ren.

Heu­te ist das Schloss Raes­feld und etwa 14 ha Grund­be­sitz Ei­gen­tum der sie­ben Hand­werks­kam­mern Nord­rhein-West­fa­lens so­wie des West­deut­schen Hand­werks­kam­mer­tags. Das Haupt­schloss ist seit 1952 Sitz der staat­lich an­er­kann­ten Wei­ter­bil­dungs­ein­rich­tung Aka­de­mie des Hand­werks. Das Bil­dungs­an­ge­bot rich­tet sich vor al­lem an Füh­rungs­kräf­te von Hand­werks­un­ter­neh­men. Die Vor­burg wur­de in den 1980er Jah­ren re­stau­riert und be­hei­ma­te­te ab 1982 das Fort­bil­dungs­zen­trum für hand­werk­li­che Denk­mal­pfle­ge. Heu­te auch Aka­de­mie des Hand­werks. Hand­wer­ker aus dem Bau- und Aus­bau­ge­wer­be kön­nen dort his­to­ri­sche Hand­werks­tech­ni­ken im Rah­men der Denk­mal­pfle­ge er­ler­nen. Ins­ge­samt nut­zen etwa 7000 Per­so­nen im Jahr die An­ge­bo­te der Hand­werks­kam­mer. Der Stern­deu­ter­turm der Vor­burg wird seit der Re­stau­ra­ti­on 2001 als Kom­pe­tenz-, In­for­ma­ti­ons- und Be­ra­tungs­zen­trum ge­nutzt.

Der Rit­ter­saal wird seit 1956 vom Kul­tur­kreis Schloß Raes­feld e. V. re­gel­mä­ßig für Kon­zer­te und li­te­ra­ri­sche Ver­an­stal­tun­gen ge­nutzt, kann aber auch für pri­va­te Fest­lich­kei­ten wie Hoch­zei­ten ge­mie­tet wer­den. Das Kel­ler­ge­schoss des Haupt­schlos­ses wird als Re­stau­rant ge­nutzt.

Fotostrecke Schloss Raesfeld

Lage des Schloss Raesfeld

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