Schloss Heessen

Schloss Hees­sen ist eine an der Lip­pe ge­le­ge­ne Schloss­an­la­ge im Ham­mer Stadt­be­zirk Hees­sen und der nam­haf­tes­te Rit­ter­sitz im Be­reich der heu­ti­gen Stadt Hamm. In der ar­chi­tek­to­ni­schen An­la­ge sind die ty­pi­schen Grund­zü­ge ei­ner gro­ßen west­fä­li­schen Was­ser­burg er­hal­ten ge­blie­ben. Zwi­schen Gräf­ten und der Lip­pe lie­gen sich Schloss und die Ge­bäu­de der Vor­burg in ei­nem lang ge­streck­ten Oval ge­gen­über. Das drei­flü­ge­li­ge Haupt­ge­bäu­de ist aus Back­stein über den Res­ten jahr­hun­der­te­al­ter Burg­mau­ern aus Kalk­stein er­rich­tet und be­sitzt als mar­kan­tes­tes Bau­teil ei­nen Turm, des­sen bei­de Trep­pen­gie­bel über 30 Me­ter in die Höhe ra­gen. Neo­go­ti­sche Stu­fen­gie­bel schlie­ßen auch je­weils die drei Flü­gel des Schlos­ses ab, Wen­del­trep­pen und Er­ker zei­gen Schmuck­for­men der Re­nais­sance. In dem Ge­bäu­de ist seit 1957 das Land­schul­heim Schloss Hees­sen un­ter­ge­bracht, das seit 2018 die Be­zeich­nung Schloss Hees­sen – Pri­va­tes Gym­na­si­um und In­ter­nat trägt.

Geschichte

Besitzrechte und politische Geschichte

Curtis hesnon – Der Oberhof Heessen als Lehen

Schloss Heessen um 1860, Sammlung Alexander Duncker

Schloss Hees­sen um 1860, Samm­lung Alex­an­der Duncker

Der Orts­na­me Hees­sen wird als Hes­non erst­mals in ei­ner Ur­kun­de Kai­ser Ot­tos II. aus dem Jah­re 975 er­wähnt und zwar als Erb­gut des Bi­schofs Lu­dolf von Os­na­brück. Es han­delt sich um die Ort­schaft Hees­sen mit et­li­chen Bau­ern­hö­fen und ei­nem be­fes­tig­ten Ober­hof, der cur­tis hes­non, der zum Schutz ei­ner Kreu­zung zwei­er wich­ti­ger Han­dels­we­ge und ei­ner Lip­pe­que­rung dien­te. Ge­gen 1200 brach­te eine Grä­fin Mat­hil­de oder Mecht­hild von Hol­land das An­we­sen als Hei­rats­gut in ihre Ehe mit Graf Ar­nold von Al­te­na ein. Der Ober­hof, ge­nannt cur­tis hes­ne oder „borch tho hesen“, ge­lang­te so an die Gra­fen von Al­te­na-Isen­berg. Er ist nicht zu ver­wech­seln mit der Was­ser­burg Haus Hees­sen.

Die Er­mor­dung des Köl­ner Erz­bi­schofs En­gel­bert I. von Köln durch Ar­nolds Sohn Fried­rich von Isen­berg führ­te zur Hin­rich­tung und Ent­eig­nung des At­ten­tä­ters und nach­fol­gend zu ei­ner er­bit­ter­ten Er­baus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Fried­richs Sohn Diet­rich von Al­te­na-Isen­berg, der sich nun nach sei­ner neu­en Burg Ho­hen­lim­burg als ei­nen Gra­fen von Lim­burg an­re­den ließ, und sei­nem Vet­ter, Graf Adolf I. von der Mark, den so­ge­nann­ten Isen­ber­ger Wir­ren. Der Frie­de von 1243 be­en­de­te die krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Häu­sern Al­te­na-Mark und Isen­berg-Lim­burg und sprach die cur­tis hes­ne dem Haus Lim­burg zu. Der Hof zu Hees­sen blieb Lim­bur­ger, da­nach Bent­heim-Teck­len­bur­ger Le­hen, bis er im Jah­re 1775 durch Al­lo­di­fi­ka­ti­on Ei­gen­tum wur­de.

Die Gra­fen von Lim­burg nutz­ten den Hof nicht selbst als Re­si­denz, son­dern über­ga­ben ihn nach Dienst­manns­recht an ihre Mi­nis­te­ria­len. Zu­nächst er­hiel­ten ihn die von Rin­ke­ro­de, die auch den Ober­hof (Dren-)Stein­furt zu Le­hen tru­gen. Gos­tie, die Toch­ter des letz­ten Rin­ke­ro­ders na­mens Ger­win, brach­te das Rin­ke­ro­der Erbe An­fang des 14. Jahr­hun­derts an Diet­rich II. von Vol­merstein.

Haus Heessen – Die Wasserburg in Eigenbesitz

Schloss Heessen

Schloss Hees­sen

Das west­fä­li­sche Adels­ge­schlecht von Vol­merstein hat­te in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten ei­nen kon­ti­nu­ier­li­chen Auf­stieg er­lebt und bei­na­he die Gra­fen­wür­de er­langt. In ei­nem reichs­wei­ten Krieg zwi­schen den Par­tei­en zwei­er An­wär­ter auf den Kai­ser­thron im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich kämpf­ten die Vol­merstei­ner zu Be­ginn des 14. Jahr­hun­derts auf der Sei­te der Ver­lie­rer und büß­ten 1324 mit dem Ver­lust der Burg Vol­merstein er­heb­lich an Be­deu­tung und Be­sitz ein. Ih­nen blieb ne­ben um­fang­rei­chen Le­hen ein er­heb­li­cher Streu­be­sitz in West­fa­len, auf dem sie ihre Po­si­ti­on von neu­em auf­bau­en woll­ten.

Diet­rich IV. und sei­ne Mut­ter Agnes von Dö­ring er­bau­ten nach 1360 in Nach­bar­schaft der cur­tis, etwa 500 Me­ter öst­lich, eine neue, durch die Lage an der Lip­pe bes­ser als der alte Ober­hof ge­schütz­te Was­ser­burg. Die­se wur­de vor­über­ge­hend mär­ki­sches Le­hen. um sie so un­ter den Schutz des mäch­ti­ge­ren Gra­fen von der Mark zu stel­len. An­halts­punkt für die Da­tie­rung der Burg­grün­dung gibt ein Ver­trag zwi­schen dem Pfar­rer Diet­rich von Hes­sen und der Wit­we von Vol­merstein mit ih­rem Sohn. Pas­tor Dy­de­ri­ke be­ur­kun­de­te dar­in, „dass er en wes­se­le ghe­dan mit der vro­wen van Vol­mes­te­ne unde Dy­de­ri­ke, eren sone“. Der ge­ta­ne Wech­sel mit der Frau von Vol­merstein und ih­rem Sohn war ein Tausch­ge­schäft zwi­schen Pfar­rer und Herr­schaft, mit de­nen die Vol­merstei­ner ein zu­sam­men­hän­gen­des Grund­stück Ei­gen­land für die Er­rich­tung ei­ner stan­des­ge­mä­ßen Was­ser­burg er­war­ben. Im Un­ter­schied zum Hees­se­ner Ober­hof („borch tho hesen“) wird der neue Bau in zeit­ge­nös­si­schen Quel­len als „dat huis tho hesen“ be­zeich­net, aus dem durch mehr­fa­che Um­bau­ten das heu­ti­ge Schloss Hees­sen ent­stan­den ist. Die „Hoch- und Herr­lich­keit Hees­sen“ um­fass­te ne­ben ei­ner aus­ge­dehn­ten Grund­herr­schaft und dem Pa­tro­nat über die Kir­chen­ge­mein­de und über das Schul­we­sen um­fang­rei­che ad­mi­nis­tra­ti­ve, fis­ka­li­sche, mi­li­tä­ri­sche und ge­richt­li­che Auf­ga­ben. Ne­ben dem Hof- und dem Bau­ern­ge­richt nahm der Herr auf Schloss Hees­sen auch Funk­tio­nen der Kri­mi­nal­ge­richts­bar­keit war und so „kann das Ge­richt der Hoch- und Herr­lich­keit Hees­sen als ein ade­li­ges Land­ge­richt be­zeich­net wer­den.“

Das mit dem Pro­jekt des Bur­gen­baus ver­bun­de­ne Ziel, die alte Vol­merstei­ner Macht und Grö­ße wie­der zu er­lan­gen, wur­de nicht er­reicht.

Als Jo­han­nes II. von Vol­merstein im Jah­re 1429 ohne le­ben­de Nach­kom­men starb, fie­len die Häu­ser Hees­sen und Stein­furt sei­ner Schwes­ter Agnes zu. Die­se wie­der­um war die Ehe­frau des Go­dert von der Re­cke zu Hee­ren. Ihr ge­mein­sa­mer Sohn Diet­rich von der Re­cke ließ sich im Jah­re 1437 von Kai­ser Si­gis­mund mit den Voll­merstein­schen Mann­le­hen und Frei­stüh­len be­leh­nen. Mit ihm nahm für zehn Ge­nera­tio­nen ein Zweig die­ses be­deu­ten­den mär­ki­schen Adels­ge­schlechts Hees­sen in Be­sitz.

Diet­rich ließ um 1440 die Burg zu ei­nem kom­for­ta­blen und äs­the­tisch ein­drucks­vol­len Her­ren­haus um­bau­en. „Es war ein zwei­stö­cki­ger Mit­tel­bau mit Flü­geln und mit Tür­men und Er­kern reich­lich ge­ziert“, ein go­ti­sches Bau­werk, das dem heu­ti­gen Schloss recht ähn­lich ge­we­sen sein dürf­te.

Zwi­schen 1580 und 1590 er­neu­er­te sein Nach­fahr Jobst VII. von der Re­cke die Ge­bäu­de der Vor­burg. In zu­neh­mend krie­ge­ri­schen Zei­ten be­fes­tig­ten die Ehe­leu­te Jobst von der Re­cke und sei­ne Frau El­ber­ta von Ket­te­ler den Her­ren­sitz. Ne­ben dem Tor­haus mit ei­nem vor­ge­la­ger­ten Turm wur­de eine Rei­he von Wirt­schafts­ge­bäu­den er­rich­tet, die als zu­sam­men­hän­gen­de Bau­wer­ke die Ver­tei­di­gungs­funk­ti­on der An­la­ge ver­bes­ser­ten soll­ten. Tor­haus, Turm, Stall­ge­bäu­de und die Ren­tei wei­sen Schieß­schar­ten in ih­ren nach au­ßen ge­rich­te­ten Back­stein­mau­ern auf. Das En­sem­ble ist durch­gän­gig in ei­nem zu­rück­hal­ten­den Re­nais­sance­stil er­rich­tet, die Wän­de sind mit ei­nem Rau­ten­mus­ter aus gla­sier­ten Zie­geln ver­ziert, den Tor­haus­turm krönt eine „wel­sche“ (ita­lie­ni­sche) Re­nais­sance­hau­be, und alle Neu­bau­ten sind mit den Al­li­anz­wap­pen der bei­den west­fä­li­schen Adels­fa­mi­li­en mar­kiert. Am 8. De­zem­ber 1598, acht Jah­re nach Fer­tig­stel­lung der Vor­burg­be­fes­ti­gung, „über­eil­te“ eine „spa­ni­sche Par­they“ den Her­ren auf Haus Hees­sen und „hat ihm sei­ne gol­de­ne Ket­ten, und zwey sei­ner bes­ten Henx­te ge­nom­men.“ Die spa­ni­sche Par­tei wa­ren ma­ro­die­ren­de Tei­le von habs­bur­gi­schen Trup­pen, die den Auf­stand der cal­vi­nis­ti­schen Nie­der­län­der nie­der­zu­schla­gen ver­such­ten. Der acht­zig­jäh­ri­ge Krieg um die Un­ab­hän­gig­keit der nie­der­län­di­schen Nord­pro­vin­zen ging erst 1648 zu Ende. Die an den spa­ni­schen Über­fall of­fen­kun­dig ge­wor­de­ne Schwä­che der Hees­se­ner Ver­tei­di­gungs­an­la­ge wur­de recht bald nach der ver­lust­rei­chen Epi­so­de mit dem Bau ei­ner Tor­an­la­ge am Nord­ein­gang des Ge­län­des be­ho­ben. Auch hier stel­len sich die Bau­her­ren wie­der mit ih­ren Wap­pen­ta­feln vor und da­tie­ren mit der Jah­res­zahl 1600.

Der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg brach­te un­ge­heu­re Ver­wüs­tun­gen über Hees­sen, so­dass man – wie eine alte Chro­nik be­rich­tet – am Ende eher ei­nes Wol­fes als ei­nes Bau­ern an­sich­tig wer­den konn­te. In den ers­ten Kriegs­jah­ren or­ga­ni­sier­te Jobst die Trup­pen des Ober­stifts Müns­ter. Er starb im Jahr 1624. Im Fol­ge­jahr brann­te es auf Haus Hees­sen, was eine um­fang­rei­che „Re­pa­ra­tur“ er­for­der­lich mach­te, in de­ren Ver­lauf an­schei­nend ein vier­ter, west­li­cher Flü­gel an das Her­ren­haus ge­baut wur­de. In der Gie­bel­mau­er des Süd­flü­gels sind noch Spu­ren ei­ner ver­mau­er­ten Tür zu die­sem Ge­bäu­de­flü­gel zu er­ken­nen.

1745 starb Adolf von der Re­cke kin­der­los. Dar­auf­hin fiel Hees­sen mit den zu­ge­hö­ri­gen Gü­tern Wolfs­berg, Kurl und Dahl an sei­ne Schwes­ter Anna Eli­sa­beth. Die­se wie­der­um war in eben­falls kin­der­lo­ser Ehe mit Franz Ar­nold von der Re­cke aus der 1468 ab­ge­teil­ten Stein­fur­ter Li­nie ver­hei­ra­tet. Nach des­sen Tod im Jah­re 1762 fiel Stein­furt an die Frei­her­ren . Hees­sen hin­ge­gen ver­mach­te die kin­der­lo­se Anna Eli­sa­beth von der Re­cke 1775 ei­nem En­kel ih­rer Tan­te Jo­an­na Ro­si­ne von der Re­cke, dem Frei­herrn Fried­rich Jo­seph von Boe­sela­ger zu Neh­len und Höl­ling­ho­fen.

Mit die­ser Schen­kung war die evan­ge­li­sche Sei­te der Fa­mi­lie von der Re­cke nicht ein­ver­stan­den, so dass von Boe­sela­gers Be­sitz­an­tritt im Jah­re 1778 ei­nen jahr­zehn­te­lan­gen, beim Reichs­hof­rat ge­führ­ten Rechts­streit mit den der Stein­fur­ter Li­nie ent­stam­men­den von der Re­cke zu Stock­hau­sen aus­lös­te – mit wech­seln­dem Pro­zesserfolg. Pro­zess­ver­tre­ter der von der Re­cke war Eber­hard Fried­rich von der Re­cke-Stock­hau­sen, seit 1784 preu­ßi­scher Jus­tiz­mi­nis­ter. In die­ser Zeit war Hees­sen noch eine „Herr­lich­keit mit Ge­richts­bar­keit“ (auf­ge­ho­ben 1812). Ge­richts­stät­ten gab es im Dorf Hees­sen, vor der Schloss­pfor­te oder auf der Brü­cke zum Schloss. Das Ge­richts­schwert be­fin­det sich heu­te in Höl­ling­ho­fen, dem Wohn­sitz der Frei­her­ren von Boe­sela­ger.

Der Rechts­streit wur­de vor al­lem durch Ver­än­de­run­gen in der „gro­ßen Po­li­tik“ ent­schie­den. Als die preu­ßi­schen Herr­scher im Jahr 1803 die neu­en Lan­des­her­ren wur­den, ge­schah dies zum Vor­teil der von der Re­cke. Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. ent­schied schließ­lich kraft sei­nes Am­tes im Jah­re 1806 die Rück­ga­be des Gu­tes an die von der Re­cke.

Im Jah­re 1806 be­gann der Krieg zwi­schen Frank­reich und Preu­ßen, der mit der Nie­der­la­ge der Preu­ßen in der Schlacht bei Jena und Auer­stedt en­de­te. Na­po­le­on Bo­na­par­te nahm zu­sam­men mit den ver­bün­de­ten Hol­län­dern das Haus Hees­sen ein. Die preu­ßi­sche Kom­mis­si­on wur­de in­fol­ge des­sen auf­ge­ho­ben.

Nach der Ein­glie­de­rung des Müns­ter­lan­des in das Groß­her­zog­tum Berg wur­den die von Boe­sela­ger am 16. Fe­bru­ar 1808 vor­läu­fig wie­der in ihre al­ten Be­sitz­rech­te ein­ge­setzt. Am 21. Sep­tem­ber 1810 schlos­sen die von der Re­cke mit den von Boe­sela­ger ei­nen Ver­gleich. Ge­gen 66.000 Reichstha­ler tra­ten sie alle An­sprü­che ab.

In den Be­frei­ungs­krie­gen von 1813 hat­te auch Hees­sen schwer zu lei­den, etwa durch plün­dern­de Sol­da­ten aus Po­len, Frank­reich, Russ­land, Sach­sen, Schwe­den und Han­no­ver. Wie häu­fig in die­sen Jah­ren be­rei­te­te das Wet­ter An­lass zur Sor­ge. Win­ter und Früh­jahr wa­ren oft au­ßer­ge­wöhn­lich kalt. 1816, im so ge­nann­ten Jahr ohne Som­mer, ver­nich­te­ten Dau­er­re­gen und Hoch­was­ser die Ern­te. Im Win­ter des Jah­res 1820 san­ken die Tem­pe­ra­tu­ren auf bis zu −16 Grad Cel­si­us. Dies brach­te die Schleu­se am Schloss und die Ge­bäu­de in Ge­fahr. Fi­sche er­fro­ren in den Tei­chen und es be­stand Trink­was­ser­man­gel.

Baugeschichte

Haus Hees­sen ist über die Jahr­hun­der­te im­mer wie­der um­ge­baut wor­den. Die Grün­dung aus dem 14. Jahr­hun­dert be­steht aus tau­sen­den mas­si­ven Ei­chen­pfäh­len, auf de­nen das ge­sam­te Ge­mäu­er ruht und die schon als Fun­da­ment der Vor­gän­ger­bau­ten dien­ten. Sie be­fin­den sich stän­dig un­ter­halb des Grund­was­ser­spie­gels, so dass sie na­he­zu un­be­schä­digt die Jahr­hun­der­te über­stan­den ha­ben. Die Fun­da­men­te des heu­ti­gen Schlos­ses sind wie die noch vor­han­de­nen Gräf­ten­an­la­gen Über­res­te der Was­ser­burg von 1360.

Das gotische Herrenhaus

Beim Um­bau der Burg zum go­ti­schen Her­ren­haus im 15. Jahr­hun­dert wur­de die An­la­ge mit Er­kern, Zin­nen, Zier­gie­beln und Dach­zier­ra­ten ar­chi­tek­to­nisch auf­ge­wer­tet. Von die­sem Bau­zu­stand be­rich­te­ten schrift­li­che Schil­de­run­gen und Zeich­nun­gen, an de­nen sich die stil­ge­schicht­li­che Re­kon­struk­ti­on im frü­hen 20. Jahr­hun­dert ori­en­tie­ren konn­te. Die Ab­bil­dun­gen sind seit­her ver­schol­len.

Der klassizistische Landsitz

1782 er­folg­te un­ter dem fürst­bi­schöf­li­chen Ober­bau­di­rek­tor W. F. Lip­per ein Um­bau des mitt­ler­wei­le vier­flüg­li­gen go­ti­schen Her­ren­hau­ses zu ei­nem schlich­ten, drei­flü­ge­li­gen klas­si­zis­ti­schen Land­sitz, der in der Li­tho­gra­phie von 1864 ab­ge­bil­det ist. Bis zu die­ser Zeit wa­ren nach und nach die un­mit­tel­bar das Ge­bäu­de um­ge­ben­den Gräf­ten zu­ge­schüt­tet wor­den. Der Cha­rak­ter ei­ner Was­ser­burg wur­de den An­sprü­chen zeit­ge­mä­ßer Haus­hal­tung und ei­nem klas­si­schen Form­emp­fin­den weit­ge­hend ge­op­fert.

Mit der Auf­he­bung der grund­herr­li­chen Pa­tri­mo­ni­al­ge­richts­bar­keit im Zuge der preu­ßi­schen Re­for­men en­de­te die Hoch­zeit der „Herr­lich­keit Hees­sen“ als ei­ner klei­nen Lan­des­herr­schaft. Ab 1812 wur­de der Be­sitz aus­schließ­lich als gro­ßes land- und forst­wirt­schaft­lich ge­nutz­tes Gut samt ei­ge­ner Zie­ge­lei und Braue­rei ge­führt, des­sen Grund­be­sitz durch Er­werb um­lie­gen­der Höfe und Flä­chen ste­tig wuchs. 1816 wur­den fes­te Wege an­ge­legt. Flie­ßen­des Was­ser ge­lang­te über ein Pump­werk in das Haus und 1825 gab es ein Ab­was­ser­sys­tem. 1826 wur­de das Haus er­heb­lich um­ge­baut und weiß ge­kälkt. Of­fe­ne Ka­mi­ne wur­den durch Ei­sen­guss­öfen er­setzt. Das ers­te Wa­ter­c­lo­sett aus Eng­land wur­de 1846 ein­ge­baut. Es be­stand eine ei­ge­ne Zie­ge­lei und eine Schloss­braue­rei (ab 1837). Als La­ger­ge­wöl­be wur­de ab 1839 der so­ge­nann­te „Bay­ri­sche Kel­ler“ er­rich­tet (heu­te an der Kreu­zung Schlossstraße/Dolberger Stra­ße).

Gartenarchitektur und Landschaftsgarten

Gleich­zei­tig wur­den die das Schloss um­ge­ben­den Park­an­la­gen um­ge­baut. Nord­west­lich vor dem Tor, in Rich­tung auf das Dorf Hees­sen zu, lag ein be­reits im 19. Jahr­hun­dert ver­wil­der­ter Ba­rock­gar­ten, des­sen Reit­weg und Mit­tel­punkt noch aus­zu­ma­chen sind. Zu­sätz­lich war in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts öst­lich des Schlos­ses der Ro­sen­gar­ten ent­stan­den, ein ar­chi­tek­to­nisch auf die Ge­bäu­de­si­tua­ti­on ori­en­tier­ter Park mit ab­ge­zir­kel­ter Weg­füh­rung zwi­schen geo­me­tri­schen Blu­men­ra­bat­ten, mit ei­nem ba­ro­cken Pa­vil­lon und Gold­fisch­teich. Hier fei­er­ten am 18. Sep­tem­ber 1826 Carl von Boe­sela­ger (1802–1869) und Adol­fi­ne von Wolff-Met­ter­nich (1808–1879), Freun­din von An­net­te von Dros­te-Hüls­hoff, die auch in Hees­sen zu Gast war, ihre Hoch­zeit.

1828 ent­stand die so­ge­nann­te „Lie­bes­in­sel“, eine klei­ne Park­land­schaft auf dem drei­ecki­gen Flur­stück (300 m × 200 m × 200 m) zwi­schen Lip­pe und Schleu­sen­ka­nal. Die­ser Land­schafts­gar­ten im eng­li­schen Stil war mit hei­mi­schen und tro­pi­schen Ge­höl­zen be­pflanzt. Heut­zu­ta­ge be­steht die In­sel aus ei­nem klei­nen Wald­stück mit Rund­weg, ei­nem Teich und dem his­to­ri­schen Schleu­sen­wär­ter­haus.

Rekonstruktion der gotischen Baugestalt im 20. Jahrhundert

Mehr­fach un­ter sei­nen ver­schie­de­nen Be­sit­zern um­ge­baut und um­ge­stal­tet er­hielt das An­we­sen zwi­schen 1905 und 1908 sei­ne al­ten For­men zu­rück, wie sie vor 1780 be­stan­den hat­ten, und be­kam da­mit sei­ne heu­ti­ge Ge­stalt. Ar­chi­tekt war der Müns­te­ra­ner Re­gie­rungs­bau­di­rek­tor Al­fred Hen­sen, der dem Ge­bäu­de durch Turm­bau­ten, go­ti­sche Zin­nen und Er­ker ein neu­go­ti­sches Aus­se­hen ver­lieh. Die Um­bau­plä­ne sind von dem orts­an­säs­si­gen Ar­chi­tek­ten Wu­cher­pfen­nig un­ter­zeich­net. Der eng­li­sche Kir­chen­bau­meis­ter Sid­ney Tug­well wur­de mit der Aus­ge­stal­tung ei­ner Schloss­ka­pel­le im eng­li­schen Stil be­auf­tragt. Zu den we­ni­gen Sa­gen über Schloss Hees­sen ge­hört die in meh­re­ren Pu­bli­ka­tio­nen wie­der­hol­te Be­haup­tung, dass die­ses „neu­go­ti­sche Klein­od“ im Jah­re 1982 „per Zu­fall“ ent­deckt wor­den sei.

Für die Re­kon­struk­ti­on der his­to­ri­schen Bau­ge­stalt stan­den ne­ben al­ten Dar­stel­lun­gen Re­fe­renz­ge­bäu­de aus Spät­go­tik und Re­nais­sance zur Ver­fü­gung. Der Trep­pen­turm im Schlos­sin­nen­hof ist nach dem Vor­bild des Dros­ten­hofs in Wol­beck ge­stal­tet. Hier fin­det man auch die mar­kan­ten Trep­pen­gie­bel. Der Auf­gang zum Hoch­par­terre war lan­ge Zeit als his­to­ris­tisch an­ge­spro­chen wor­den. An­dre­as von Sche­ven hat 2010 nach­ge­wie­sen, dass die Re­nais­sance­trep­pe am Lü­be­cker Rat­haus von den Bau­her­ren als Vor­la­ge ge­nutzt wur­de. Im Höl­ling­ho­fe­ner Adels­ar­chiv der Fa­mi­lie von Boe­sela­ger fin­det sich noch eine Skiz­ze des Lü­be­cker Trep­pen­auf­gangs, ge­zeich­net von En­gel­bert von Kercke­rinck zur Borg, der als Freund der Fa­mi­lie und sach­kun­di­ger Be­ra­ter die Bau­pla­nun­gen be­glei­tet hat.

Seit dem Tod des Frei­herrn Diet­rich von Boe­sela­ger im Jahr 1920 ist Hees­sen nicht mehr Wohn­sitz der Fa­mi­lie. Kurz­fris­tig leb­te an­schlie­ßend noch ein Zweig der ver­wandt­schaft­lich ver­bun­de­nen Fa­mi­lie von Fürs­ten­berg auf dem Schloss, bis mit dem Be­ginn der Na­zi­zeit der Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Stu­den­ten­bund, Gau West­fa­len, hier so­ge­nann­te Wis­sen­schafts­la­ger ver­an­stal­te­te. Im Bom­ben­krieg schließ­lich fan­den et­li­che Hees­se­ner Fa­mi­li­en und die Be­woh­ner ei­nes kriegs­zer­stör­ten Müns­te­ra­ner Al­ten­heims in den Ge­bäu­den Er­satz­un­ter­künf­te. Im gro­ßen Spei­se­saal stan­den die Bet­ten der Frau­en, im klei­nen die der Män­ner.

Gegenwärtige Nutzung der Gebäude

In den al­ten Mau­ern ist seit 1957 das Land­schul­heim Schloss Hees­sen un­ter­ge­bracht, das heu­te un­ter der Be­zeich­nung „Schloss Hees­sen – Pri­va­te Schu­le und In­ter­nat“ auf­tritt. Das Land­schul­heim hat sich in den Jahr­zehn­ten nach sei­ner Grün­dung über zahl­rei­che his­to­ri­sche Ge­bäu­de auf dem Ge­län­de aus­ge­brei­tet. Das Haupt­ge­bäu­de des Was­ser­schlos­ses bie­tet ne­ben gro­ßem und klei­nem Spei­se­saal ein Leh­rer­zim­mer, Kü­che und Ka­pel­le, das Ge­trän­ke­la­ger, Se­kre­ta­ri­at, Kran­ken­zim­mer, Lei­tungs­bü­ros, Klas­sen­zim­mer und Wohn­räu­me der Jun­gen und Mäd­chen aus Un­ter- und Mit­tel­stu­fe. Es wur­de hier aber mit wach­sen­der Schü­ler­zahl sehr bald zu eng.

Die Ren­tei wur­de da­her zu Quar­tie­ren und Schul­räu­men um­funk­tio­niert. Das hier be­find­li­che so­ge­nann­te „Ge­wöl­be“ ist eine haus­ei­ge­ne Gast­stät­te, in der auch Fei­ern ver­an­stal­tet wer­den. Das Tor­haus und die an­gren­zen­den ehe­ma­li­gen Stall­ge­bäu­de bie­ten ne­ben Quar­tiers­räu­men ei­ni­ge wei­te­re Klas­sen­zim­mer.

Auf dem Grund­riss ei­nes ehe­ma­li­gen Förs­terhau­ses und der Oran­ge­rie des Schlos­ses wur­de 1968 am Nord­rand des Schloss­ge­län­des ein zu­sätz­li­ches zwei­flü­ge­li­ges Schul­ge­bäu­de er­rich­tet. Hier be­fan­den sich ur­sprüng­lich Quar­tiers­räu­me, die heu­te als Klas­sen­zim­mer, Fach- und Kurs­räu­me die­nen. Auch ein wei­te­res klei­nes Leh­rer­zim­mer ist hier noch zu fin­den. Das 2013 er­bau­te Ober­stu­fen­zen­trum – et­was nörd­lich vor dem ei­gent­li­chen Schloss­ge­län­de ge­le­gen – bie­tet ne­ben hoch­mo­der­nen In­ter­nats­quar­tie­ren et­li­che Funk­ti­ons- und Fach­räu­me, ein drit­tes Leh­rer­zim­mer, die Schul­bi­blio­thek und ein zen­tra­les Foy­er für grö­ße­re Ver­samm­lun­gen und Pro­jek­te.

Schloss und Schloss­ge­län­de wer­den seit Jahr­zehn­ten ger­ne als Auf­füh­rungs­ort und Ku­lis­se für Thea­ter­stü­cke und Kon­zer­te ge­nutzt. Im Jahr 2008 wur­de der Ki­no­film Die Wil­den Hüh­ner und das Le­ben im und um Schloss Hees­sen ge­dreht, 2017 die TV-Se­rie Ge­schich­te ei­nes Par­fums, in­spi­riert durch den Ro­man von Pa­trick Süs­kind. Das Hum­boldt-In­sti­tut nutzt seit lan­gem die Ge­bäu­de in den Som­mer­fe­ri­en für Sprach­kur­se; neu­er­dings kann der Land­schafts­park auf der In­sel für Kin­der- und Ju­gend­grup­pen als Er­leb­nis­raum und Ver­an­stal­tungs­ort ge­bucht wer­den. Das frisch re­no­vier­te his­to­ri­sche Schleu­sen­wär­ter­haus von 1828 steht dann zu Ver­pfle­gungs­zwe­cken und als Ru­he­raum zur Ver­fü­gung.

Das ge­sam­te Ge­län­de der Pri­vat­schu­le ist au­ßer­halb öf­fent­li­cher Ver­an­stal­tun­gen für un­an­ge­mel­de­te Be­su­cher nicht zu­gäng­lich.

Lage

  • An­schrift: Schloss­stra­ße 1, 59073 Hamm

Fotostrecke Schloss Heessen

Fotostrecke alte Ansichtskarten vom Schloss Heessen

Lage des Schloss Heessen

Lizenz

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