Hochstift Paderborn

Ter­ri­to­ri­um im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich
Hoch­stift Pa­der­born
Wap­pen
Wappen
Al­ter­na­tiv­na­men Stift, Fürst­bis­tum, Hoch­stift – Pa­der­bor­ner Land
Ent­stan­den aus im 14. Jahr­hun­dert her­aus­ge­bil­det aus Her­zog­tum Sach­sen
Herr­schafts­form Wahlfürstentum/Ständestaat
Herrscher/Regierung Fürst­bi­schof, Ad­mi­nis­tra­tor oder in Va­kanz: Dom­ka­pi­tel
Heu­ti­ge Region/en DE-NW
Reichs­tag 1 Vi­ril­stim­me auf der geist­li­chen Bank im Reichs­fürs­ten­rat
Reichs­ma­tri­kel 1521 = 18 Rei­ter, 34 Fuß­sol­da­ten, 120 Gul­den – 1663 = 18 Rei­ter, 33 Fuß­sol­da­ten, 352 Gul­den
Reichs­kreis Nie­der­rhei­nisch-West­fä­lisch
Hauptstädte/Residenzen Pa­der­born, Neu­haus
Konfession/Religionen rö­misch-ka­tho­lisch, An­fang 16. Jahr­hun­dert größ­ten­teils lu­the­risch, gro­ße jü­di­sche Min­der­heit
Sprache/n Deutsch, Nie­der­deutsch, La­tei­nisch
Flä­che 1.700 km² (1802)
Ein­woh­ner 96.000 (1802)
Auf­ge­gan­gen in un­ter­ge­gan­gen 1802 (de facto)/1803 (amt­lich) an Kö­nig­reich Preu­ßen (Fürs­ten­tum Pa­der­born)

Das Hoch­stift Pa­der­born, syn­onym mit Fürst­bis­tum oder zeit­ge­nös­sisch als Stift, war ein Stän­de­staat und geist­li­ches Ter­ri­to­ri­um des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches Deut­scher Na­ti­on im öst­li­chen West­fa­len, das sich im Hoch­mit­tel­al­ter her­aus­ge­bil­det hat und bis zur Neu­zeit 1802/03 be­stand. Es war der welt­li­che Herr­schafts­be­reich der Fürst­bi­schö­fe von Pa­der­born. Im Ge­gen­satz dazu steht der grö­ße­re Be­reich der kirch­li­chen Diö­ze­se, der geist­li­che Seel­sor­ge­be­reich des Bis­tums Pa­der­born. Seit dem 16. Jahr­hun­dert war das Stift Teil des Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­schen Reichs­krei­ses.

Geografie

Das Fürst­bis­tum Pa­der­born um­fass­te in etwa das Ge­biet der heu­ti­gen west­fä­li­schen Krei­se Pa­der­born und Höx­ter mit Aus­nah­me des Be­rei­ches um die Stadt Höx­ter, der das Ter­ri­to­ri­um der Fürst­ab­tei Cor­vey (ab 1779 Fürst­bis­tum) bil­de­te. Es­sen­tho, Meer­hof, Oes­dorf und West­heim des frü­he­ren Am­tes Wün­nen­berg im ehe­ma­li­gen Kreis Bü­ren sind heu­te Teil der Stadt Mars­berg im Hoch­sauer­land­kreis. Das Amt Lüg­de (heu­te Kreis Lip­pe) war spä­tes­tens ab 1618 in­te­gra­ler Be­stand­teil des Hoch­stifts und bil­de­te eine Ex­kla­ve des Fürst­bis­tums.  Eine ge­mein­sa­me pa­der­bor­nisch-lip­pi­sche Ver­wal­tung exis­tier­te seit dem 14. Jahr­hun­dert für die Samt­äm­ter Ol­den­burg-Stop­pel­berg und Schwa­len­berg. Gre­ven­ha­gen bil­de­te eine lip­pi­sche Ex­kla­ve im Stift. Der Kern­be­reich des ehe­ma­li­gen Fürst­bis­tums liegt bei­der­seits des Eg­ge­ge­bir­ges zwi­schen Sen­ne und War­bur­ger Bör­de, zwi­schen We­ser und Sauer­land, ge­glie­dert in den durch die Egge ge­trenn­ten öst­li­chen Ober­wal­di­schen und den west­li­chen Un­ter­wal­di­schen Di­strikt.

Die Diö­ze­se um­fass­te stets wei­te­re Ge­bie­te, so auch die meis­ten nörd­li­chen, süd­li­chen und öst­li­chen (nach der Re­for­ma­ti­on oft nicht mehr ka­tho­li­schen) Nach­bar­ter­ri­to­ri­en des Fürst­bis­tums.

Nach­bar­län­der des Ter­ri­to­ri­ums wa­ren die Fürs­ten­tü­mer Lip­pe, Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel und Wal­deck, die Graf­schaf­ten Ra­vens­berg (Bran­den­burg-Preu­ßen), Pyr­mont und Riet­berg, die Land­graf­schaft Hes­sen-Kas­sel, das Fürs­ten­tum Ca­len­berg-Göt­tin­gen/Kur­fürs­ten­tum Braun­schweig-Lü­ne­burg, das Her­zog­tum West­fa­len und das Stift Cor­vey.

Geschichte

Auf dem Ge­biet des Bis­tums ent­wi­ckel­te sich im Lau­fe der Jahr­hun­der­te das Ter­ri­to­ri­um Fürst­bis­tum Pa­der­born, das erst in der Neue­ren Neu­zeit durch preu­ßi­sche Be­set­zung 1802 auf­ge­löst wur­de. Von ei­ner Lan­des­ho­heit bzw. Staat­lich­keit des Fürst­bis­tums kann nur vom Hoch­mit­tel­al­ter (14. Jahr­hun­dert) bis zum Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts ge­spro­chen wer­den.

Paderborner Bischöfe als Landesherren

Die Lis­te der Bi­schö­fe von Pa­der­born ist lang. Seit dem 8. Jahr­hun­dert sind 66 Bi­schö­fe be­kannt. Etwa 28 Lan­des­her­ren wa­ren seit dem 14. Jahr­hun­dert bis 1802 Fürst­bi­schö­fe im heu­ti­gen Ver­ständ­nis. Ha­thu­mar (806–815) war der ers­te Bi­schof von Pa­der­born, Bern­hard V. (1321–1341) gilt als der ers­te Fürst­bi­schof. Franz Egon (seit 1789) war das letz­te Lan­des­ober­haupt; blieb aber bis 1825 der kirch­li­che Ober­hir­te der Diö­ze­se. Zu den be­deu­tends­ten Fürst­bi­schö­fen zäh­len ne­ben dem Schöp­fer der ers­ten Lan­des­ver­fas­sung „Pri­vi­le­gi­um Bern­har­di“ Bern­hard V. und Hein­rich III., der als ers­ter Lan­des­herr wirk­lich zwi­schen sei­nen geist­li­chen und welt­li­chen Auf­ga­ben trenn­te. In den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten be­dien­ten sich die meis­ten Lan­des­her­ren der Weih­bi­schö­fe, die das geist­li­che Amt aus­führ­ten. Wäh­rend der Re­for­ma­ti­ons­zeit war mit Hein­rich IV. so­gar ein Pro­tes­tant Lan­des­herr.

Als neu­zeit­lich be­deu­tends­ter Fürst­bi­schof trat zu­nächst Diet­rich IV. in Er­schei­nung, trotz der For­cie­rung der He­xen­pro­zes­se war er der Grün­der der ers­ten west­fä­li­schen Uni­ver­si­tät. Eine kul­tu­rel­le und geis­ti­ge Blü­te ver­schaff­te dem klei­nen Ter­ri­to­ri­um Bi­schof Fer­di­nand II. (1661–1683). Sei­ne her­vor­ra­gen­den Kon­tak­te zum päpst­li­chen Hof in Rom lie­ßen das Hoch­stift eine ei­gen­stän­di­ge Rol­le spie­len. Bei­de Bi­schö­fe aus dem Hau­se von Fürs­ten­berg kon­zen­trier­ten sich auf ihr Land und wa­ren wis­sen­schaft­lich in­ter­es­sier­te Stif­ter und Bau­her­ren des Hoch­ba­rock. Als spä­ter auf­ge­klär­ter Re­for­mer kann Bi­schof Fried­rich Wil­helm gel­ten, auch wenn sei­ne Re­for­men vor dem Un­ter­gang des geist­li­chen Ter­ri­to­ri­ums kei­nen Schutz bo­ten. Ins­ge­samt sind nur die­je­ni­gen Bi­schö­fe auch er­folg­reich ge­we­sen, die sich auf das Pa­der­bor­ner Ter­ri­to­ri­um kon­zen­trier­ten konn­ten und über­wie­gend dort re­gier­ten. Auf der an­de­ren Sei­te bo­ten die aus­wär­ti­gen Lan­des­her­ren, die in Per­so­nal­uni­on mit an­de­ren geist­li­chen Ter­ri­to­ri­en stan­den, ei­nen ge­wis­sen, und wie das Bei­spiel Cle­mens Au­gust zeigt, oft ver­geb­li­chen au­ßen­po­li­ti­schen Schutz vor An­ne­xi­on grö­ße­rer welt­li­cher Ter­ri­to­ri­al­staa­ten.

Vorgeschichte

Bistumsgründung durch die Karolinger

Das Bis­tum Pa­der­born wur­de in Sach­sen 799 durch Papst Leo III. und den frän­ki­schen Kö­nig Karl den Gro­ßen im Pfalz­ort Pa­der­born er­rich­tet. Ein ge­nau­es Da­tum ist nicht über­lie­fert. Schon Jah­re zu­vor wur­de die Bis­tums­grün­dung durch die Fran­ken vor­be­rei­tet. Der Grün­dung dien­ten seit 798 Ent­eig­nun­gen alt­säch­si­schen Ei­gen­tums. Im Jah­re 799 floh Papst Leo III. vor rö­mi­schen Un­ru­hen zu Karl nach Pa­der­born. Die Bis­tums­grün­dung steht in un­mit­tel­ba­rem Zu­sam­men­hang mit der Flucht Leos III. aus Rom und den sich an­schlie­ßen­den Ver­hand­lun­gen mit Karl in Pa­der­born zur Wie­der­be­grün­dung des west­rö­mi­schen Kai­ser­tums. Nur ein Jahr spä­ter ließ sich Karl in Rom zum neu­en rö­mi­schen Kai­ser krö­nen. Dem Bis­tum Würz­burg un­ter­ste­hend war das Bis­tum in den ers­ten Jah­ren noch nicht ei­gen­stän­dig. Schon der ers­te Bi­schof, der Sach­se Ha­thu­mar, wur­de in Würz­burg aus­ge­bil­det. Um 805 erst ist das Wir­ken des ers­ten Bi­schofs im Bis­tum selbst nach­weis­bar. Zahl­rei­che Reichs­ver­samm­lun­gen sind auch nach Karl im da­mals wich­tigs­ten Bis­tum des al­ten Sach­sens nach­weis­bar: Lud­wig der From­me 815, Lud­wig der Deut­sche (840, 845). Eine ers­te recht­li­che Auf­wer­tung er­fuhr das Bis­tum 822 durch Lud­wig den From­men mit der Ver­lei­hung der Im­mu­ni­tät, die ad­li­ge Ge­richts­be­fug­nis­se im Ter­ri­to­ri­um aus­schloss. Karl III. über­trug 885 dem Domkle­rus das Recht der frei­en Bi­schofs­wahl. Eine in der Geis­tes­welt des frü­hen Mit­tel­al­ters nicht min­der wich­ti­ge re­li­giö­se Auf­wer­tung er­fuhr das Bis­tum durch zahl­rei­che Stifts- und Klos­ter­grün­dun­gen (Cor­vey 822, Böd­de­ken 836, Nig­genker­ken 863, Neu­en­heer­se 868) und Re­li­qui­en­trans­la­tio­nen: Hl. Li­bo­ri­us nach Pa­der­born und St. Veit nach Cor­vey 836.

Ottonische Blütezeit

Ende des 9. Jahr­hun­derts führ­ten die Strei­tig­kei­ten um das Erbe der Ka­ro­lin­ger im Fran­ken­reich auch im Bis­tum Pa­der­born zu Kon­flik­ten zwi­schen dem frän­ki­schen Haus der Kon­ra­d­i­ner und dem (ost-)sächsischen Haus der Li­udol­fin­ger, den spä­te­ren Ot­to­nen. Das Bis­tum lag am han­dels­po­li­tisch wich­ti­gen Hell­weg zwi­schen dem Haus­be­sitz der Li­udol­fin­ger im Harz/Magdeburgischen und dem nie­der­rhei­ni­schen Kö­nigs­be­sitz und Aa­chen. Der li­udol­fin­gisch ge­präg­te Bi­schof Mein­werk (1009–1036) ver­stand es, die Nähe zu den neu­en Kö­ni­gen aus Sach­sen für sich und sein Bis­tum zu nut­zen. In sei­ner Zeit kam es zur ei­gent­li­chen Kon­so­li­die­rung des Bis­tums. Er selbst ver­mach­te die­sem sei­ne Erb­gü­ter und er­warb wei­te­ren Grund­be­sitz. Nicht zu­letzt si­cher­te er dem Bis­tum meh­re­re Graf­schaf­ten. In die­se setz­te er Mi­nis­te­ria­le ein. Die­se Maß­nah­men schwäch­ten die Macht des al­ten Adels. Gro­ße Be­deu­tung hat­te er auch für den mo­nas­ti­schen Be­reich. Hein­rich II. über­ließ ihm das Reichs­klos­ter Hel­mar­shau­sen und das Stift Schil­desche. Neu ge­grün­det wur­den das Ab­ding­hof­klos­ter so­wie das Klos­ter Bus­dorf. Da­mit ver­füg­ten die Bi­schö­fe über sechs Ei­gen­klös­ter oder -stif­te. Wirt­schaft­lich und po­li­tisch er­leb­te das Bis­tum un­ter Mein­werk eine zwei­te Blü­te­zeit, die als Mus­ter­bei­spiel ei­nes kö­nigs­na­hen Reichs­bi­schofs gel­ten konn­te.

Regionale Beschränkung

Macht­po­li­ti­sche und ers­te ter­ri­to­ria­le Frei­hei­ten, die Mein­werk dem Bis­tum ver­schafft hat­te, wur­den in der Fol­ge­zeit, als das deut­sche Kö­nig­tum im 12. Jahr­hun­dert mit den Stau­fern sei­nen Schwer­punkt nach Süd­deutsch­land ver­schob, ein­ge­schränkt. Das nun nicht mehr zen­tral lie­gen­de und da­mit in sei­ner über­re­gio­na­len Be­deu­tung ein­ge­schränk­te Bis­tum ge­riet in re­gio­na­le Kon­flik­te, die auch durch den In­ves­ti­tur­streit ver­schärft wur­den. Vor al­lem die Gra­fen von Werl und spä­ter ins­be­son­de­re die Erz­bi­schö­fe von Köln such­ten eine ter­ri­to­ria­le Aus­wei­tung auf Kos­ten des Bis­tums Pa­der­born. Bei der Zer­schla­gung des Her­zog­tums Sach­sen 1180 durch Bar­ba­ros­sa nach der Ent­mach­tung Her­zog Hein­richs des Lö­wen wur­de das Bis­tum dem neu­en Her­zog­tum West­fa­len und En­gern zu­ge­schla­gen; die Her­zogs­wür­de er­hielt der Erz­bi­schof von Köln. Ein wich­ti­ges Mit­tel, die Macht zu be­haup­ten und mög­lichst zu er­hal­ten, wa­ren die recht zahl­rei­chen Städ­te­grün­dun­gen.

Kölnisch-Paderbornischer Konflikt

Die re­gio­na­le Schwä­che des Bis­tums führ­te zu­nächst zu Kon­flik­ten mit den un­mit­tel­ba­ren Nach­barn. Die Gra­fen von Schwa­len­berg, die Edel­her­ren von Bra­kel und die Gra­fen von Ever­stein, die Erz­bi­schö­fe von Mainz, die Her­ren von Schö­ne­berg, die Her­ren von Bü­ren und die Edel­her­ren zur Lip­pe lie­ßen die welt­li­che Herr­schaft auf ein Mi­ni­mum be­schränkt.

Gleich­zei­tig eman­zi­pier­te sich die Stadt Pa­der­born von der Bi­schofs­macht. Die Erz­bi­schö­fe von Köln such­ten auch in der Bür­ger­schaft Ver­bün­de­te zur Schwä­chung des Pa­der­bor­ner Bi­schofs. So be­weg­ten die Köl­ner Erz­bi­schö­fe Phil­ipp von Heins­berg (1167–1191) und En­gel­bert I. von Berg (1216–1225) Klös­ter und Stif­te zum Ab­schluss von Bünd­nis­sen mit Köln. En­gel­bert un­ter­stütz­te 1217 die Selbst­be­stim­mung der Stadt Pa­der­born. Auch die Grün­dung und Auf­wer­tung von Städ­ten im Her­zog­tum West­fa­len wur­den von ihm un­ter­stützt (un­ter an­de­rem Werl, Ge­se­ke, Bri­lon, Ober­mars­berg und Rüt­hen).

Nach En­gel­berts Er­mor­dung 1225 ließ der Druck Kölns auf Pa­der­born zu­nächst nach, aber schon Kon­rad von Hoch­sta­den setz­te als Köl­ner Erz­bi­schof den Ex­pan­si­ons­kurs sei­ner Vor­gän­ger fort. Da mit Bi­schof Si­mon I. (1247–1277) erst­mals auch ein Pa­der­bor­ner Bi­schof eine ak­ti­ve Ter­ri­to­ri­al­po­li­tik be­trieb, kam es zur ge­walt­sa­men Kon­fron­ta­ti­on. In der Schlacht auf dem Wülfe­richs­kamp 1254 bei Dort­mund schlu­gen die Köl­ner die Pa­der­bor­ner Trup­pen. Das Pa­der­bor­ner Bis­tum droh­te nun ganz an Köln zu fal­len. Die Schlacht von Wor­rin­gen am 5. Juni 1288 be­en­de­te je­doch die Köl­ner Ex­pan­si­on jäh. Köln muss­te sich auf das Ter­ri­to­ri­um Her­zog­tum West­fa­len und der Erz­bi­schof sich auf den Ti­tel ei­nes Her­zogs von West­fa­len-En­gern be­schrän­ken. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Pa­der­born und Köln soll­ten für das kom­men­de Jahr­hun­dert aus­ge­setzt wer­den, da sich bei­de Herr­schaf­ten um den in­ne­ren Aus­bau ih­rer Ter­ri­to­ri­en küm­mer­ten.

Die Entstehung der fürstlichen Landesherrschaft und Verwaltung

Der Begründer des Fürstbistums Bernhard V. (1321-1341)

Der Be­grün­der des Fürst­bis­tums Bern­hard V. (1321-1341)

Wa­ren die Bi­schö­fe seit dem 9. Jahr­hun­dert Ge­richts­her­ren über ihre Bau­ern auf ih­rem Haus­be­sitz, so ent­wi­ckel­ten sich un­ter Bi­schof Bern­hard II. ers­te welt­li­che Amts­trä­ger­schaf­ten auch an­de­rer Ge­bie­te des Bis­tums. Die Gra­fen von Schwa­len­berg-Wal­deck über­ga­ben dem Bi­schof das wich­ti­ge Vog­tei-Amt, das ei­gent­lich die welt­li­che Ver­tre­tung des Bi­schofs dar­stell­te. Nun­mehr wa­ren geist­li­che und welt­li­che Auf­ga­ben in Bern­hards II. Hand. Auch die wach­sen­de Be­deu­tungs­lo­sig­keit des Kö­nigs­diens­tes der säch­si­schen Pa­der­bor­ner Bi­schö­fe ließ Raum für den Aus­bau der ter­ri­to­ria­len Herr­schaft.

Bi­schof Bern­hard V. gilt als der ei­gent­li­che Schöp­fer des Fürst­bis­tums Pa­der­born. Schon un­ter sei­nen di­rek­ten Vor­gän­gern Gün­ther I. und Diet­rich II. war er der ei­gent­li­che Kopf der Lan­des­herr­schaft. Auf der ei­nen Sei­te ver­dank­te er sei­ne Macht den er­stark­ten Land­stän­den, auf der an­de­ren Sei­te konn­te er durch ein neu­es Grund­ge­setz sei­ne Macht durch Ein­bin­dung der stän­di­schen Macht des Adels, des Dom­ka­pi­tels und der Städ­te für sich nut­zen. Erst­mals 1309 wur­de ein stän­di­scher Rat ge­schaf­fen, der aus je vier Dom­her­ren und Mi­nis­te­ria­len und je zwei Bür­gern der Städ­te War­burg und Pa­der­born be­stand. Die ge­gen­sei­ti­ge Ab­hän­gig­keit, zu­mal in ei­ner kri­sen­haf­ten Si­tua­ti­on, form­te all­mäh­lich ver­fas­sungs­ähn­li­che Ge­set­ze her­aus, die mehr und mehr das Fürst­bis­tum Pa­der­born her­aus­kris­tal­li­sier­ten.

Ne­ben den ver­fas­sungs­recht­li­chen Neu­re­ge­lun­gen sind für die Jah­re von Bi­schof Bern­hard V. auch die um­fang­rei­chen Stadt­grün­dun­gen von Be­deu­tung. In kaum ei­nem Ge­biet West­fa­lens hat es im Mit­tel­al­ter eine ähn­li­che Dich­te von Städ­ten ge­ge­ben. Hier­bei leg­te er ne­ben den Neu­grün­dun­gen be­son­de­ren Wert auf die Kon­so­li­die­rung der Herr­schaft. In sei­ner Zeit run­de­te sich das Ge­biet des Hoch­stif­tes so ab, wie es bis zu sei­nem Ende 1802/03 be­stehen soll­te.

Bern­hards V. mi­li­tä­ri­sche und städ­te­bau­li­che Maß­nah­men führ­ten das Land aber auch in eine schwe­re fi­nan­zi­el­le Kri­se, zu de­ren Bei­le­gung wie­der ein Ver­fas­sungs­akt not­wen­dig wur­de. Im Pri­vi­le­gi­um Bern­har­di wur­den die ade­li­gen Land­stän­de und der Fürst­bi­schof auf ei­nen ge­gen­sei­ti­gen Bei­stands­pakt ein­ge­schwo­ren. Auch die Städ­te folg­ten dem Bei­spiel.

Die Städ­te­grün­dun­gen wa­ren vor al­lem Maß­nah­men zur Schaf­fung lan­des­herr­li­cher In­fra­struk­tur. Seit dem Ende des 13. Jahr­hun­derts bil­de­ten sich Äm­ter, die vor al­lem der steu­er­li­chen, po­li­zei­li­chen, mi­li­tä­ri­schen und recht­li­chen Kon­trol­le dien­ten. Dies er­folg­te nicht zen­tra­lis­tisch, son­dern un­gleich, ba­sie­rend auf be­stehen­den Ti­teln und Äm­tern, so dass ei­ni­ge Be­zeich­nun­gen ir­re­füh­rend wa­ren. So hieß in Nie­heim der Amt­mann Rich­ter, ob­gleich er nicht Recht sprach, an­de­re Be­zeich­nun­gen wa­ren Land­vogt (Peckels­heim), Go- und Frei­gra­fen (War­burg).

Ende des 14. Jahr­hun­derts wur­den mit den Ober­äm­tern Mit­tel­in­stan­zen ge­schaf­fen, die eben­falls bis zum Ende des Ter­ri­to­ri­ums be­stehen blie­ben. Die Burg Drin­gen­berg und die Burg Neu­haus bil­de­ten je­weils ei­nen öst­li­chen bzw. west­li­chen Di­strikt, spä­ter Ober- und Un­ter­wal­den ge­nannt, ge­trennt durch die na­tür­li­che Bar­rie­re Eg­ge­ge­bir­ge und be­herrscht von den Städ­ten War­burg bzw. Pa­der­born. Die Ver­wal­tungs­struk­tur war sehr den his­to­ri­schen Ge­ge­ben­hei­ten an­ge­passt und muss aus Sicht von spä­te­ren west­phä­lisch-fran­zö­si­schen bzw. preu­ßisch-deutsch zen­tra­lis­ti­schen Ver­wal­tungs­re­for­mern als sehr rück­stän­dig er­schei­nen. Ein Blick auf die Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit ei­nes sehr mo­der­nen Staa­ten­ge­bil­des wie die des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­rei­ches von Groß­bri­tan­ni­en und Nord­ir­land zeigt, wie Tra­di­tio­nen in­ko­hä­rent wei­ter be­stehen kön­nen.

Politische und Demographische Krise im 14./15. Jahrhundert

Im 14. Jahr­hun­dert brach der Pa­der­born-köl­ni­sche Kon­flikt wie­der auf. An­lass war eine Feh­de in­ner­halb der Fa­mi­lie des Pa­der­bor­ner Bi­schofs Wil­helm I. von Berg. Die Bür­ger der Stadt Pa­der­born und Wil­helms Va­ter such­ten Un­ter­stüt­zung beim Köl­ner Erz­bi­schof Fried­rich III. von Saar­wer­den (1370–1414). Die Feh­de en­de­te in ei­nem of­fe­nen Krieg. Fried­richs Nach­fol­ger, der Ad­mi­nis­tra­tor Bi­schof Diet­rich III. von Mo­ers (1414–1463) such­te schließ­lich den Auf­bau ei­nes rhei­nisch-west­fä­li­schen „Su­per­ter­ri­to­ri­ums“ un­ter Köl­ner Füh­rung. Die ge­plan­te Ver­schmel­zung der Köl­ner und Pa­der­bor­ner Ter­ri­to­ri­en blieb aber auf Grund des Wi­der­stan­des der Pa­der­bor­ner Land­stän­de er­folg­los. Eine wei­te­re ge­walt­sa­me Aus­ein­an­der­set­zung bil­de­te die 1464 aus­ge­bro­che­ne Hes­sen-Pa­der­bor­ni­sche Feh­de zwi­schen Fürst­bi­schof Si­mon III und Lud­wig II. von Nie­der­hes­sen. Die Feh­de en­de­te mit ei­nem Waf­fen­still­stand 1471.

Die po­li­ti­schen Kri­sen im Zu­sam­men­hang mit der Köl­ner Ex­pan­si­ons­po­li­tik kön­nen nicht los­ge­löst von der viel schlim­me­ren Na­tur­ka­ta­stro­phe ge­se­hen wer­den, die über das Ter­ri­to­ri­um seit der Mit­te des 14. Jahr­hun­derts her­ein­brach. Der Pa­der­bor­ner Chro­nist Go­be­li­nus Per­son be­schrieb die Aus­wir­kun­gen der gro­ßen Beu­len­pest, die im Jah­re 1348 aus dem Mit­tel­meer­raum kom­mend auch wei­te west­fä­li­sche Ge­bie­te men­schen­leer mach­te. Ne­ben der bäu­er­li­chen und städ­ti­schen Be­völ­ke­rung war auch der Adel enorm be­trof­fen. Von etwa 130 An­ge­hö­ri­gen des Rit­ter­tums wa­ren im Zeit­raum von 1340 bis 1445 nur noch um die 50 üb­rig. Nur im ent­le­ge­ne­ren ober­wal­di­schen Di­strikt konn­ten sich vie­le Adels­fa­mi­li­en hal­ten. Von der ein­fa­chen Be­völ­ke­rung sind kei­ne ge­nau­en Zah­len be­kannt. Am schlimms­ten be­trof­fen war das Sint­feld im un­ter­wal­di­schen Süd­os­ten des Lan­des. Von 41 Sied­lun­gen konn­te sich nur noch die Stadt Wün­nen­berg hal­ten. Der Rest fiel wüst. Der Adel selbst re­agier­te mit Ab­schot­tung. Nicht von un­ge­fähr galt seit die­ser Zeit für die Mit­glie­der des Dom­ka­pi­tels die Re­gel, dass bei­de El­tern ade­li­gen Ur­sprungs sein soll­ten.

16. Jahrhundert und Reformationszeit

Der protestantische Fürstbischof Heinrich IV. (1577–1585)

Der pro­tes­tan­ti­sche Fürst­bi­schof Hein­rich IV. (1577–1585)

Die Seu­chen-Ka­ta­stro­phen des 14. und 15. Jahr­hun­derts klan­gen ab 1500 ab. Das Ter­ri­to­ri­um konn­te sich all­mäh­lich kon­so­li­die­ren. Da­bei muss­te die fürst­bi­schöf­li­che Herr­schaft zum Teil emp­find­li­che Macht­ein­bu­ßen hin­neh­men. Ins­be­son­de­re die Städ­te Pa­der­born und War­burg, zum Teil auch Bra­kel konn­ten sich ge­gen­über der kle­ri­ka­len Herr­schaft eman­zi­pie­ren. Die Seu­chen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te be­wirk­ten zu­sätz­lich, dass ein gro­ßer Teil der Adels­fa­mi­li­en aus­starb. Die üb­rig­ge­blie­be­nen Fa­mi­li­en ent­spra­chen zu­neh­mend dem früh­neu­zeit­li­chen Bild der Guts­her­ren, die an­statt in Bur­gen in herr­schaft­li­chen Guts­hö­fen Ein­fluss auf das Le­ben im und auf dem Lan­de nah­men. Die Bau­ern je­doch konn­ten sich in be­schei­de­nem Maße von den Guts­her­ren lö­sen. Vor al­lem im Ober­amt Drin­gen­berg nah­men die frei­en Mei­er zu, wenn auch in wei­ten Tei­len des nörd­li­chen un­ter­wal­di­schen Di­strikts die Bau­ern als „Ei­gen­be­hö­ri­ge“ vom ade­li­gen Vor­mund ab­hän­gig blie­ben.

Das Stift blieb auch zu Be­ginn der Neu­zeit ein stark kirch­lich ge­präg­tes Ter­ri­to­ri­um. Al­len vor­an stand der Fürst­bi­schof. Auch das Nach­barstift, die Fürst­ab­tei Cor­vey übte Ein­fluss auf das welt­li­che und geist­li­che Le­ben im Pa­der­bor­ni­schen aus. Größ­te Be­deu­tung hat­ten die zahl­rei­chen Klös­ter: Be­ne­dik­ti­ner herrsch­ten und wirk­ten im Pa­der­bor­ner Ab­ding­hof­klos­ter, in Gehr­den, Hel­mar­shau­sen, Ma­ri­en­müns­ter und Wil­le­ba­dessen; als Kol­le­gi­at­stif­te be­stan­den das Pa­der­bor­ner Bus­dorf­klos­ter, Neu­en­heer­se, Böd­de­ken und Dal­heim. Zis­ter­zi­en­ser bil­de­ten Ge­mein­schaf­ten in der Pa­der­bor­ner Gau­kir­che, in Har­de­hau­sen, Holt­hau­sen, Wormeln und Brenk­hau­sen. In Pa­der­born leb­ten fer­ner Fran­zis­ka­ner, in War­burg Do­mi­ni­ka­ner. Im Zuge der de­vo­tio mo­der­na konn­ten sich Re­form­klös­ter der Au­gus­ti­ner eta­blie­ren, wie Böd­de­ken und Dal­heim. Gleich­zei­tig konn­ten sich zahl­rei­che neue städ­ti­sche Pfar­rei­en eman­zi­pie­ren, al­len vor­an die Markt­kir­che in Pa­der­born.

In die­sem Um­feld der ade­li­gen, städ­ti­schen und re­form­kirch­li­chen Fort­ent­wick­lung wuchs aber auch die Volks­fröm­mig­keit und da­mit auch die Öff­nung zu re­for­ma­to­ri­schen Be­we­gun­gen.

Die im frü­hen 16. Jahr­hun­dert gro­ße Er­fol­ge fei­ern­de Re­for­ma­ti­on setz­te sich vor al­lem in den Nach­bar­ter­ri­to­ri­en des Stif­tes durch. Die Land­graf­schaft Hes­sen wur­de 1527, die Graf­schaft Lip­pe 1538 re­for­miert. Vor al­lem die Re­for­ma­ti­on bei den nörd­li­chen Nach­barn war für den Pa­der­bor­ner Bi­schof schmerz­lich, ge­hör­ten sie doch zur geist­li­chen Diö­ze­se des Bis­tums. Da wo al­ler­dings die welt­li­che Herr­schaft des Fürst­bi­schofs und des Dom­ka­pi­tels be­stand, konn­ten sich mit­tel­fris­tig die rö­misch-ka­tho­li­schen Struk­tu­ren durch­set­zen. Zu­nächst öff­ne­ten sich die Bür­ger der Haupt­stadt Pa­der­born den re­for­ma­to­ri­schen Ide­en. Etwa 1525 wen­de­ten sich in Pa­der­born ver­mehrt Bür­ger dem neu­en Glau­ben zu. Für 1526 ist eine ers­te evan­ge­li­sche Pre­digt durch den säch­si­schen Hof­pre­di­ger Fried­rich My­co­ni­us be­legt.

Zur Zeit von Her­mann von Wied konn­te die re­for­ma­to­ri­sche Ent­wick­lung nur zeit­wei­se zu­rück­ge­drängt wer­den. Zur Zeit von Jo­hann von Hoya war das Fürst­bis­tum über­wie­gend pro­tes­tan­tisch. Im­mer­hin ge­lang ihm die Wie­der­her­stel­lung des ka­tho­li­schen Got­tes­diens­tes in der Stadt Pa­der­born. Zur Zeit von Hein­rich von Sach­sen-Lau­en­burg, der selbst Pro­tes­tant war, war das Land wie­der fast gänz­lich pro­tes­tan­tisch.

Gegenreformation und Konfessionalisierung

Der Bischof der Gegenreformation: Dietrich IV. (1585–1618)

Der Bi­schof der Ge­gen­re­for­ma­ti­on: Diet­rich IV. (1585–1618)

Dies än­der­te sich in der Zeit von Bi­schof Diet­rich von Fürs­ten­berg. Un­ter sei­ner Herr­schaft be­gan­nen die Ge­gen­re­for­ma­ti­on und die ka­tho­li­sche Kon­fes­sio­na­li­sie­rung im Fürst­bis­tum Fuß zu fas­sen. Im Kle­rus führ­te er Re­for­men im Sin­ne des Kon­zils von Tri­ent ein. Durch ein fürst­bi­schöf­li­ches Druck­mo­no­pol ge­währ­leis­te­te er, dass lit­ur­gi­sche Tex­te und an­de­re Schrif­ten den Nor­men der ka­tho­li­schen Kon­fes­si­on und dem In­ter­es­se des Lan­des­her­ren ent­spra­chen. Die Agen­de von 1602 soll­te die Sa­kra­ment­spen­dung im ka­tho­li­schen Sinn durch­set­zen. Geist­li­che muss­ten sich zum Ka­tho­li­zis­mus be­ken­nen oder ihr Amt auf­ge­ben. Ge­gen Lai­en ging Diet­rich teils mit Re­pres­sio­nen vor. Zur Bil­dung der Geist­lich­keit im ge­gen­re­for­ma­to­ri­schen Sinn und zur Durch­set­zung der ka­tho­li­schen Kon­fes­si­on ins­ge­samt stütz­te sich der Bi­schof vor al­lem auf die Je­sui­ten. In sei­ner Zeit ent­stand das Gym­na­si­um Theo­do­ria­num und die Uni­ver­si­tät.

Teil­wei­se da­mit ver­bun­den war die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Land­stän­den. Die­se schlos­sen sich zur Ab­wehr der lan­des­herr­li­chen Macht­an­sprü­che mehr­fach zu Ei­ni­gun­gen zu­sam­men. Im Jahr 1604 wur­de die Stadt Pa­der­born vom Bi­schof un­ter­wor­fen und des­sen auf­stän­di­scher, pro­tes­tan­ti­scher Bür­ger­meis­ter hin­ge­rich­tet. Die im Lau­fe der Jahr­hun­der­te ge­gen die Bi­schö­fe er­strit­te­nen Rech­te gin­gen Pa­der­born weit­ge­hend ver­lo­ren. Ins­ge­samt ge­lang es aber nicht, eine ab­so­lu­tis­ti­sche Herr­schaft im Land auf­zu­bau­en. Auch nach Diet­rich blie­ben Fürst­bi­schö­fe auf die Zu­stim­mung der Land­stän­de an­ge­wie­sen.

Un­ter Diet­rich von Fürs­ten­berg wur­de auch ein be­reits seit län­ge­rem be­stehen­der Grenz­streit mit der Land­graf­schaft Hes­sen-Kas­sel bei­gelegt.

Dreißigjähriger Krieg

Der nicht aus rein kon­fes­sio­nel­len Grün­den ge­führ­te Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg hat­te auf das wie­der fest in ka­tho­li­scher Hand lie­gen­de Stift gro­ße Aus­wir­kun­gen. Au­ßen­po­li­tisch und wirt­schaft­lich war das Pa­der­bor­ner Land in ei­ner un­be­deu­ten­den Rol­le. Mi­li­tä­risch be­deu­tungs­los er­füll­te es nur sei­ne Ver­pflich­tun­gen in­ner­halb des Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­schen Reichs­krei­ses auf der ka­tho­li­schen Sei­te des Kai­sers. Den­noch traf der „im­mer­wäh­ren­de Krieg“ das Land ver­gleichs­wei­se hart. Das Leid für die Be­völ­ke­rung war groß. Plün­de­run­gen und Ein­quar­tie­run­gen bei­der Sei­ten blu­te­ten Mensch und Land aus. In der ers­ten Kriegs­pha­se bis 1622 kam es nur zu in­di­rek­ten Ein­wir­kun­gen. Vor al­lem Trup­pen der Pro­tes­tan­ti­schen Uni­on zo­gen im­mer wie­der plün­dernd durch das ka­tho­li­sche Ge­biet. Die ers­te di­rek­te Be­set­zung der Haupt­stadt Pa­der­born er­folg­te durch den „Tol­len Chris­ti­an“ Chris­ti­an von Braun­schweig. Von Ja­nu­ar bis Mai 1622 wur­de die Stadt aus­ge­plün­dert und de fac­to pro­tes­tan­tisch, die ma­ro­die­ren­den Trup­pen zo­gen aber wie­der ab. Bis heu­te un­ver­ges­sen blie­ben der Raub des Li­bo­risch­reins und des Dom­schat­zes und die fol­gen­de Prä­gung des „Pfaf­fen­feind­ta­lers“. Der köl­ni­sche Kur­fürst Fer­di­nand von Bay­ern, ne­ben fünf wei­te­ren Ter­ri­to­ri­en auch Fürst­bi­schof von Pa­der­born, stell­te erst­mals 1627 Stifts­trup­pen auf, doch konn­te das Re­gi­ment Blanck­art kei­nen wirk­sa­men Schutz bie­ten. Vor al­lem in der zwei­ten Hälf­te des Krie­ges litt das Land un­ter wech­seln­den Be­set­zun­gen. 1630 konn­te der neue pro­tes­tan­ti­sche Füh­rer Kö­nig Gus­tav II. Adolf von Schwe­den den hes­sen-kas­sel­schen Land­gra­fen Wil­helm V. als Ver­bün­de­ten ge­win­nen. Ver­spro­chen wur­den ihm meh­re­re ka­tho­li­sche Ter­ri­to­ri­en, un­ter an­de­rem das be­nach­bar­te Pa­der­born. Nach der miss­lun­ge­nen Ein­nah­me des stär­ke­ren Fürst­bis­tums Müns­ter 1632 be­setz­ten die hes­sen-kas­sel­schen Trup­pen un­ter Ge­ne­ral Pe­ter Me­lan­der von Holz­ap­pel für vier Jah­re das Stift. Erst 1636 konn­te der kai­ser­li­che Ge­ne­ral Jo­hann von Götz die Hes­sen ver­trei­ben. Über­fäl­le blie­ben aber auch in den Fol­ge­jah­ren nicht aus. 1640/41 be­setz­ten erst­mals schwe­di­sche Trup­pen auf ih­rem Rück­zug von Böh­men das Stift. Die schwe­ren Ver­wüs­tun­gen wie­der­hol­ten sich noch ein­mal 1646. We­der kai­ser­li­che Trup­pen noch die von Fer­di­nand I. ein­be­ru­fen­de Kreis­de­fen­si­on konn­ten die Schwe­den nach­hal­tig ver­trei­ben.

So wur­de das Hoch­stift das in West­fa­len wohl am stärks­ten be­trof­fe­ne Ge­biet. Al­lein die Stadt Pa­der­born wur­de 16 Mal er­obert oder be­la­gert. Die Zahl der Ein­woh­ner im Stift war um ein Drit­tel zu­rück­ge­gan­gen. Durch das Leid und die ohn­mäch­ti­ge Ob­rig­keit er­litt das Land auch so­zi­al ei­nen gro­ßen Rück­schlag.

Am Ende droh­te dem Stift wei­ter die An­ne­xi­on durch die Land­graf­schaft Hes­sen-Kas­sel. Die­se konn­te durch fran­zö­si­schen Wi­der­spruch bei den Ver­hand­lun­gen zum West­fä­li­schen Frie­den ab­ge­wen­det wer­den. Wirt­schaft­lich lag das Land aber dar­nie­der. Zur Geld­ent­wer­tung und Miss­wirt­schaft tra­ten nach dem Krie­ge Kon­tri­bu­ti­ons­zah­lun­gen.

Hexenprozesse im Hochstift Paderborn

Im Hoch­stift Pa­der­born sind zwi­schen 1510 und 1702 He­xen­pro­zes­se ge­gen 260 Per­so­nen nach­weis­bar. Sie en­de­ten in min­des­tens 204 Fäl­len mit der Hin­rich­tung oder dem Tod in der Haft, in 18 Fäl­len mit der Frei­las­sung, der Aus­gang der rest­li­chen Ver­fah­ren ist un­klar. Der An­teil der Frau­en liegt bei rund 70 %. Kin­der wur­den nur ver­ein­zelt an­ge­klagt. Die Quel­len­la­ge ist für die Adels­herr­schaf­ten der Fa­mi­li­en von Bü­ren und West­pha­len sehr gut, für die Jus­tiz des Lan­des­herrn lei­der sehr schlecht, so dass die obi­gen Zah­len nur eine Un­ter­gren­ze dar­stel­len.

Ein­zel­ne Pro­zes­se sind um 1510 nach­weis­bar, dann seit 1555, kon­ti­nu­ier­li­cher seit 1572. Drei grö­ße­re Ver­fol­gungs­wel­len sind in dem Jahr­zehnt nach 1590, zwi­schen 1628 und 1631 und zwi­schen 1656 und 1659 zu ver­zeich­nen. Der Hö­he­punkt der Ver­fol­gun­gen war mit min­des­tens 85 Op­fern um 1630. Al­lein in der Herr­schaft Bü­ren wur­den zwi­schen dem 17. März und dem 15. April 1631 50 Per­so­nen hin­ge­rich­tet.

Im Be­reich der Ge­richts­bar­keit des Dom­ka­pi­tels im Hoch­stift Pa­der­born wur­den von 1597 bis ca. 1611 He­xen­pro­zes­se in Bor­chen durch­ge­führt. Füh­ren­der Kopf die­ser He­xen­ver­fol­gung war der Syn­di­kus des Dom­stifts, Li­cen­ci­at Jo­hann Mol­ler. 13 Men­schen aus Et­teln wur­den an­ge­klagt, neun Per­so­nen we­gen an­geb­li­cher Zau­be­rei ver­brannt, dar­un­ter Eli­sa­beth Schae­fer und Mar­ga­re­tha Vogt. Das Schick­sal der Frau­en „Die Jo­sep­sche“ von Et­teln und Ger­traud Kneips zeu­gen vom Macht­miss­brauch und se­xu­el­ler Aus­nut­zung der Op­fer durch He­xen­rich­ter Mol­ler und sei­ner Kol­le­gen.

Hohe Wel­len schlug der Pro­zess, den Bi­schof Diet­rich von Fürs­ten­berg (reg. 1585 1618) 1600/01 ge­gen den Pri­or, den Sub­pri­or und zwei wei­te­re Mön­che des Au­gus­ti­ner­chor­her­ren­klos­ters Dal­heim durch­führ­te.

Barocker Aufschwung unter Ferdinand II.

Der aufgeklärte Landesfürst Ferdinand II. (1661–1683)

Der auf­ge­klär­te Lan­des­fürst Fer­di­nand II. (1661–1683)

Der Wie­der­auf­bau nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg ver­zö­ger­te sich, weil das Land hohe Kriegs­ent­schä­di­gun­gen an Hes­sen zu leis­ten hat­te. Er setzt im We­sent­li­chen un­ter Fürst­bi­schof Fer­di­nand II. (von Fürs­ten­berg) ein. Sein gro­ßes ba­ro­ckes Bau­pro­gramm etwa dien­te nicht zu­letzt dazu, Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten zu schaf­fen. Hin­zu ka­men wei­te­re in­nen­po­li­ti­sche Re­form­maß­nah­men im Be­reich des Rechts, der Wirt­schaft und des Schul­we­sens. Wis­send um die Schwä­che des Lan­des, ver­hielt sich der Bi­schof in den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sei­ner Zeit mög­lichst neu­tral, neig­te aber zur Un­ter­stüt­zung Frank­reichs. Von gro­ßer Be­deu­tung war sei­ne För­de­rung von Wis­sen­schaft und Kul­tur.

Das paderbornische Nebenland Kurkölns

1719 wur­de der Wit­tels­ba­cher Cle­mens Au­gust, gleich­zei­tig Bi­schof von Müns­ter, zum Bi­schof ge­wählt. Auf Grund sei­ner Ju­gend muss­te Cle­mens Au­gust die geist­li­che Lei­tung des Bis­tums zu­nächst dem Dom­de­chan­ten Wil­helm Her­mann von Wolff-Met­ter­nich über­tra­gen. Erst 1727 er­hielt der jun­ge Ade­li­ge die Bi­schofs­wei­he. Die ad­mi­nis­tra­ti­ve Füh­rung des pa­der­bor­ni­schen Ter­ri­to­ri­ums wur­de ei­nem neu ge­grün­de­ten „Ge­hei­men Rats­kol­le­gi­um“ über­tra­gen. Eine eben­falls neue Hof­kam­mer und der Hof­rat bil­de­ten obers­te Lan­des­be­hör­den – Maß­nah­men der staat­li­chen Ver­dich­tung und der Ver­wal­tungs­mo­der­ni­sie­rung. Wirk­li­che Macht ent­fal­ten konn­te der jun­ge Bay­er ab 1723 als Kur­fürst von Köln. Spä­ter wur­de er auch Fürst­bi­schof von Hil­des­heim und Os­na­brück.

Das Stift Pa­der­born ent­wi­ckel­te sich nun zu ei­nem Ne­ben­land Kur­kölns und der Wit­tels­ba­cher Fa­mi­lie, de­ren baye­ri­sches Wap­pen noch heu­te zahl­rei­che Bau­ten im Hoch­stift zie­ren. Das Land er­leb­te bei den Be­su­chen des Bi­schofs den Prunk sei­nes Ro­ko­ko­ho­fes. Be­red­tes Bei­spiel für sei­nen Hang zur Re­prä­sen­ta­ti­on wa­ren die Fei­er­lich­kei­ten zur 900-Jahr-Fei­er der Re­li­qui­en­über­tra­gung des Hei­li­gen Li­bo­ri­us mit ei­nem Ba­rock­feu­er­werk und der Um­bau des Re­si­denz­schlos­ses Neu­haus in ei­ner ba­ro­cken Gar­ten­land­schaft. Sei­ner In­itia­ti­ve ent­sprin­gen auch ver­schie­de­ne Bau­ten wie die Je­sui­ten­kir­che in Bü­ren. Für Cle­mens selbst hat­te das Fürst­bis­tum we­gen sei­ner Jagd­grün­de in der Sen­ne Be­deu­tung. Im Reich streb­te der „Herr von Fünf­kir­chen“ nach wei­te­rer Macht.

Auch sein pa­der­bor­ni­sches Ter­ri­to­ri­um ge­riet da­mit in macht­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, zu­nächst auf der Sei­te des Kai­sers im Pol­ni­schen Thron­fol­ge­krieg ge­gen Frank­reich, dann im Ös­ter­rei­chi­schen Erb­fol­ge­krieg mit Frank­reich ge­gen die ös­ter­rei­chi­sche Erz­her­zo­gin Ma­ria The­re­sia. Den größ­ten Er­folg der wit­tels­ba­cher Fa­mi­lie war die Wahl Karls VII. zum rö­misch-deut­schen Kai­ser. Karl wur­de mit der Stim­me sei­nes Bru­ders Cle­mens Au­gusts ge­wählt und von ihm stell­ver­tre­tend für den Papst ge­krönt.

Der Siebenjährige Krieg

In sei­ne Re­gie­rungs­zeit fiel in­des der über­wie­gen­de Teil des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges. Das Land stand auf Sei­ten der Fran­zo­sen und des Kai­sers, wur­de aber von Al­li­ier­ten und Fran­zo­sen als Ver­pfle­gungs- und Re­kru­tie­rungs­ge­biet, als Win­ter­la­ger und bis­wei­len als Schlacht­feld (Schlacht bei War­burg) ge­nutzt. Die Lan­des­haupt­stadt war im­mer wie­der Haupt­quar­tier der Trup­pen. Das pa­der­bor­ni­sche Re­gi­ment kämpf­te der­weil ge­mein­sam mit kur­köl­ni­schen und müns­ter­schen Kon­tin­gen­ten der Reichs­ar­mee au­ßer­halb des Lan­des. Der Krieg ließ das Fürst­bis­tum aus­blu­ten und brach­te viel Elend für die Be­völ­ke­rung.

Es war er­klär­tes Ziel des Kur­fürs­ten­tums Braun­schweig-Lü­ne­burg, das Hoch­stift zu an­nek­tie­ren. Dies führ­te nach dem Tode von Bi­schof Cle­mens Au­gust 1761 zu ei­ner zwei­jäh­ri­gen Va­kanz wäh­rend des Krie­ges. Erst nach­dem die Exis­tenz des Hoch­stif­tes nach dem Pa­ri­ser Frie­den 1763 un­ter an­de­rem durch Hil­fe des fran­zö­si­schen Bi­schofs von Le Mans und Kö­nig Lud­wig XV. ge­si­chert war, konn­te mit Wil­helm An­ton von der As­se­burg ein neu­er Bi­schof ge­wählt wer­den.

Späte Reformen und der Untergang des Fürstbistums

Die erste Seite der 14. Ausgabe des Paderbornischen Intelligenzblattes (1777)

Die ers­te Sei­te der 14. Aus­ga­be des Pa­der­bor­ni­schen In­tel­li­genz­blat­tes (1777)

Das Land litt noch in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts un­ter den Zer­stö­run­gen und Schul­den des Krie­ges, ein Haupt­grund für die spä­te­re ne­ga­ti­ve Pres­se für das rück­stän­dig ka­tho­li­sche Land in der pro­tes­tan­ti­schen Auf­klä­rungs­li­te­ra­tur. Die wirt­schaft­li­che Lage blieb trotz der Ver­su­che ei­ner Ge­wer­be­för­de­rung durch Wil­helm An­ton schwie­rig. Da­ne­ben be­gann der neue Fürst­bi­schof mit Re­for­men im Bil­dungs­sys­tem. Die­se fan­den un­ter Fried­rich Wil­helm von West­pha­len und dem letz­ten Fürst­bi­schof Franz Egon von Fürs­ten­berg ihre Fort­set­zung. Letz­ter ori­en­tier­te sich da­bei teil­wei­se an der Re­form­po­li­tik des müns­ter­schen Mi­nis­ters Franz von Fürs­ten­berg. Es wur­de eine für die da­ma­li­ge Zeit fort­schritt­li­che Schul­ord­nung er­las­sen. Auch eine Nor­mal­schu­le in Pa­der­born zur ver­bes­ser­ten Aus­bil­dung der Volks­schul­leh­rer wur­de ge­grün­det. In den Gym­na­si­en lös­te Deutsch das La­tein als Un­ter­richts­spra­che ab. Auch pu­bli­zis­tisch such­te das Fürs­ten­tum An­schluss. Ab 1774 wur­de das „Pa­der­bor­ni­sche In­tel­li­genz­blatt“ re­gel­mä­ßig ver­öf­fent­licht.

Wie alle geist­li­chen Fürs­ten­tü­mer des al­ten Rei­ches stand das Stift in der De­fen­si­ve ge­gen­über dem zen­tra­lis­ti­schen Ver­wal­tungs­staat Preu­ßen. Der Klein­staat hat­te noch im­mer mit ei­nem über­gro­ßen Schul­den­berg zu kämp­fen, der ohne Selbst­ver­schul­den durch den Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg ent­stan­den war. Auch fehl­te eine Herr­scher­dy­nas­tie, die Re­for­men und Ver­bün­de­ten­stra­te­gi­en nach­hal­tig ver­fol­gen konn­te. Auch im Pa­der­bor­ni­schen be­gehr­ten im spä­ten 18. Jahr­hun­dert die un­te­ren Schich­ten ge­gen die Stän­de auf. 1794 wur­de die Steu­er­frei­heit von Kle­rus und Adel auf­ge­ho­ben. Ent­schei­den­de Re­for­men blie­ben aber aus. Kei­nes­wegs war aber eine Be­völ­ke­rungs­mehr­heit an ei­ner gänz­li­chen Auf­lö­sung der tra­di­tio­nel­len Ord­nung in­ter­es­siert.

Der späte Reformer Wilhelm Anton (1763–1782)

Der spä­te Re­for­mer Wil­helm An­ton (1763–1782)

Ent­schei­dend für den Un­ter­gang blieb die po­li­ti­sche Groß­wet­ter­la­ge. Auch das Fürst­bis­tum wur­de zum Spiel­ball der eu­ro­päi­schen Groß­mäch­te. Die letz­te Au­to­ri­tät des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches als Ga­rant für die Reichs­ter­ri­to­ri­en ging sei­nem Ende ent­ge­gen. Das ka­tho­li­sche Frank­reich, das noch 1648 die Ei­gen­stän­dig­keit des Stif­tes ge­ret­tet hat­te, war zum Geg­ner ge­wor­den. Der Frie­den von Cam­po For­mio leg­te 1797 die Rhein­gren­ze zu­guns­ten des re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reichs fest. Der Reichs­frie­dens­kon­gress zu Ras­tatt 1798 ent­schä­dig­te die welt­li­chen Fürs­ten­tü­mer mit den schutz­lo­sen geist­li­chen Ge­bie­ten. Auch der Zwei­te Ko­ali­ti­ons­krieg 1798 konn­te das Ende des Stif­tes Pa­der­born nicht auf­hal­ten. Im Frie­den von Lu­n­é­vil­le 1801 war das Schick­sal be­sie­gelt.

Am 23. Mai wur­de durch den Pa­ri­ser Ver­trag das Ter­ri­to­ri­um dem Kö­nig­reich Preu­ßen zu­ge­spro­chen. Am 1. Au­gust 1802 be­setz­ten preu­ßi­sche Trup­pen un­ter Ge­ne­ral von L’Estocq das Fürst­bis­tum Pa­der­born. Der Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss be­sie­gel­te 1803 die An­ne­xi­on des Fürst­bis­tums durch Preu­ßen auch reichs­staats­recht­lich. Das Fürst­bis­tum fiel 1803 als Ent­schä­di­gungs­land an Preu­ßen. § 3 des Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schlus­ses lau­tet: Dem Kö­ni­ge von Preu­ßen, Kur­fürs­ten von Bran­den­burg, für das Her­zog­t­hum Gel­dern, und den auf dem lin­ken Rhein­ufer ge­le­ge­nen Theil des Her­zog­t­h­ums Cle­ve, für das Fürs­t­ent­hum Mo­eurs, die Be­zir­ke von Se­ve­na­er, Huis­sen und Mal­burg, und für die Rhein- und Maas­zöl­le: die Bist­hü­mer Hil­des­heim und Pa­der­born; … Der letz­te Fürst­bi­schof von Pa­der­born fand Auf­nah­me in Würz­burg, sei­nen Ti­tel durf­te er wei­ter­hin füh­ren.

Sie­he auch: Fürs­ten­tum Pa­der­born

Landstände

Die Land­stän­de des Fürst­bis­tums un­ter­teil­ten sich in das Dom­ka­pi­tel, die Ade­li­gen und die Städ­te. Alle drei Stän­de bil­de­ten den Land­tag.

Domkapitel

Das Dom­ka­pi­tel war der ei­gent­li­che Macht­fak­tor im Stift Pa­der­born. Es be­stimm­te nicht nur den Bi­schof, es hat­te auch Teil­ha­be an der ak­ti­ven Re­gie­rungs­ge­walt. Be­son­ders wich­tig war sei­ne Funk­ti­on wäh­rend der Se­dis­va­kanz. Wur­de der Bi­schofs­sitz nicht be­setzt, war es die ei­gent­li­che Re­gie­rung. Im Fürst­bis­tum Pa­der­born be­stand das Dom­ka­pi­tel aus 24 Dom­her­ren (Prä­ben­den, auch Ka­pi­tu­la­re ge­nannt), im Ver­gleich mit an­de­ren Fürst­bis­tü­mern war die An­zahl durch­schnitt­lich.

Wa­ren im Mit­tel­al­ter auch Bür­ger­li­che für die Äm­ter zu­ge­las­sen, schot­te­te sich der zu­neh­mend do­mi­nie­ren­de Adel im­mer wei­ter ab. Schon ab 1341 ge­hör­ten dem Dom­ka­pi­tel nur Ade­li­ge an. Zu­sätz­lich muss­ten die Dom­her­ren ade­li­ge Vor­fah­ren vor­wei­sen kön­nen. Die stifts­fä­hi­gen Fa­mi­li­en bil­de­ten den für die geist­li­chen Staa­ten Nord­west­deutsch­land prä­gen­den Stifts­adel. Ne­ben ih­rer macht­po­li­ti­schen Stel­lung ge­nos­sen die Dom­her­ren per­sön­li­che Vor­zü­ge, bil­de­ten doch die Stel­len wich­ti­ge Ver­sor­gungs­pos­ten. Die Dom­her­ren­pfrün­den bo­ten ein aus­rei­chen­des Ein­kom­men für den In­ha­ber, meist zweit­ge­bo­re­ne Söh­ne ade­li­ger Fa­mi­li­en ohne Erb­an­spruch. So wa­ren Dom­her­ren vor al­lem welt­lich le­ben­de Ade­li­ge, die zum größ­ten Teil in der Pa­der­bor­ner Dom­frei­heit re­si­dier­ten. Hier be­fan­den sich auch ihre Dienst­ge­bäu­de, die „Ku­ri­en“. Die Pa­der­bor­ner Dom­her­ren ka­men zu etwa 80 % aus dem west­fä­li­schen Raum, un­ter ih­nen vie­le aus dem Her­zog­tum West­fa­len.

Frei wer­den­de Stel­len wur­den in ei­nem „kom­ple­xen Ro­ta­ti­ons­prin­zip“ neu be­setzt: in un­ge­ra­den Mo­na­ten be­setz­te der Papst, in ge­ra­den Mo­na­ten ein Dom­herr (Turn­a­ri­us), der wie­der­um wö­chent­lich wech­sel­te. Der Kai­ser schließ­lich durf­te die ers­te frei wer­den­de Prä­ben­de nach sei­nem Re­gie­rungs­an­tritt be­set­zen. Die Be­set­zung war meist mit Ne­po­tis­mus und Kor­rup­ti­on ver­bun­den.

Für ei­nen Dom­her­ren war sei­ne si­cher­lich vor­han­de­ne Re­li­gio­si­tät nicht maß­ge­bend. Ein Dom­herr muss­te kei­ne hö­he­ren Wei­hen emp­fan­gen. Er hielt sich meist Ge­lieb­te, samt Haus­stand. Er konn­te auch ohne wei­te­res die Prä­ben­de ver­las­sen, um etwa das Erbe des Stamm­hau­ses an­zu­tre­ten, wenn der erst­ge­bo­re­ne Bru­der starb. Viel­fach wa­ren Dom­her­ren auch Ka­pi­tu­la­re in an­de­ren Bis­tü­mern.

Die Dom­ka­pi­tu­la­re hat­ten un­ter­schied­li­che Äm­ter, mit gro­ßen Ein­schrän­kun­gen Mi­nis­ter­äm­tern zu ver­glei­chen. Der Dom­propst bil­de­te die Spit­ze des Ka­pi­tels, er ver­wal­te­te die um­fang­rei­chen Gü­ter des Dom­ka­pi­tels und ver­trat das Dom­ka­pi­tel nach au­ßen. Der Cel­lerar war für den Le­bens­un­ter­halt der Dom­her­ren zu­stän­dig, der The­saur­ar be­treu­te den Dom­schatz, die lit­ur­gi­schen Ge­rä­te des Do­mes. Die Prio­ren wa­ren die äl­tes­ten Mit­glie­der und bil­de­ten den „ge­schäfts­füh­ren­den Vor­stand“ des Ka­pi­tels. Der Käm­me­rer war obers­ter Rich­ter für die Bür­ger der Stadt Pa­der­born, der Kan­tor war für den Dom­chor, der Scho­las­ter für die Dom­schu­le zu­stän­dig.

Auf Grund sei­ner po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Macht be­saß das Dom­ka­pi­tel ei­nen um­fas­sen­den Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad. Es hat­te eine ei­ge­ne Ver­wal­tung mit ei­ge­nem Sie­gel und in Se­dis­va­kan­zen präg­te es ei­ge­ne Mün­zen. Durch Grund­herr­schaft be­saß das Dom­ka­pi­tel auch die nie­de­re Ge­richts­bar­keit: Lipp­sprin­ge, At­teln, Et­teln, Hen­glarn, Hu­sen, Schar­me­de, Dahl, Klee­hof, Blan­ken­ro­de und Bre­den­born wa­ren in der Hand der Dom­her­ren. Auch in wei­te­ren 43 Or­ten des Stif­tes be­saß das Dom­ka­pi­tel zum Teil um­fang­rei­che Be­sit­zun­gen.

Ritterschaft

Ob­wohl nicht die Mehr­zahl der Dom­her­ren dem pa­der­bor­ni­schen Adel ent­stamm­ten, so be­stan­den doch viel­fäl­ti­ge ver­wandt­schaft­li­che Be­zie­hun­gen zu den an­de­ren Dom­her­ren aus den vor­wie­gend west­fä­li­schen Adels­häu­sern. Die Rit­ter­schaft be­saß ein ei­ge­nes in­sti­tu­tio­nel­les Ge­fü­ge mit (Finanz-)Verwaltung. Im 17. Jahr­hun­dert hat­te der ade­li­ge Land­stand so­gar ein Selbst­ver­samm­lungs­recht. Nicht alle Ade­li­gen des Stif­tes Pa­der­born wa­ren gleich­zei­tig Teil des Land­stan­des. Der Kan­di­dat muss­te ei­nen Rit­ter­sitz vor­wei­sen und sei­ne ade­li­ge Her­kunft nach­wei­sen kön­nen. Der Nach­weis er­folg­te über eine er­wie­se­ne und be­zeug­te Ah­nen­pro­be, an­fangs durch eine Vier- oder Acht-Ah­nen-Pro­be, ab 1662 eine Sech­zehn-Ah­nen-Pro­be. Die pa­der­bor­ni­sche Rit­ter­schaft nahm so­mit kei­ne aus­län­di­schen Ade­li­ge (Rit­ter­sitz) und auch kei­ne no­b­lier­ten Ade­li­ge (Ah­nen-Pro­be) auf. Der Rit­ter­stand war so­mit im Ge­gen­satz zum Dom­ka­pi­tel und zum Fürst­bi­schof stets pa­der­bor­nisch ge­prägt.

Fol­gen­de ade­li­ge Fa­mi­li­en sind im 15./16. Jahr­hun­dert im Hoch­stift nach­weis­bar: von Anrep­pen, von der As­se­burg, von Bren­ken, von Bruck, von Bü­ren, Kre­vet, von Din­kel­burg, von El­me­ring­hu­sen, von Ense, von Fal­ken­berg, von Graf­fen, von Ha­haxt­hau­sen, von Her­se, von Heygen, von Hör­de, von Hol­thu­sen, von Im­b­sen, von Ju­den, von Kan­ne, von Ket­te­ler, Lan­gen, von der Lip­pe, von Luthar­des­sen, von Men­ger­sen, von Mo­de­xen, von Na­ten, von Nie­hu­sen, von Oeyn­hau­sen, von Oh­sen, Rabe von Can­stein, Rabe von Pap­pen­heim, Rabe von Ca­len­berg, Re­bock, von Rost, von Schar­fen­berg, Sche­le, Schil­der, Ses­berg, von Sid­des­sen, Spie­gel, Sta­pel, von Sun­ri­ke, Valepage, von Ver­ne, von Vlech­ten, Vos­win­kel, von Wel­da, von West­pha­len, von Win­zi­ge­ro­de und von Wre­de.

Städte

Haupt­städ­te und Städ­te des Fürst­bis­tums Pa­der­born bis 1802/03 (Stand 1789):

Pa­der­born, War­burg, Bra­kel, Bor­gen­treich | Be­ver­un­gen, Borg­holz, Bre­den­born, Bü­ren, Dri­burg, Drin­gen­berg, Gehr­den, Ca­len­berg, Klei­nen­berg, Lich­ten­au, Lipp­sprin­ge, Lüg­de, Nie­heim, Peckels­heim, Salz­kot­ten, Stein­heim, Vör­den, Wil­le­ba­dessen, Wün­nen­berg

Das Stift Pa­der­born wies eine un­ge­wöhn­lich gro­ße Zahl von Städ­ten auf. Tat­säch­lich bil­de­ten die Stadt­neu­grün­dun­gen ein wich­ti­ges In­stru­ment der Pa­der­bor­ner Bi­schö­fe zur Stär­kung der Lan­des­ho­heit, ge­ra­de auch in der Ab­wehr ex­ter­ri­to­ria­ler An­sprü­che.

Das Ver­hält­nis zwi­schen den Städ­ten und dem Lan­des­herrn war oft­mals am­bi­va­lent. Auf der ei­nen Sei­te war die gro­ße Un­ab­hän­gig­keit vie­ler Städ­te dem Fürst­bi­schof ein Dorn im Auge und führ­te ge­ra­de im Fal­le des pro­tes­tan­tisch ge­wor­de­nen Pa­der­borns zu bür­ger­kriegs­ähn­li­chen Zu­stän­den. Doch ob­wohl die Fürst­bi­schö­fe im Jah­re 1370 auch räum­lich aus der Lan­des­haupt­stadt end­gül­tig nach Neu­haus über­sie­del­ten, wa­ren die Städ­te doch ins­ge­samt Ver­bün­de­te des ter­ri­to­ria­len Ober­haup­tes. So setz­ten sie sich 1429 da­für ein, „daß man pa­der­bor­nisch blei­ben und nicht köl­nisch wer­den wol­le“. Vie­le Wap­pen der Städ­te in den heu­ti­gen Land­krei­sen Pa­der­born und Höx­ter füh­ren noch heu­te das pa­der­bor­ni­sche Wap­pen.

Der „Pa­der­bor­ni­sche Hof- und Staats­ka­len­der“ von 1789 führ­te 23 Städ­te als stimm­be­rech­tigt im „Städ­ti­schen Kol­le­gi­um“ des Land­ta­ges auf. Vier Haupt­städ­te: Pa­der­born, War­burg, Bra­kel, Bor­gen­treich und 19 sons­ti­ge (Sie­he In­fo­box).

Burgen, Rittersitze und Schlösser

Das Hoch­stift Pa­der­born durch­zog eine Viel­zahl von Bur­gen und Rit­ter­sit­zen. Als Re­si­denz­schloss im re­prä­sen­ta­ti­ven Sin­ne der Neu­zeit kann nur Schloß Neu­haus gel­ten. Bur­gen und Orte mit lan­des­herr­li­cher Be­deu­tung wa­ren Neu­haus und Drin­gen­berg als Ober­amts­sit­ze und bi­schöf­li­che Wohn­sit­ze. Wei­te­re zen­tra­le Bur­gen wa­ren die Stadt­burg in Pa­der­born und die Burg Lipp­sprin­ge des Dom­ka­pi­tels. Amts­sit­ze wa­ren Be­ver­un­gen-Her­stel­le, Boke, Bü­ren, Lich­ten­au, Lüg­de, Peckels­heim, Stein­heim, Wes­tern­kot­ten, We­wels­burg, Wün­nen­berg.

Samt­äm­ter (ge­mein­sa­me Ver­wal­tung mit Lip­pe) wa­ren: Schwa­len­berg, Ol­den­burg, Stop­pel­berg.

Rit­ter­sit­ze des Land­adels wa­ren um 1665: Boke, Bö­ken­dorf, Bor­gen­treich, Borg­holz, Bor­ling­hau­sen, Brei­ten­haupt, Bren­ken, Büh­ne, Dal­heim, Dase­burg, De­ding­hau­sen, De­sen­berg, Din­kel­burg, Eich­holz, Eis­sen, En­gar, Er­pen­trup, Es­sen­tho, Fürs­ten­berg, Gre­ven­burg, Hain­holz, Hel­mern, Herb­ram, Her­stel­le, Him­mig­hau­sen, Hin­nen­burg, Hu­sen, Lich­ten­au, Lie­benau, Lipp­sprin­ge, Lö­wen­dorf, Lüg­de, Men­ne, Merls­heim, Na­t­zun­gen, Nie­sen, Nord­bor­chen, Peckels­heim, Pömb­sen, Rhe­der, Rie­pen, Rin­gel­stein, Salz­kot­ten, Schweck­hau­sen, Stein­heim, Sud­heim, Thi­en­hau­sen, Thü­le, Ver­ne, Vinse­beck, Vol­bre­xen, Wand­schicht, Wel­da, West­heim, We­wer, Win­trup, Wür­gas­sen.

Post- und Verkehrswesen

Das Stift lag re­la­tiv güns­tig in der Mit­te des Rei­ches. Schon seit dem Mit­tel­al­ter kreuz­ten sich hier alte Han­dels­stra­ßen zwi­schen Frank­furt und Lü­beck und dem Hell­weg, der vom Rhein über Pa­der­born in den Raum Hil­des­heim führ­te. Die frü­he Kai­ser­li­che Reichs­post er­rich­te­te schon zum Ende des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges ei­nes von spä­ter ins­ge­samt 20 Ober­post­äm­tern des Rei­ches in der Lan­des­haupt­stadt. Nach Ham­burg ist Pa­der­born als zwei­ter Ort mit Post­käs­ten nach­weis­bar. Die güns­ti­ge Ver­kehrs­la­ge hat­te Aus­wir­kun­gen auf mi­li­tär­stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen – vor al­lem wäh­rend des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges.

Verwaltung und Justiz

Ne­ben und zum Teil über die Land­stän­de hin­weg be­müh­ten sich die Fürst­bi­schö­fe und Ad­mi­nis­tra­to­ren um eine Zen­tral­ver­wal­tung, die mehr und mehr mo­der­nen Prin­zi­pi­en ge­recht wer­den soll­te. Vor­herr­schend wa­ren bis zum Ende des Fürs­ten­tums aber alt­her­ge­brach­te mit­tel­al­ter­li­che Struk­tu­ren der Ad­mi­nis­tra­ti­on und Ge­richts­bar­keit. Das Ge­biet war in zum Teil un­über­sicht­lich ge­glie­der­te Äm­ter, Ober­äm­ter und Di­strik­te ein­ge­teilt (sie­he Kar­te oben). Die Landd­ros­ten in den Ober­äm­tern Neu­haus (Un­ter­wal­di­scher Di­strikt) und Drin­gen­berg (Ober­wal­di­scher Di­strikt) hat­ten nur par­ti­ell Zu­griff auf die im Prin­zip in ih­rem Di­strikt lie­gen­den Äm­ter. So stand das Ober­amt Neu­haus nicht über Lich­ten­au, Wün­nen­berg, Bü­ren oder We­wels­burg, ob­wohl im glei­chen Di­strikt lie­gend. Das Ober­amt Drin­gen­berg hat­te eben­falls kei­nen Zu­griff auf die Äm­ter Stein­heim, Lüg­de, Be­ver­un­gen und die drei lip­pisch-pa­der­bor­ni­schen Samt­äm­ter.

Die Amts­glie­de­rung war ins­be­son­de­re wich­tig für die Ge­richts­bar­keit, nicht um­sonst hie­ßen ein­zel­ne Äm­ter Rich­te­rei.

Im 15. Jahr­hun­dert ent­stan­den ers­te An­sät­ze ei­ner fürst­li­chen Ver­wal­tung, mit Fach­be­am­ten, die nur dem Fürs­ten un­ter­stellt wa­ren. Es ent­stand all­mäh­lich die Kanz­lei (ab 1618 Re­gie­rungs­kanz­lei), die im Stern­ber­ger Hof in der Stadt Pa­der­born ar­bei­te­te. Eben­falls im Stern­ber­ger Hof tag­ten das geist­li­che Of­fi­zi­alats­ge­richt und erst seit 1569 das welt­li­che Hof­ge­richt. Im 17. Jahr­hun­dert wur­de die Hof­kam­mer von der Re­gie­rungs­kanz­lei ab­ge­spal­ten zur Ver­wal­tung der bi­schöf­li­chen Gü­ter, in der Kam­mer wie­der­um war die Lehns­ku­rie in Neu­haus für die Ver­wal­tung der bi­schöf­li­chen Le­hen zu­stän­dig. Aus der Hof­kam­mer ging wie­der­um der Ge­hei­me Rat als obers­te Be­hör­de her­vor.

Die Ver­wal­tungs­re­for­men des Re­form­bi­schofs Wil­helm An­ton zur Ent­flech­tung und Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung ka­men schluss­end­lich zu spät.

Militärwesen

Paderbornischer Grenadier des Regiments Wenge zu Fuß im Polnischen Erbfolgekrieg vor Philippsburg 1734 – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift

Pa­der­bor­ni­scher Gre­na­dier des Re­gi­ments Wen­ge zu Fuß im Pol­ni­schen Erb­fol­ge­krieg vor Phil­ipps­burg 1734 – Zeit­ge­nös­si­sche Gu­de­nus-Hand­schrift

Das klei­ne pa­der­bor­ni­sche Ter­ri­to­ri­um hielt sich stets be­waff­ne­te Trup­pen, die teils für die Si­che­rung der Lan­des­herr­schaft des Fürst­bi­schofs und des Dom­ka­pi­tels, teils zur Ge­fah­ren­ab­wehr von au­ßen ge­nutzt wur­den. Sie dien­ten so­mit im heu­ti­gen Sin­ne po­li­zei­li­chen als auch mi­li­tä­ri­schen Auf­ga­ben. Das Fürst­bis­tum kam aber auch Ver­pflich­tun­gen im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich nach. Re­gel­mä­ßig stell­te es Kon­tin­gen­te des nie­der­rhei­nisch-west­fä­li­schen Krei­ses für die Reichs­ar­mee.

Zu­nächst wur­den die Lan­des­herr­schaft und das Ter­ri­to­ri­um durch kost­spie­li­ge Söld­ner ge­schützt, im 15. Jahr­hun­dert bil­de­ten sich aber ers­te mi­liz­ähn­li­che For­ma­tio­nen her­aus. Die­se Land­mi­liz wur­de im Hoch­stift „Land­aus­schuß“ ge­nannt. Der Land­aus­schuss dien­te der Lan­des­ver­tei­di­gung und soll­te sich vor­nehm­lich aus Bau­ern zu­sam­men­set­zen. Be­deu­tung hat die­se Mi­li­tär­form aber nie er­langt, bis zum Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg war sie fast gänz­lich ver­schwun­den, wur­de zum Ende hin nur für Po­li­zei­auf­ga­ben ge­nutzt.

Die Hee­res­ma­tri­kel von 1422 füh­ren noch kei­ne pa­der­bor­ni­schen Trup­pen, die Reichs­ma­tri­kel von 1521 füh­ren 34 Fuß­sol­da­ten und 18 Rei­ter auf, die Lis­ten für die Tür­ken­hil­fen spre­chen von 36 Rei­tern und 68 Fuß­sol­da­ten. Kai­ser Leo­pold I. setz­te mit dem Reichs­schluss von 1681 für das Hoch­stift eine be­stimm­te Trup­pen­stär­ke fest, die al­ler­dings zu Frie­dens­zei­ten nicht bin­dend war. Nur un­zu­rei­chend er­füll­te Pa­der­born die Er­war­tun­gen, le­dig­lich be­stärkt durch fran­zö­si­sche Macht­an­sprü­che am Rhein. Die ge­naue Grö­ße der Trup­pen gin­gen über ein Ba­tail­lon (etwa 500 bis über 800 Mann) In­fan­te­rie und ei­ni­ge Kom­pa­ni­en Dra­go­ner (un­ge­fähr 100 Rei­ter) nicht hin­aus. Das In­fan­te­rie­re­gi­ment be­stand aus 2–5 Mus­ke­tier- und ei­ner Gre­na­dier­kom­pa­nie. Die kost­spie­li­ge Ka­val­le­rie­ein­heit ver­schwand um 1719. Ende des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges wur­de zu Po­li­zei­z­we­cken vor­über­ge­hend ein Zug Hu­sa­ren von 36 Mann in Sold ge­hal­ten. Zu­dem be­stand noch eine In­va­li­den­kom­pa­nie, zur Ver­sor­gung der pen­sio­nier­ten und in­va­li­den Sol­da­ten in Neu­haus.

In Frie­dens­zei­ten war das pa­der­bor­ni­sche In­fan­te­rie­re­gi­ment so­wohl in Pa­der­born als auch in der Re­si­denz Neu­haus (Gre­na­die­re) sta­tio­niert, meist bei der Be­völ­ke­rung ein­quar­tiert. Be­liebt wa­ren die Sol­da­ten auch aus die­sem Grun­de wohl nicht, was in An­fein­dun­gen wäh­rend des „Kaf­fee­lärms“ 1781 ex­em­pla­risch zum Aus­druck kam.

Trotz teil­wei­ser mi­se­ra­bler Aus­stat­tung und si­cher schlech­ter Aus­bil­dung nahm das pa­der­bor­ni­sche Mi­li­tär an meh­re­ren Feld­zü­gen teil. Die ei­gent­li­che Lan­des­ver­tei­di­gung fand nie statt. Das pa­der­bor­ni­sche Kon­tin­gent der Reichs­ar­mee va­ri­ier­te über die Jahr­hun­der­te und es wur­den Plan­zah­len nie er­füllt, was in der Zeit durch­aus üb­lich war. Vor 1681 muss­te das Land 34 In­fan­te­ris­ten und 18 Ka­val­le­ris­ten stel­len, nach 1681 59,2 In­fan­te­rie­sol­da­ten und 52 Ka­val­le­ris­ten. 1702 wur­den für die „West­fä­li­sche Kreis­ar­ma­tur“ 332 In­fan­te­ris­ten und 162,5 Ka­val­le­ris­ten ge­nannt. Die Lan­des­trup­pen nah­men erst­mals 1689 bei der er­folg­rei­chen Be­la­ge­rung von Bonn im Pfäl­zi­schen Erb­fol­ge­krieg ge­gen Frank­reich teil. Es folg­ten Ein­sät­ze im Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg, im Pol­ni­schen Erb­fol­ge­krieg und am Tür­ken­krieg 1736–1739 in Un­garn mit ei­ner no­mi­nel­len Stär­ke von 819 Mann. Im Ös­ter­rei­chi­schen Erb­fol­ge­krieg rück­ten sie in das Her­zog­tum West­fa­len ein. Den längs­ten Feld­zug un­ter­nah­men die Trup­pen in Thü­rin­gen und Sach­sen 1757–1763 im Sie­ben­jäh­ren Krieg. Als Pa­der­born im Ers­ten Ko­ali­ti­ons­krieg letzt­mals Trup­pen zur Reichs­ar­mee stel­len soll­te, schloss das Hoch­stift ei­nen Ver­trag mit dem Prin­zen Lou­is Vic­tor Mé­ria­dec de Rohan, der ge­gen die Zah­lung von Sub­si­di­en ei­nen Teil sei­nes Re­gi­ments be­son­ders uni­for­mie­ren und als Pa­der­bor­ner Kon­tin­gent füh­ren soll­te. Nach­dem Pa­der­born dem Ba­se­ler Se­pa­rat­frie­den bei­getre­ten war, wur­de der Sub­si­di­en­ver­trag in ei­nem Schrei­ben vom 9.September 1795 ge­kün­digt. Am Zwei­ten Ko­ali­ti­ons­krieg nahm Pa­der­born nicht mehr teil. Die Auf­lö­sung des Pa­der­bor­ner Mi­li­tärs er­folg­te 1802 durch die An­ne­xi­on des Lan­des durch Preu­ßen.

Heraldik

Das Wap­pen des Fürst­bis­tums stell­te stets ein Kreuz dar und ist seit dem 13. Jahr­hun­dert be­legt. Das rote Kreuz auf sil­ber­nem Grund fin­det sich noch heu­te im Schild­haupt des Wap­pens des Krei­ses Pa­der­born wie­der. Das rot-sil­ber­ne Wap­pen ist so­mit das Lan­des­wap­pen. Erst mit dem letz­ten Fürst­bi­schof Franz Egon von Fürs­ten­berg 1789 über­tru­gen sich die Fa­mi­li­en­far­ben gold/rot auf das Ter­ri­to­ri­al­wap­pen (gol­de­nes Kreuz auf ro­tem Grund) und gal­ten bis zur Auf­lö­sung 1802/1803. Die ähn­li­che Farb- und Form­ge­bung der Stadt Pa­der­born ist wohl zu­fäl­lig.

Das Hochstift heute

Kir­chen­recht­lich be­zeich­net die Seel­sor­ge­re­gi­on Hoch­stift heu­te ei­nen Ge­mein­de­ver­band des rö­misch-ka­tho­li­schen Erz­bis­tums Pa­der­born mit den kirch­li­chen De­ka­na­ten Höx­ter, Bü­ren-Del­brück, und Pa­der­born. Das alte De­ka­nat Cor­vey (öst­li­cher Teil des Krei­ses Höx­ter) ge­hör­te his­to­risch nicht zum Fürst­bis­tum Pa­der­born, son­dern bil­de­te ein ei­ge­nes Ter­ri­to­ri­um.

Erst in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ist der Be­griff Hoch­stift wie­der zu ei­nem Be­stand­teil der re­gio­na­len Iden­ti­tät im Raum um Pa­der­born und Höx­ter ge­wor­den.

Persönlichkeiten

  • Diet­rich von Nie­heim (1345–1418), His­to­ri­ker und rö­mi­scher Ku­ri­en­ver­tre­ter
  • Go­be­lin Per­son (1358–1421), His­to­ri­ker und ka­tho­li­scher Kir­chen­re­for­mer
  • Her­mann von Höx­ter (13??–1396) Me­di­zin­pro­fes­sor in Hei­del­berg
  • Fried­rich Deys auch Fried­rich Theis von The­sin­gen, (* um 1365 in Wün­nen­berg; † 1429), Bi­schof
  • Diet­rich Eb­bracht (1395–1462) Pro­to­no­tar von Kai­ser Sieg­mund, Ka­no­ni­ker und Scho­las­ter, füh­ren­der Kir­chen­po­li­ti­ker zur Zeit des Bas­ler Kon­zils
  • Lud­wig Drin­gen­berg (1410–1477), Päd­ago­ge, Hu­ma­nist
  • Otto Beck­mann (1476–1540), Hu­ma­nist
  • Hein­rich von Spie­gel zum De­sen­berg († 1380), Fürst­bi­schof (im Fürst­bis­tum Pa­der­born ge­bo­ren)
  • Her­mann Tu­li­chi­us (1486–1540), lu­the­ri­scher Theo­lo­ge
  • An­ton Cor­vi­nus (1501–1553), lu­the­ri­scher Theo­lo­ge
  • Hein­rich Al­de­g­re­ver (1502–1555), Kup­fer­ste­cher, Ma­ler und Sie­gel­schnei­der
  • Rei­ner Rei­ne­cci­us (1541–1595), His­to­ri­ker
  • An­to­ni­us Eisen­hoit (1553–1603), Gold­schmied, Kup­fer­ste­cher und Zeich­ner
  • Matthaeus Pon­ta­nus (um 1565–1620), Buch­dru­cker
  • Diet­rich von Fal­ken­berg (1580–1631), Oberst in schwe­di­schen Diens­ten und Mi­li­tär­kom­man­dant von Mag­de­burg
  • Her­mann Goehau­sen (1593–1632), Ju­rist („He­xen­theo­re­ti­ker“)
  • Hein­rich von Schult­heiß (1580–1646), Ju­rist („He­xen­rich­ter“)
  • Jo­han­nes Gi­gas (1582–1637), Kar­to­graph, Me­di­zi­ner, Ma­the­ma­ti­ker und Phy­si­ker
  • Fried­rich Spee von Lan­gen­feld (1591–1635), ka­tho­li­scher Mo­ral­theo­lo­ge, Ly­ri­ker und Schrift­stel­ler
  • Jo­hann von Sporck (1595–1679), kai­ser­li­cher Ka­val­le­rie-Ge­ne­ral
  • Ni­co­laus Scha­ten (1608–1676) Je­su­it, His­to­ri­ker
  • Mo­ritz von Bü­ren (1604–1661) Je­su­it, Prä­si­dent des Reichs­kam­mer­ge­rich­tes
  • Pe­ter von Busch­mann (um 1604–1673) Kanz­ler des Fürst­bis­tums Pa­der­born, spä­ter von Kur­köln, Ge­sand­ter bei den Frie­dens­kon­gres­ses von Os­na­brück und Müns­ter.
  • Jo­hann Ge­org Ru­dol­phi (1633–1693), Ma­ler
  • Jo­han­nes Adri­an von Ple­ncken (1635–1719) Ju­rist, Ho­her Be­am­ter
  • Carl Fer­di­nand Fa­bri­ti­us (1637–1673), Ma­ler
  • Alex­an­der Her­mann von War­tensle­ben (1650–1734) preu­ßi­scher Ge­ne­ral­feld­mar­schall
  • Vi­tus Ge­org Tön­ne­mann (1659–1740), Je­su­it, Be­ra­ter bzw. Beicht­va­ter der Kai­ser Jo­seph I. und Karl VI.
  • Jo­hann Con­rad Schlaun (1695–1773), Ba­rock-Ar­chi­tekt und Mi­li­tär
  • Wil­helm An­ton von der As­se­burg (1707–1782), Fürst­bi­schof (im Fürst­bis­tum Pa­der­born ge­bo­ren)
  • Her­man Ul­p­hil­as (1702–1761), Na­tur­for­scher
  • Fried­rich Wil­helm von West­pha­len (1727–1789), Fürst­bi­schof (im Fürst­bis­tum Pa­der­born ge­bo­ren)
  • Jo­se­phus Si­mon Ser­tür­ner (1729–1798), Land­mes­ser, In­ge­nieur, Ar­chi­tekt
  • An­ton Jo­seph Strat­mann (1732–1807), Ma­ler
  • Wer­ner Adolph von Haxt­hau­sen (1744–1823) fürst­bi­schöf­lich-pa­der­bor­ni­scher Drost im Amt Lich­ten­au, Groß­va­ter der Dich­te­rin An­net­te von Dros­te-Hüls­hoff
  • Le­an­der van Eß (1772–1847), ka­tho­li­scher Theo­lo­ge und Bi­bel­über­set­zer
  • An­dre­as Win­ter (1774–1855), Pries­ter und Ka­plan
  • Jo­hann Theo­dor von Na­torp (1777–1830), Land­bau­meis­ter
  • Wil­helm von Men­ger­sen (1777–1836) Po­li­ti­ker
  • Wer­ner Graf von Haxt­hau­sen (1780–1842), preu­ßi­scher Staats­be­am­ter und Phi­lo­lo­ge
  • So­phie An­to­nie Lui­se Schrö­der (1781–1868), Schau­spie­le­rin
  • Mo­ritz Bach­mann (1783–1872), Ju­rist
  • Fried­rich Wil­helm Adam Ser­tür­ner (1783–1841), Apo­the­ker
  • Au­gust Franz von Haxt­hau­sen (1792–1866), Agrar­wis­sen­schaft­ler und (Reise-)Autor

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