Clemens August Graf von Galen

Clemens August Kardinal Graf von Galenvon Domkapitular Gustav Albers († 1957) [CC BY 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons

Cle­mens Au­gust Kar­di­nal Graf von Ga­len
Die­se Da­tei ent­stammt der Bil­der­samm­lung des Bis­tums­ar­chivs Müns­ter, der Ur­he­ber ist Gus­tav Al­bers
von Dom­ka­pi­tu­lar Gus­tav Al­bers († 1957) [CC BY 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wiki­me­dia Com­mons

Cle­mens Au­gust Kar­di­nal Graf von Ga­len (* 16. März 1878 in Din­kla­ge, Ol­den­bur­ger Müns­ter­land; † 22. März 1946 in Müns­ter, West­fa­len; voll­stän­di­ger Name Cle­mens Au­gus­ti­nus Jo­seph Em­ma­nu­el Pius An­to­ni­us Hu­ber­tus Ma­rie Graf von Ga­len) war ein deut­scher Bi­schof und Kar­di­nal. Er war von 1933 bis 1946 Bi­schof von Müns­ter. Be­kannt wur­de er un­ter an­de­rem durch sein öf­fent­li­ches Auf­tre­ten ge­gen die Tö­tung so ge­nann­ten „le­bens­un­wer­ten Le­bens“ wäh­rend des Drit­ten Reichs. Er wur­de 1946 zum Kar­di­nal er­ho­ben und 2005 se­lig­ge­spro­chen.

Leben

Familie

Er wur­de als elf­tes von 13 Kin­dern des Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten (Zen­trum) Fer­di­nand He­rib­fert Graf von Ga­len und des­sen Ehe­frau Eli­sa­beth geb. Grä­fin von Spee in Din­kla­ge ge­bo­ren. Er ent­stamm­te dem al­ten west­fä­li­schen Ur­adels­ge­schlecht von Ga­len. Chris­toph Bern­hard von Ga­len (* 1606, † 1678, Fürst­bi­schof von Müns­ter) war sein Ur-Ur-Ur-Ur-Groß­on­kel, der So­zi­al­bi­schof Wil­helm Em­ma­nu­el von Ket­te­ler (* 1811, † 1877) sein Groß­on­kel. Die Er­zie­hung im El­tern­haus wird all­ge­mein als streng, auf Glau­ben, Ord­nung, Pünkt­lich­keit und Fleiß aus­ge­rich­tet, be­schrie­ben. Da­bei wird ins­be­son­de­re die as­ke­ti­sche Grund­hal­tung der Mut­ter be­tont, die ih­rem Sohn 1891 zum Na­mens­tag schrieb: „Das Le­ben ist so kurz, und eine so herr­li­che Ewig­keit sol­len wir uns da­mit er­kau­fen; da darf kein Tag ver­lo­ren wer­den, um uns die­ses Zie­les zu ver­si­chern und für Gott et­was zu leis­ten, sei es in wel­cher Stel­lung es sei.“

Schule

Die schu­li­sche Aus­bil­dung er­hielt er zu­nächst ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der Franz durch ei­nen Haus­leh­rer auf dem el­ter­li­chen Stamm­sitz Burg Din­kla­ge und seit 1890 auf dem von Je­sui­ten ge­führ­ten In­ter­nat Stel­la Ma­tu­ti­na in Feld­kirch (Ös­ter­reich), wo­hin ihm Franz und sein Cou­sin Ema­nu­el von Ga­len folg­ten. Über sei­ne Ein­ge­wöh­nungs­schwie­rig­kei­ten be­rich­tet ein Brief des Ge­ne­ral­prä­fek­ten an die Mut­ter: „Die Haupt­schwie­rig­keit … liegt in der voll­stän­di­gen Un­fehl­bar­keit von Cle­mens. Um kei­nen Preis ist er dazu zu brin­gen zu­zu­ge­ste­hen, daß er im Un­recht ist, es sind im­mer sei­ne Pro­fes­so­ren und Prä­fek­ten …“ Da in Preu­ßen die Ab­schluss­prü­fung am Kol­leg auf­grund des Je­sui­ten­ge­set­zes nicht an­er­kannt wur­de, be­such­te von Ga­len ab 1894 das Gym­na­si­um An­to­nia­num in Vech­ta, wo er 1896 mit dem Ab­itur ab­schloss. Die Ab­itur­zei­tung sei­nes Jahr­gangs ver­merkt über ihn: „Ein Mann ohn’ Suff und Lie­be / liebt nicht der Welt Ge­trie­be“.

Studium

Von Ga­len be­gann im Mai 1897 mit dem Stu­di­um der Fä­cher Phi­lo­so­phie, Ge­schich­te und Li­te­ra­tur an der Uni­ver­si­tät Frei­burg in der Schweiz. 1898 reif­te wäh­rend ei­ner drei­mo­na­ti­gen Ita­li­en- und Ro­m­rei­se, bei der er eine Pri­vat­au­di­enz bei Papst Leo XIII. er­hielt, sein Ent­schluss, Pries­ter zu wer­den, und er trat 1899 in das Je­sui­ten-Kon­vikt Ca­ni­sia­num in Inns­bruck ein. An der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät setz­te er sein Stu­di­um der Phi­lo­so­phie fort und be­gann mit dem Stu­di­um der Theo­lo­gie. Os­tern 1903 wech­sel­te er in das Pries­ter­se­mi­nar Müns­ter und an die Uni­ver­si­tät Müns­ter. Dort emp­fing er am 28. Mai 1904 durch Bi­schof Her­mann Ja­kob Din­gel­stad die Pries­ter­wei­he.

Kaplan und Pfarrer

Er war zu­nächst ab dem 16. Juni 1904 als Dom­vi­kar und als Ka­plan sei­nes On­kels Ma­xi­mi­li­an Ge­re­on Graf von Ga­len, des Weih­bi­schofs von Müns­ter, tä­tig. Ab dem 23. April 1906 wirk­te er als Ka­plan in der Kir­che St. Mat­thi­as am Win­ter­feldtplatz und Prä­ses des Ge­sel­len­ver­eins in Ber­lin. Am 24. März 1911 über­nahm er das Amt des Seel­sor­gers (Ku­rat) in der neu er­rich­te­ten Kir­che und Ge­mein­de Sankt Cle­mens Ma­ria Hof­bau­er, be­nannt nach dem Redemp­to­ris­ten und Groß­stadt­mis­sio­nar Kle­mens Ma­ria Hof­bau­er, am An­hal­ter Bahn­hof. Aus sei­nem Erb­ver­mö­gen un­ter­stütz­te er den Bau ei­nes Hand­wer­ker­ge­sel­len­hau­ses in der Nach­bar­schaft und die Stel­le ei­nes zwei­ten Ka­plans. Bei Be­ginn des Ers­ten Welt­kriegs warb er dort für den frei­wil­li­gen Kriegs­dienst. Sei­nem An­trag auf Ver­wen­dung in der Mi­li­tär­seel­sor­ge wur­de nicht ent­spro­chen. Die Nie­der­la­ge Deutsch­lands be­griff er im Sin­ne der Dolch­stoß­le­gen­de als re­vo­lu­tio­nä­ren Ver­rat am un­be­sieg­ten Heer. Die Ab­leh­nung des preu­ßi­schen Staa­tes bei wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung führ­te er auf des­sen Idee vom Staats­gott zu­rück, der nie­man­dem ver­pflich­tet ist. Ab dem 21. De­zem­ber 1919 war er Pfar­rer der Pfar­rei St. Mat­thi­as.

Dort lern­te er Nun­ti­us Eu­ge­nio Pacel­li, den spä­te­ren Papst Pius XII. ken­nen, mit dem er sich oft traf, da sich bei­de gut ver­stan­den. Pacel­li brach­te es da­bei fer­tig, sich auf Kos­ten sei­nes Freun­des zu amü­sie­ren: „Nach ei­ner herz­li­chen Be­grü­ßung sag­te Graf v. Ga­len: ‚Aber Ex­zel­lenz, las­sen Sie doch Ihre Ar­beit zu Hau­se und ge­nie­ßen Sie die­sen son­ni­gen Früh­lings­tag.‘ Die Ant­wort: ‚Das kann ich mir nicht leis­ten. Da muss ich erst ein­mal Pfar­rer von St. Mat­thi­as wer­den und so viel De­mut ha­ben wie die­ser, auch ein­mal in ei­ner Pre­digt ste­cken zu blei­ben.‘ Das war vor­ge­kom­men.“

Bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1925 un­ter­stütz­te er nicht den Kan­di­da­ten des ka­tho­li­schen Zen­trums, Wil­helm Marx, son­dern den Kan­di­da­ten der na­tio­na­len Rech­ten, Paul von Hin­den­burg. In sei­ner Schrift Vexil­la re­gis pro­de­unt!, die er in Ab­spra­che mit dem Köl­ner Dom­ka­pi­tu­lar Fried­rich von Spee 1926 für den Ver­ein ka­tho­li­scher Edel­leu­te Deutsch­lands ver­fasst hat­te, ver­ur­teil­te er die mo­der­ne Mode, wel­che die ,,un­ter heid­ni­scher Lei­tung ste­hen­de öf­fent­li­che Mei­nung vor­schreibt“, eben­so wie die ,,mo­der­nen“ Tän­ze. Mit die­ser Hal­tung und um­fang­rei­chen Er­fah­run­gen mit ei­ner sä­ku­la­ri­sier­ten Ge­sell­schaft in der Ber­li­ner Dia­spo­ra kehr­te er 1929 nach Müns­ter zu­rück: er war ab dem 24. April Pfar­rer der Stadt­ge­mein­de St. Lam­ber­ti am Prin­zi­palmarkt in Müns­ter. Zu sei­nem Amts­nach­fol­ger als Pfar­rer von St. Mat­thi­as wur­de Al­bert Cop­pen­rath be­ru­fen, den er nach des­sen Aus­wei­sung aus Ber­lin im Jahr 1941 in Müns­ter un­ter­stütz­te.

Bischofswahl 1933

1933 wur­de er zum Bi­schof von Müns­ter ge­weiht, nach­dem an­de­re Kan­di­da­ten des Dom­ka­pi­tels ver­zich­tet hat­ten. War bis da­hin nur der Amts­ver­zicht des ge­wähl­ten Wil­helm Hein­rich Heufers be­kannt, wur­den 2003 durch die Öff­nung der va­ti­ka­ni­schen Ar­chi­ve für die Zeit bis 1939 wei­te­re Ein­zel­hei­ten zum Ab­lauf der Bi­schofs­wahl be­kannt: Von Ga­len stand zwar auf der Vor­schlags­lis­te, die das Dom­ka­pi­tel ein­ge­reicht hat­te, je­doch nicht auf der Drei­er­lis­te, die der Hei­li­ge Stuhl dem Ka­pi­tel ge­mäß Ar­ti­kel 6 des Preu­ßen­kon­kor­dats zur Wahl vor­leg­te. Als aus­schlag­ge­bend wird hier­für die Ein­schät­zung von Ga­lens durch den Nun­ti­us Cesa­re Or­seni­go an­ge­se­hen, der an Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Eu­ge­nio Pacel­li von her­ri­scher (ar­ro­gan­ter) Auf­tre­tens­wei­se, Starr­sinn und – mit Blick auf die Schrift Die Pest des Lai­zis­mus – von zu schul­meis­ter­li­chem Ton für ei­nen ein­fa­chen Pfar­rer schrieb. Erst als der zu­nächst ge­wähl­te, aus dem Bis­tum Müns­ter stam­men­de Ber­li­ner Dom­ka­pi­tu­lar Heufers die Wahl aus Ge­sund­heits­grün­den ab­ge­lehnt hat­te und so­dann von den ver­blie­be­nen zwei Kan­di­da­ten der ge­wähl­te Dom­propst und Pro­fes­sor Adolf Don­ders dar­um ge­be­ten hat­te, das Amt nicht an­tre­ten zu müs­sen, er­wei­ter­te der Papst – da­mit dem Ka­pi­tel über­haupt eine Wahl blieb – die auf ei­nen Kan­di­da­ten (den Trie­rer Weih­bi­schof An­to­ni­us Mönch) ge­schrumpf­te Lis­te um von Ga­len, den das Ka­pi­tel am 18. Juli 1933 ein­stim­mig wähl­te. Am 28. Ok­to­ber 1933 spen­de­te ihm der Köl­ner Erz­bi­schof Karl Jo­seph Kar­di­nal Schul­te die Bi­schofs­wei­he und führ­te ihn ins Amt ein. Mit­kon­se­kra­to­ren wa­ren der Os­na­brü­cker Bi­schof Her­mann Wil­helm Ber­ning und der Trie­rer Bi­schof Franz Ru­dolf Bor­ne­was­ser. Als Wap­pen­spruch wähl­te er ein Ver­spre­chen des Wei­he­kan­di­da­ten aus der Lit­ur­gie der Bi­schofs­wei­he: „Nec lau­di­bus, nec ti­mo­re“ (lat. „Nicht Men­schen­lob, nicht Men­schen­furcht soll uns be­we­gen“ (Über­set­zung von Ga­lens in sei­nem ers­ten Hir­ten­brief)).

Ga­len war der ers­te deut­sche Bi­schof, der nach In­kraft­tre­ten des so­ge­nann­ten Reichs­kon­kor­dats sein Amt an­trat. Wie im Kon­kor­dat fest­ge­legt, leis­te­te er da­her als ers­ter deut­scher Bi­schof ei­nen Treue­eid auf den Staat. Die Ei­des­for­mel lau­te­te:

Vor Gott und auf die hei­li­gen Evan­ge­li­en schwö­re und ver­spre­che ich, so wie es ei­nem Bi­schof ge­ziemt, dem Deut­schen Reich und dem Lan­de Preu­ßen Treue. Ich schwö­re und ver­spre­che, die ver­fas­sungs­mä­ßig ge­bil­de­te Re­gie­rung zu ach­ten und von mei­nem Kle­rus ach­ten zu las­sen.“

Die­se Ei­des­for­mel gilt (mit klei­nen Än­de­run­gen wie Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land statt Deut­sches Reich und Nord­rhein-West­fa­len statt Preu­ßen) noch heu­te.

Zeit des Nationalsozialismus

Auseinandersetzung um NS-Ideologie und Bekenntnisschule

Noch vor sei­ner Amts­ein­füh­rung pro­tes­tier­te er er­folg­reich un­ter Be­zug­nah­me auf Art. 21 des Preu­ßen­kon­kor­dats, wo­nach der Un­ter­richts­stoff für den Re­li­gi­ons­un­ter­richt im Ein­ver­neh­men mit den kirch­li­chen Stel­len fest­zu­le­gen war, ge­gen die An­wei­sung des Müns­te­ra­ner Stadt­schul­rats, nach Al­ler­see­len im Re­li­gi­ons­un­ter­richt „die de­mo­ra­li­sie­ren­de Macht des Vol­kes Is­ra­el bei den Gast­völ­kern“ auf­zu­zei­gen. In sei­nem ers­ten Os­ter­hir­ten­brief griff er 1934 zen­tra­le Aus­sa­gen der NS-Ideo­lo­gie an. Er be­zeich­ne­te es dort als Neu­hei­den­tum, wenn be­haup­tet wer­de, die Sitt­lich­keit gel­te nur so­weit, als sie der Ras­se nüt­ze, wenn die Of­fen­ba­rung des Al­ten Tes­ta­ments ab­ge­lehnt und eine Na­tio­nal­kir­che an­ge­strebt wer­de, die auf den Leh­ren von Blut und Ras­se be­ru­he. In sei­ner Diö­ze­se ließ er Ende 1934 die ge­gen die in dem Werk Der My­thus des 20. Jahr­hun­derts nie­der­ge­leg­te Ras­sen­ideo­lo­gie Al­fred Ro­sen­bergs ge­rich­te­te an­ony­me – un­ter an­de­rem vom Bon­ner Kir­chen­his­to­ri­ker Wil­helm Neuß stam­men­de – Schrift Stu­di­en zum My­thus des 20. Jahr­hun­derts als amt­li­che Bei­la­ge zum kirch­li­chen Amts­blatt sei­ner Diö­ze­se ver­öf­fent­li­chen. Er hat­te, nach­dem der Köl­ner Erz­bi­schof Karl Jo­seph Kar­di­nal Schul­te sei­ne Zu­stim­mung zur Pu­bli­ka­ti­on der Stu­di­en als amt­li­che Ver­öf­fent­li­chung zwei Tage vor Druck­le­gung zu­rück­ge­zo­gen hat­te, kurz ent­schlos­sen ein sei­nen Na­men nen­nen­des Ge­leit­wort zu der Schrift ver­fasst. In sei­nem Hir­ten­brief zu Os­tern 1935 setzt er sich in ge­gen­über dem Vor­jahr deut­lich ver­schärf­tem Ton mit den The­sen Ro­sen­bergs aus­ein­an­der. Er nennt dort „Göt­zen­dienst, … Ab­göt­te­rei, … Rück­fall in die Nacht des Hei­den­tums“, wenn die Na­ti­on als Ur­sprung und End­ziel an­ge­se­hen wer­de; 1936 hob von Ga­len in ei­ner Pre­digt in Xan­ten die Ak­tua­li­tät des Mar­ty­ri­ums her­vor, als er aus­sprach, es gebe „in deut­schen Lan­den fri­sche Grä­ber, in de­nen die Asche sol­cher ruht, die das ka­tho­li­sche Volk für Mär­ty­rer des Glau­bens hält…“

Mit brennender Sorge

Als eine im Au­gust 1935 an Hit­ler über­ge­be­ne Denk­schrift der deut­schen Bi­schö­fe, die maß­geb­lich auf Ent­wür­fen von Ga­lens und Kar­di­nal Mi­cha­el von Faul­ha­bers be­ruh­te, trotz der Be­kannt­ga­be in ei­nem Hir­ten­brief ohne Ant­wort blieb, sprach er sich in Brie­fen an Amts­brü­der und in ei­ner für den Va­ti­kan be­stimm­ten Denk­schrift im­mer deut­li­cher ge­gen die lei­se Di­plo­ma­tie der meis­ten Bi­schö­fe, ins­be­son­de­re des Vor­sit­zen­den der Bi­schofs­kon­fe­renz Adolf Kar­di­nal Bertram, hin­ter ge­schlos­se­nen Tü­ren und für die Ein­schal­tung der Öf­fent­lich­keit ge­gen die Macht­ha­ber aus. Die En­zy­kli­ka Mit bren­nen­der Sor­ge von Papst Pius XI., an de­ren Be­ra­tung im Va­ti­kan er ver­mut­lich als Mit­glied der 1936 in den Va­ti­kan ge­la­de­nen Bi­schofs­de­le­ga­ti­on (be­stehend aus Bertram, Faul­ha­ber, Karl Jo­seph Kar­di­nal Schul­te, Kon­rad Graf von Prey­sing und von Ga­len) zu­vor teil­ge­nom­men hat­te, ließ er des­halb durch Son­der­dru­cke in sei­ner Diö­ze­se ver­brei­ten. Das Er­schei­nen des Amts­blatts wur­de des­we­gen un­ter­sagt und die Dru­cke­rei ge­schlos­sen und ent­schä­di­gungs­los ent­eig­net.

Xantener Viktorstracht 1936

In ei­ner Pre­digt, die er bei der Xan­te­ner Vik­tor­stracht, ei­ner alle 25 Jah­re statt­fin­den­den Pro­zes­si­on, am 6. Sep­tem­ber 1936 hielt, kam von Ga­len erst­mals öf­fent­lich auf die für ihn fun­da­men­ta­le Fra­ge des Ver­hält­nis­ses von Ge­hor­sam und Ge­wis­sen zu spre­chen. Am Bei­spiel Vik­tor von Xan­tens leg­te er sei­ne Auf­fas­sung hier­zu dar. Er ging von der Bi­bel­stel­le im Rö­mer­brief (Röm 13,1 EU) aus, die jede staat­li­che Ob­rig­keit als von Gott ein­ge­setzt be­zeich­net, und ent­wi­ckel­te, dass aber die Ob­rig­keit nur als Got­tes Die­ne­rin Wür­de und Recht habe. Dar­in lie­ge ihre Gren­ze und der Schutz der mensch­li­chen Frei­heit ge­gen­über dem Miss­brauch ob­rig­keit­li­cher Stel­lung. Nur im Ein­klang mit Got­tes Wil­len habe die mensch­li­che Ob­rig­keit Be­fehls­ge­walt. Ohne die Ge­rech­tig­keit wer­de nach Au­gus­ti­nus die mensch­li­che Ge­sell­schaft auf die Stu­fe ei­ner Räu­ber­ban­de her­ab­ge­drückt. Des­halb gel­te das Wort aus der Apos­tel­ge­schich­te (Apg 5,29 EU): „Man muß Gott mehr ge­hor­chen als den Men­schen.“ Die Pre­digt gip­fel­te in den Sät­zen:

Wie­viel Dank ist die Mensch­heit schul­dig die­sen Blut­zeu­gen nicht nur des Christen­glau­bens, son­dern auch der Men­schen­wür­de, die sie mit ih­rem Blut und Le­ben ver­tei­digt ha­ben! Denn in dem Au­gen­blick, in wel­chem die mensch­li­che Ob­rig­keit in ih­ren Be­feh­len den klar er­kann­ten, im ei­ge­nen Ge­wis­sen be­zeug­ten Wil­len Got­tes wi­der­strei­tet, hört sie auf, Got­tes Die­ne­rin zu sein, zer­stört sie die ei­ge­ne Wür­de, ver­liert sie das Recht zu ge­bie­ten, miß­braucht sie ihre Macht zu be­loh­nen und zu be­stra­fen, und ver­sucht sie fre­vent­lich, die von Gott ge­ge­be­ne Frei­heit der mensch­li­chen Per­sön­lich­keit, das Eben­bild Got­tes im Men­schen zu er­wür­gen!“

Außenpolitik und Zweiter Weltkrieg

1936 be­grüß­te er in ei­nem Te­le­gramm an Wer­ner Frei­herr von Fritsch, den da­ma­li­gen Ober­be­fehls­ha­ber des Hee­res, die Be­set­zung des seit dem Ver­sail­ler Ver­trag ent­mi­li­ta­ri­sier­ten Rhein­lands. In ei­ner an die Geist­li­chen und Rek­to­ren sei­ner Diö­ze­se ge­rich­te­ten Er­klä­rung zu der mit den „Reichs­tags­wah­len“ ver­bun­de­nen Volks­ab­stim­mung über die Kün­di­gung des Lo­car­no-Ver­trags und die Be­set­zung des Rhein­lands leg­te er dar, dass Ab­stim­mung mit „Ja“ be­deu­te, dem Va­ter­land die Stim­me zu ge­ben, je­doch nicht die Zu­stim­mung zu Din­gen, wel­che das christ­li­che Ge­wis­sen zu bil­li­gen ver­bie­te.

Zum Zwei­ten Welt­krieg be­merk­te er:

Der Krieg, der 1919 durch ei­nen er­zwun­ge­nen Ge­walt­frie­den äu­ßer­lich be­en­det wur­de, ist aufs Neue aus­ge­bro­chen und hat un­ser Volk und Va­ter­land in sei­nen Bann ge­zo­gen. Wie­der­um sind un­se­re Män­ner und Jung­män­ner zum gro­ßen Teil zu den Waf­fen ge­ru­fen und ste­hen im blu­ti­gen Kampf oder in erns­ter Ent­schlos­sen­heit an den Gren­zen auf der Wacht, um das Va­ter­land zu schir­men und un­ter Ein­satz des Le­bens ei­nen Frie­den der Frei­heit und Ge­rech­tig­keit für un­ser Volk zu erkämpfen.“Rundschreiben an den Kle­rus vom 14. Sep­tem­ber 1939

Den Über­fall auf die So­wjet­uni­on sah von Ga­len in ei­nem Hir­ten­brief vom 14. Sep­tem­ber 1941 als Kampf ge­gen die „Pest des Bol­sche­wis­mus“ an. Er be­zeich­ne­te es als eine „Be­frei­ung von ei­ner erns­ten Sor­ge und eine Er­lö­sung von schwe­rem Druck“, dass der „Füh­rer und Reichs­kanz­ler am 22. Juni 1941 den im Jahr 1939 mit den bol­sche­wis­ti­schen Macht­ha­bern ab­ge­schlos­se­nen sog. ‚Rus­sen­pakt‘ als er­lo­schen er­klär­te …“ Da­bei zi­tier­te er Hit­lers Be­griff „jü­disch-bol­sche­wis­ti­sche Macht­ha­ber­schaft“ wört­lich.

Drei kritische Predigten (1941)

Über­re­gio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Be­kannt­heit hat von Ga­len durch drei im Juli und Au­gust 1941 ge­hal­te­ne und durch il­le­ga­le Flug­blät­ter so­wie Nach­dru­cke der Al­li­ier­ten in Deutsch­land ver­brei­te­te Pre­dig­ten er­langt. Auf­grund sei­ner Pre­dig­ten hat er im Volks­mund den Bei­na­men „Der Löwe von Müns­ter“ er­hal­ten.

13. Juli 1941 – St. Lamberti

In der ers­ten, am 13. Juli 1941 in sei­ner ehe­ma­li­gen Pfarr­kir­che St. Lam­ber­ti ge­hal­te­nen Pre­digt greift er auf, dass am Vor­tag die Nie­der­las­sun­gen der Je­sui­ten und der Mis­si­ons­schwes­tern von der Un­be­fleck­ten Emp­fäng­nis von der Ge­sta­po auf­ge­löst, die Pa­tres und Schwes­tern aus der Rhein­pro­vinz aus­ge­wie­sen und die Or­dens­häu­ser be­schlag­nahmt wor­den sei­en. Er stellt fest, der Klos­ter­sturm, der schon in an­de­ren Reichs­tei­len ge­wü­tet habe, sei jetzt auch in Müns­ter aus­ge­bro­chen. Er kri­ti­siert, dass die­se Maß­nah­men ohne or­dent­li­ches Ver­fah­ren ge­gen die Be­trof­fe­nen ver­hängt wor­den sei­en und dies nicht das ers­te Mal sei, nach­dem auch zwei Mit­glie­der des Dom­ka­pi­tels ohne An­kla­ge aus der Diö­ze­se ver­bannt wor­den sei­en. Er fasst dies mit den Wor­ten zu­sam­men:

Der phy­si­schen Über­macht der Ge­hei­men Staats­po­li­zei steht je­der deut­sche Staats­bür­ger völ­lig schutz­los und wehr­los ge­gen­über. … Kei­ner von uns ist si­cher, und mag er sich be­wußt sein, der treu­es­te, ge­wis­sen­haf­tes­te Staats­bür­ger zu sein, mag er sich völ­li­ger Schuld­lo­sig­keit be­wußt sein, daß er nicht ei­nes Ta­ges aus sei­ner Woh­nung ge­holt, sei­ner Frei­heit be­raubt, in den Kel­lern und Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Ge­hei­men Staats­po­li­zei ein­ge­sperrt wird.“

Da­nach setzt er un­ter Zi­tat der la­tei­ni­schen De­vi­se Ius­ti­tia est fun­da­men­tum regno­rum („Ge­rech­tig­keit ist die Grund­la­ge je­der Herr­schaft“) aus­ein­an­der, dass in wei­tes­ten Krei­sen des deut­schen Vol­kes ein Ge­fühl der Recht­lo­sig­keit, ja fei­ger Ängst­lich­keit Platz ge­grif­fen habe. Den denk­ba­ren Vor­wurf, er schwä­che durch die­se Äu­ße­run­gen die in­ne­re Front, weist er zu­rück und wen­det ihn ge­gen die Macht­ha­ber: Da die Ge­rech­tig­keit das ein­zig trag­fes­te Fun­da­ment al­ler Staats­we­sen sei, warnt er da­vor, in Deutsch­land wür­de die Rechts­si­cher­heit zer­stört, das Rechts­be­wusst­sein un­ter­gra­ben und das Ver­trau­en in die Staats­füh­rung ver­nich­tet. Als deut­scher Mann, als eh­ren­haf­ter Staats­bür­ger, als Ver­tre­ter der christ­li­chen Re­li­gi­on, als ka­tho­li­scher Bi­schof rufe er laut: „Wir for­dern Ge­rech­tig­keit!“

20. Juli 1941 – Überwasserkirche

Die zwei­te Pre­digt, die von Ga­len am 20. Juli 1941 in der Über­was­ser­kir­che hielt, be­ginnt er mit der Fest­stel­lung, dass die An­grif­fe der Kriegs­geg­ner die Stadt nicht mehr er­reicht hät­ten, die An­grif­fe der Geg­ner im In­ne­ren des Lan­des un­be­küm­mert fort­ge­setzt wor­den sei­en. Er weist auf die Be­schlag­nah­me zahl­rei­cher wei­te­rer Klös­ter und die Ver­trei­bung ih­rer Be­woh­ner hin. Er be­rich­tet da­von, dass sein bei ei­nem Be­such des Re­gie­rungs­prä­si­den­ten und in ei­nem Te­le­gramm an die Reichs­kanz­lei des Füh­rers vor­ge­brach­ter Pro­test nichts ge­nützt habe.

Be­reits jetzt sei ein­ge­tre­ten, was er vor ei­ner Wo­che vor­her­ge­sagt habe: man ste­he vor den Trüm­mern der in­ne­ren Volks­ge­mein­schaft, die in die­sen Ta­gen rück­sichts­los zer­schla­gen wor­den sei. Da Chris­ten aber kei­ne Re­vo­lu­ti­on mach­ten, gebe es nur ein Kampf­mit­tel: star­kes, zä­hes, har­tes Durch­hal­ten. Er be­nutzt dazu fol­gen­des Bild:

Wir sind Am­boß und nicht Ham­mer! Aber seht ein­mal zu in der Schmie­de! Fragt den Schmie­de­meis­ter und laßt es euch von ihm sa­gen: Was auf dem Am­boß ge­schmie­det wird, er­hält sei­ne Form nicht nur vom Ham­mer, son­dern auch vom Am­boß. Der Am­boß kann nicht und braucht nicht zu­rück­zu­schla­gen; er muß nur fest, nur hart sein. Wenn er hin­rei­chend zäh, fest, hart ist, dann hält meis­tens der Am­boß län­ger als der Ham­mer.“

Er for­dert die Gläu­bi­gen in die­sem Zu­sam­men­hang auf, bei al­len Schlä­gen, die auf sie nie­der­sau­sen, stark, fest und un­er­schüt­ter­lich zu blei­ben, aber auch stets be­reit zu sein, in äu­ßers­tem Op­fer­mut nach dem Wort aus der Apos­tel­ge­schich­te (Apg 5,29 EU) zu han­deln: „Man muß Gott mehr ge­hor­chen als den Men­schen!“

3. August 1941 – St. Lamberti

14 Tage spä­ter be­rich­tet er zu Be­ginn der drit­ten Pre­digt von wei­te­ren Be­set­zun­gen und Be­schlag­nah­men von Klös­tern und legt dann aus­ge­hend von ei­ner Schrift­stel­le im Ta­gesevan­ge­li­um „Als er nä­her kam und die Stadt sah, wein­te er über sie“ (Lk 19,41 EU) dar, dass Je­sus über Je­ru­sa­lem weint, weil der Mensch sei­nen Wil­len ge­gen den Wil­len Got­tes stel­le. Hier­auf be­rich­tet er, dass jetzt auch in der Pro­vinz West­fa­len aus Heil- und Pfle­ge­an­stal­ten Kran­ke ab­trans­por­tiert wer­den und die An­ge­hö­ri­gen nach kur­zer Zeit die Mit­tei­lung er­hiel­ten, der Kran­ke sei ver­stor­ben und die Lei­che be­reits ein­ge­äschert. Da­bei ver­tritt er den „an Si­cher­heit grenzende[n] Ver­dacht, daß man da­bei je­ner Leh­re folgt, die be­haup­tet, man dür­fe so­ge­nann­tes ‚le­bens­un­wer­tes Le­ben‘ ver­nich­ten“. Dem hält er ent­ge­gen, dass jede mit Über­le­gung aus­ge­führ­te vor­sätz­li­che Tö­tung Mord sei. Da nach dem Straf­ge­setz­buch schon straf­bar sei, wer von ei­nem be­vor­ste­hen­den Ver­bre­chen wi­der das Le­ben wis­se und es nicht der Be­hör­de an­zei­ge, habe er bei der Staats­an­walt­schaft Müns­ter und dem Po­li­zei­prä­si­den­ten Straf­an­zei­ge ge­stellt. Er hält der An­sicht, man dür­fe un­pro­duk­ti­ves Le­ben tö­ten, vor, sie stel­le den Men­schen mit ei­ner al­ten Ma­schi­ne oder ei­nem lah­men Pferd gleich, und ver­wirft die­se Gleich­set­zung mit den Wor­ten:

Nein, ich will den Ver­gleich nicht bis zu Ende füh­ren –, so furcht­bar sei­ne Be­rech­ti­gung ist und sei­ne Leucht­kraft! Es han­delt sich hier ja nicht um Ma­schi­nen, es han­delt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh, … Nein, hier han­delt es sich um Men­schen, un­se­re Mit­men­schen, un­se­re Brü­der und Schwes­tern! Arme Men­schen, kran­ke Men­schen, un­pro­duk­ti­ve Men­schen mei­net­we­gen! Aber ha­ben sie da­mit das Recht auf das Le­ben ver­wirkt? Hast du, habe ich nur so lan­ge das Recht zu le­ben, so­lan­ge wir pro­duk­tiv sind, so­lan­ge wir von den an­de­ren als pro­duk­tiv an­er­kannt wer­den?“

Wenn man den Grund­satz auf­stel­le, dass man den un­pro­duk­ti­ven Mit­men­schen tö­ten dür­fe, dann sei kei­ner sei­nes Le­bens mehr si­cher, kei­ner kön­ne Ver­trau­en zum Arzt ha­ben, und all­ge­mei­nes ge­gen­sei­ti­ges Miss­trau­en wer­de bis in die Fa­mi­li­en hin­ein ge­tra­gen. Er ver­weist dem­ge­gen­über auf die un­ver­än­der­te Be­deu­tung des fünf­ten Ge­bo­tes „Du sollst nicht tö­ten“ und ent­wi­ckelt, dass die Macht­ha­ber auch die an­de­ren der Zehn Ge­bo­te bei­sei­te­ge­setzt und zu de­ren Über­tre­tung auf­ge­for­dert hät­ten. Des­halb müs­se Ernst ge­macht wer­den mit dem Wort „Lie­ber ster­ben als sün­di­gen“, in­dem je­der sich dem Ein­fluss der­je­ni­gen ent­zie­he, die so gott­wid­rig dach­ten und han­del­ten.

Wirkungen

Die Pre­dig­ten wur­den – zu­meist durch Ab­schrei­ben mit der Schreib­ma­schi­ne – zu­nächst in­ner­halb ka­tho­li­scher Klein­grup­pen in ganz Deutsch­land ver­brei­tet, er­reich­ten aber sehr bald über Ar­beits­stät­ten und Luft­schutz­kel­ler eine brei­te­re Öf­fent­lich­keit. Ins­be­son­de­re die vom Bi­schof sprach­lich le­dig­lich im Kon­junk­tiv als mög­li­che Kon­se­quenz dar­ge­stell­te Tö­tung von Kriegs­in­va­li­den wur­de als Tat­sa­chen­be­haup­tung auf­ge­nom­men und ver­schärf­te die Wir­kung der Pre­dig­ten be­trächt­lich. Da die Macht­ha­ber zu der Ein­schät­zung ge­lang­ten, dass ihre Ver­su­che ei­ner Ge­heim­hal­tung der Tö­tung von Kran­ken ge­schei­tert wa­ren, wei­te­rer Wi­der­stand der Kir­chen zu be­fürch­ten stand und die „Eu­tha­na­sie“ sich als in wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung nicht kon­sens­fä­hig er­wies, wur­de die Ak­ti­on T4 un­ter­bro­chen und erst ein Jahr spä­ter in we­ni­ger auf­fäl­li­ger Form fort­ge­setzt.

Widerstand

Quel­len, die der wis­sen­schaft­li­chen Öf­fent­lich­keit erst­mals durch Do­ku­men­te aus dem Se­lig­spre­chungs­pro­zess be­kannt ge­wor­den sind, deu­ten dar­auf hin, dass von Ga­len Kon­tak­te zum Wi­der­stands­kreis um Carl Fried­rich Goerde­ler un­ter­hielt und Goerde­ler im No­vem­ber 1943 in Müns­ter ge­trof­fen hat. Sein mit ihm eng ver­bun­de­ner Bru­der Franz, ehe­ma­li­ger preu­ßi­scher Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter der Zen­trums­par­tei und kom­pro­miss­lo­ser Geg­ner des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, wur­de im Rah­men der Ak­ti­on Git­ter 1944 ver­haf­tet und in das KZ Sach­sen­hau­sen ver­schleppt, ohne dass ihm sein Bru­der hel­fen konn­te.

Wei­ter­hin wur­den Ab­schrif­ten sei­ner Pre­dig­ten un­ter der Hand wei­ter­ge­reicht – so auch von Sol­da­ten an den da­ma­li­gen Zwangs­ar­bei­ter Ka­rol Woj­ty­ła. Dem spä­te­ren Papst zeig­te sich so das „an­de­re Deutsch­land“, das zum Wi­der­stand ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­reit war.

Reaktion des Regimes

Be­reits sein Fas­ten­hir­ten­brief 1934 wur­de vom Gau­lei­ter als vom Hass ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus dik­tiert ein­ge­schätzt. Nach den drei Pre­dig­ten for­der­te der Gau­lei­ter in Ber­lin drin­gend die Ver­haf­tung des Bi­schofs. Mar­tin Bor­mann, Stabs­lei­ter bei Hit­lers Stell­ver­tre­ter Ru­dolf Heß, er­wog, von Ga­len hän­gen zu las­sen. Jo­seph Go­eb­bels sprach sich da­für aus, kei­ne ka­tho­li­schen Mär­ty­rer wäh­rend des Krie­ges zu schaf­fen und die Be­sei­ti­gung von Ga­lens auf die Zeit „nach dem End­sieg“ zu ver­schie­ben, da er Un­ru­hen im Müns­ter­land be­fürch­te­te.

Sonstiges

Er wur­de am 1. Juli 1936 Eh­ren­mit­glied der ka­tho­li­schen Forst­aka­de­mi­schen Ver­bin­dung (FAV) Rhe­no-Guest­fa­lia Hann. Mün­den (heu­te in Göt­tin­gen, CV). Die Auf­nah­me in den CV war 1936 nur heim­lich mög­lich, da das NS-Re­gime des­sen Auf­lö­sung an­ge­ord­net hat­te.

Am 3. Mai 1937 ver­lieh ihm die theo­lo­gi­sche Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Inns­bruck of­fi­zi­ell „in Wür­di­gung sei­ner Ver­diens­te in Seel­sor­ge“ die Eh­ren­dok­tor­wür­de in Theo­lo­gie. Die vom Rek­tor in der Fei­er­stun­de ge­wähl­te For­mu­lie­rung, von Ga­len habe eine Dis­ser­ta­ti­on über so­zia­le Ge­rech­tig­keit und Lie­be nicht mit der Fe­der, son­dern mit dem Her­zen und dem Ein­satz der gan­zen Per­sön­lich­keit ge­schrie­ben, wür­dig­te des­sen Ein­satz ge­gen die NS-Ideo­lo­gie und im Kampf um die Be­kennt­nis­schu­le.

Cle­mens Au­gust Kar­di­nal Graf Ga­len war Mit­glied des Sou­ve­rä­nen Mal­te­ser­or­dens und ist ein­ge­stuft als Or­dens­hei­li­ger des Mal­te­ser­or­dens. Das Ei­gen­fest ist fi­xiert als Ge­bo­te­ner Ge­denk­tag am 22. März ei­nes Jah­res.

Nachkriegszeit

1945 er­klär­te von Ga­len in sei­nem ers­ten In­ter­view ge­gen­über der an­glo-ame­ri­ka­ni­schen Pres­se, dass – ob­wohl er und an­de­re ge­bil­de­te Deut­sche An­ti­na­zis sein könn­ten – sie trotz­dem „treu ge­sinnt sein müss­ten ge­gen­über dem Va­ter­land“ und sie da­her die „Al­li­ier­ten als Fein­de be­trach­ten müss­ten“. Im Juni 1945 ent­warf er mit 12 Grund­for­de­run­gen zum Wie­der­auf­bau und zur Neu­ord­nung un­se­rer Hei­mat und des deut­schen Va­ter­lands ein sei­nen na­tur­recht­li­chen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen­des Par­tei­pro­gramm. In Fort­füh­rung sei­nes An­sat­zes aus Die Pest des Lai­zis­mus sieht er den Grund für den Un­ter­gang in der Auf­leh­nung ge­gen die gott­ge­woll­te Wert­ord­nung durch Ver­ab­so­lu­tie­rung sä­ku­la­rer Prin­zi­pi­en. Von Ga­len kri­ti­sier­te in den nächs­ten Mo­na­ten ver­schie­de­ne Maß­nah­men der Be­sat­zungs­mäch­te, ins­be­son­de­re die In­ter­nie­rung von An­ge­hö­ri­gen des öf­fent­li­chen Diens­tes und der NSDAP in La­gern so­wie die Ver­trei­bung der deut­schen Be­völ­ke­rung aus den Ost­ge­bie­ten. Die ver­brei­te­te The­se von ei­ner deut­schen Kol­lek­tiv­schuld wies er be­reits am 1. Juli 1945 in ei­ner in Telg­te ge­hal­te­nen Pre­digt öf­fent­lich zu­rück.

Im Juni 1945 dank­te von Ga­len aus­drück­lich „un­se­ren christ­li­chen Sol­da­ten, je­nen, die in gu­tem Glau­ben, das Rech­te zu tun, ihr Le­ben ein­ge­setzt ha­ben für Volk und Va­ter­land und auch im Kriegs­ge­tüm­mel Herz und Hand rein be­wahrt ha­ben von Hass, Plün­de­run­gen und un­ge­rech­ter Ge­walt­tat“.

Erhebung zum Kardinal

Am 18. Fe­bru­ar 1946 wur­de er von Papst Pius XII. als Kar­di­nal­pries­ter mit der Ti­tel­kir­che San Ber­nar­do alle Ter­me in das Kar­di­nals­kol­le­gi­um auf­ge­nom­men. Die über­ra­schen­de Er­nen­nung drei­er deut­scher Bi­schö­fe (Jo­seph Frings, Cle­mens Au­gust Graf von Ga­len und Kon­rad Graf von Prey­sing) zu Kar­di­nä­len kom­men­tier­te von Ga­len so:

Der Hei­li­ge Va­ter hat da­mit an­er­kannt, daß nicht alle Deut­schen voll­zäh­lig der Ver­dam­mung un­ter­lie­gen, die die Welt ge­gen sie aus­spre­chen woll­te. Vor al­ler Welt hat er als über­na­tio­na­ler und un­par­tei­ischer Be­ob­ach­ter das deut­sche Volk als gleich­be­rech­tigt in der Ge­mein­schaft der Na­tio­nen an­er­kannt.
Pre­digt in Rom am 17. Fe­bru­ar 1946

Bei Be­su­chen von Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gern im Raum Ta­rent und Bari vom 26. Fe­bru­ar bis 2. März 1946 er­wähn­te von Ga­len in An­spra­chen sei­ne To­des­ah­nun­gen. Der ihn be­glei­ten­de Dom­ka­pi­tu­lar be­rich­tet den Satz: „Mei­ne Zeit ist bald vor­bei, und wenn ich dort oben bin, wen­det euch nur an mich.“ Bei sei­ner Rück­kehr nach Müns­ter am 16. März 1946, sei­nem 68. Ge­burts­ta­ge, wur­de ihm ein gro­ßer Emp­fang be­rei­tet. Die Stadt Müns­ter er­nann­te ihn zu ih­rem Eh­ren­bür­ger. In ei­ner Dank­an­spra­che auf dem Dom­platz ver­trat er die An­sicht, Zu­stim­mung und Hal­tung der Gläu­bi­gen hät­ten ihm erst sei­nen Kampf er­mög­licht, ihm aber auch – wie er mit gro­ßer Be­we­gung und ver­sa­gen­der Stim­me aus­führ­te – die Kro­ne des Mar­ty­ri­ums ver­sagt.

Tod

Von Ga­len wur­de am 19. März 1946 mit star­ken Bauch­schmer­zen in das St.-Franziskus-Hospital in Müns­ter ein­ge­lie­fert und starb dort am 22. März 1946, also nur we­ni­ge Tage nach sei­ner Rück­kehr aus Rom, an den Fol­gen ei­nes Blind­darm­durch­bruchs. Sei­ne letz­ten Wor­te wa­ren: „Ja, ja, wie Gott es will. Gott loh­ne es Euch. Gott schüt­ze das lie­be Va­ter­land. Für ihn wei­ter­ar­bei­ten … oh, Du lie­ber Hei­land!“

Da der Dom in Trüm­mern lag, fan­den die Exe­qui­en in Hei­lig Kreuz statt, wo von Ga­len nur fünf Tage zu­vor das ers­te Pon­ti­fi­kal­amt nach sei­ner Rück­kehr als Kar­di­nal ge­fei­ert hat­te.

Er wur­de am 28. März 1946 in ei­ner der un­ter Chris­toph Bern­hard von Ga­len er­bau­ten Ga­len­schen Ka­pel­len, der Lud­ge­rus-Ka­pel­le des Doms, bei­gesetzt. Die vom Süd­ti­ro­ler Bild­hau­er Sieg­fried Mo­ro­der ge­schaf­fe­ne Grab­plat­te trägt die Auf­schrift

Hic ex­spec­tat re­sur­rec­tio­n­em mor­tuo­rum Cle­mens Au­gus­ti­nus de Ga­len S.(anctae) R.(omanae) E.(cclesiae) pres­by­ter car­di­na­lis epi­scopus Mo­nas­te­ri­en­sis“

In der Kir­che San Ber­nar­do alle Ter­me in Rom er­in­nert eine mit ei­nem Di­sti­chon en­den­de Ta­fel an von Ga­len:

In piam me­mo­ri­am / Cle­men­tis Au­gus­ti­ni de Ga­len / * 16.III.1878 † 22.III.1946 / S.R.E. pres­by­te­ri car­di­na­lis / sub ti­tu­lo S. Ber­nar­di / epi­scopi Mo­nas­te­ri­en­sis / tem­po­re eccle­siae in Ger­ma­nia per­se­cu­tio­nis Spon­sus dignus erat spon­sa ti­tu­lo­que sa­cer­dos / pra­e­sul cui nec laus nec ti­mor ob­struit os.“

Rezeption

Zeitgenossen

Von Ga­len wur­de von sei­nen Zeit­ge­nos­sen un­ter­schied­lich be­ur­teilt. Der Ber­li­ner Bi­schof Kon­rad Graf von Prey­sing sag­te im Som­mer 1941 (nach Ga­lens drei be­rühm­ten Pre­dig­ten) über ihn, er sei ein „ganz durch­schnitt­li­cher Zeit­ge­nos­se von durch­aus be­schränk­ten Geis­tes­ga­ben, der da­her bis in die jüngs­te Zeit hin­ein nicht ge­se­hen hat, wo­hin die Rei­se geht, und da­her im­mer zum Pak­tie­ren ge­neigt hat.“ Da­ge­gen äu­ßer­te sich Hel­muth Ja­mes von Molt­ke über von Ga­len so: „Umso ein­drucks­vol­ler ist es, daß ihn jetzt der Hei­li­ge Geist er­leuch­tet hat und er­füllt. Wie­viel be­deut­sa­mer ist die­ses Zei­chen, als wenn es sich um ei­nen über­ra­gend klu­gen Mann ge­han­delt hät­te.“

Seligsprechung

Am 10. Juli 1956 bat die Pries­ter­bru­der­schaft Con­fra­ter­ni­tas Sa­cer­do­tum Bo­nae Vol­un­ta­tis den Nach­fol­ger von Ga­lens, Bi­schof Mi­cha­el Kel­ler, um Ein­lei­tung des Se­lig­spre­chungs­pro­zes­ses. Der Pro­zess wur­de dar­auf­hin am 22. Ok­to­ber 1956 in Müns­ter und im No­vem­ber 1959 bei der Kon­gre­ga­ti­on für die Se­lig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se ein­ge­lei­tet und im No­vem­ber 2004 po­si­tiv ab­ge­schlos­sen. Als das er­for­der­li­che Wun­der wur­de die Spon­tan­hei­lung des im Ster­ben lie­gen­den in­do­ne­si­schen Jun­gen Hen­dri­kus Nahak von ei­nem Blind­darm­durch­bruch auf Für­bit­te der Stey­ler Mis­si­ons­schwes­ter Via­nel­de Keuß an Ga­len an­er­kannt. Am 9. Ok­to­ber 2005 wur­de Cle­mens Au­gust Graf von Ga­len durch Papst Be­ne­dikt XVI. mit dem Apos­to­li­schen Schrei­ben Ve­ri­ta­tis splendor se­lig­ge­spro­chen. Kar­di­nal José Sa­rai­va Mar­tins (Por­tu­gal), der Kar­di­nal­prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für die Se­lig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se, ze­le­brier­te die Se­lig­spre­chungs­fei­er im Pe­ters­dom in Rom, an der auch Papst Be­ne­dikt XVI. teil­nahm.

Der Ge­denk­tag Cle­mens Au­gust Graf von Ga­lens ist der 22. März.

Stätten der Galenverehrung

Im Zuge des Se­lig­spre­chungs­ver­fah­rens wur­de das Grab Ga­lens im Som­mer 2005 ge­öff­net und Re­li­qui­en ent­nom­men, die nach der Se­lig­spre­chung in ei­ner Rei­he von Kir­chen zur Ver­eh­rung nie­der­ge­legt wur­den. Am 12. De­zem­ber 2005 er­hielt der Lud­ge­rus-Dom in Bil­ler­beck eine Re­li­quie, da­mit sie ge­mein­sam mit der des Bis­tums­grün­ders Li­ud­ger in ei­nem Schrein auf­be­wahrt wer­de.

In Hal­tern am See steht im Stadt­park das stei­ner­ne Denk­mal des Bi­schofs Graf von Ga­len des Köl­ner Bild­hau­ers El­mar Hil­le­brand.

Am 28. Ja­nu­ar 2006 wur­de eine Re­li­quie Ga­lens durch Bi­schof Rein­hard Lett­mann in den Xan­te­ner Dom über­führt und in ei­ner Wand der Kryp­ta ein­ge­setzt, die von Ga­len ge­nau 70 Jah­re zu­vor ein­ge­weiht hat­te. Am 10. Fe­bru­ar des­sel­ben Jah­res über­ga­ben Weih­bi­schof Hein­rich Jans­sen aus Müns­ter und Bi­schof Hein­rich Mus­sing­hoff von Aa­chen eine Re­li­quie an die Kir­che San Bar­to­lo­meo all’Isola in Rom, die dem An­denken der Mär­ty­rer des 20. Jahr­hun­derts ge­weiht ist.

Am ers­ten Ge­denk­tag, dem 22. März 2006, schenk­te Bi­schof Lett­mann der Wall­fahrts­kir­che in Ries­te-Lage eine Re­li­quie. Vier Tage spä­ter, am 26. März, wur­de ein vom Ah­le­ner Gold­schmied Wer­ner Fi­scher ent­wor­fe­nes und von sei­nem Sohn Ra­pha­el Fi­scher ge­fer­tig­tes Re­li­qui­ar in Form ei­ner sti­li­sier­ten Hand mit ei­ner Fin­ger­re­li­quie durch Bi­schof Lett­mann und Propst Erd­bür­ger in die Ste­le des Gna­den­bil­des der Telg­ter Wall­fahrts­ka­pel­le fei­er­lich ein­ge­setzt. Von Ga­len war häu­fig nach Telg­te ge­pil­gert und hat­te vor dem Gna­den­bild ge­be­tet.

Eine wei­te­re Re­li­quie von Ga­lens wur­de am 11. Fe­bru­ar 2007 in sei­ner frü­he­ren Wir­kungs­stät­te St. Mat­thi­as in Ber­lin-Schö­ne­berg in ein ste­len­för­mi­ges Re­li­qui­ar des Bild­hau­ers Karl Bie­der­mann ein­ge­setzt und durch den Vize-Pos­tu­la­tor des Se­lig­spre­chungs­ver­fah­rens, den Müns­te­ra­ner Dom­ka­pi­tu­lar Mar­tin Hüls­kamp, ge­weiht. Weih­bi­schof Franz-Pe­ter Te­bartz-van Elst setz­te am 5. Au­gust 2007 eine Ga­len­re­li­quie in der Su­ren­dor­fer Ka­pel­le in Re­ken-Hüls­ten ein. Am 21. Au­gust 2007 leg­te Bi­schof Rein­hard Lett­mann eine Fin­ger­re­li­quie Ga­lens in der Kryp­ta der St. Ma­ria, Mut­ter der Sie­ben Schmer­zen (Be­then) in Clop­pen­burg-Be­then nie­der, dem Wall­fahrts­ort des Ol­den­bur­ger Müns­ter­lan­des. Zu­letzt setz­te Bi­schof Lett­mann eine Re­li­quie in der Beicht­ka­pel­le des Wall­fahrts­or­tes Ke­ve­la­er ein. Ein Fin­ger Ga­lens be­fin­det sich auch im Al­tar in der Mi­cha­els­ka­pel­le der Ju­gend­burg Ge­men bei Bor­ken. Die Ju­gend­burg wur­de durch Ga­len in Er­in­ne­rung an die Ju­gend­er­zie­hung im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ein­ge­rich­tet, um ei­ner noch­ma­li­gen Ent­wick­lung zu ei­ner so ein­sei­ti­gen Er­zie­hung ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg grün­de­te das Kar­di­nal-Graf-von-Ga­len-Sied­lungs­werk den Orts­teil Cle­mens-Au­gust-Dorf in der nie­der­säch­si­schen Ge­mein­de Dam­me für Ver­trie­be­ne und Flücht­lin­ge. Zahl­rei­che wei­te­re In­sti­tu­tio­nen und Schu­len tra­gen sei­nen Na­men, so z. B. das Cle­mens-Au­gust-Gym­na­si­um Clop­pen­burg. Die am 21. Sep­tem­ber 1956 ge­gos­se­ne größ­te Glo­cke des Do­mes zu Müns­ter wur­de ihm zu Eh­ren „Kar­di­nal“ ge­nannt.

Literarische Rezeption

2011 er­schien der Ro­man Din­ge, die ich von ihm weiß von Ro­land E. Koch. Der Au­tor stellt Cle­mens Au­gust von Ga­len eine fik­ti­ve Haus­häl­te­rin na­mens Ma­ria zur Sei­te, mit der er eine eben­falls fik­ti­ve Lie­bes­be­zie­hung führt. Aus Sicht die­ser Ma­ria wird das Le­ben und Wir­ken des Bi­schofs von Müns­ter ge­schil­dert. Auch wenn das Buch kei­nen An­spruch auf his­to­ri­sche Wahr­heit er­hebt, wird es von Ga­len-Ken­nern kri­tisch be­ur­teilt, da Fik­ti­on und Fak­ten mit­ein­an­der ver­schmel­zen. Da­her kann die­ses Werk nicht zum tie­fe­ren Ver­ständ­nis der his­to­ri­schen Ge­stalt Ga­lens bei­tra­gen. Auch wei­te­re schein­bar ge­schicht­li­che Fak­ten des Ro­mans sind frei er­fun­den; bei­spiels­wei­se wird im Ro­man die Fa­mi­lie des Rab­bi­ners Fritz Leo­pold Stein­thal er­mor­det, ob­wohl die­se zu den we­ni­gen Ju­den ge­hör­te, de­nen es ge­lang, recht­zei­tig aus­zu­rei­sen. Fe­lix Genn, Bi­schof von Müns­ter, for­der­te im Rah­men ei­ner Pre­digt im Au­gust 2011 in Telg­te dazu auf, das Buch nicht zu kau­fen: „Sa­gen Sie de­nen, die es le­sen und mei­nen, das sei wahr, dass das Schund­li­te­ra­tur ist.“

Historische Bewertung

Per­son und Werk wer­den un­ter­schied­lich be­wer­tet. Von Ga­len wird – ab­ge­se­hen von ver­ein­zel­ten Stim­men, die ihn als Weg­be­rei­ter und An­hän­ger des Re­gimes dar­stel­len – von ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit als Geg­ner des NS-Re­gimes an­ge­se­hen. Un­ter­schied­lich be­wer­tet wer­den Be­ginn der Geg­ner­schaft, Um­fang der Aus­ein­an­der­set­zung und Be­weg­grund von Ga­lens. Da­bei ste­hen sich im We­sent­li­chen drei Haupt­strö­mun­gen ge­gen­über.

Eine ers­te Grup­pe von Au­toren sieht von Ga­len als Wi­der­stands­kämp­fer an. Vor al­lem in der durch die per­sön­li­che Be­zie­hung zu ihm ge­präg­ten Li­te­ra­tur der ers­ten Nach­kriegs­zeit, rein ha­gio­gra­phi­schen Dar­stel­lun­gen, aber auch in neue­ren Stel­lung­nah­men wird die Auf­fas­sung ver­tre­ten, von Ga­len sei be­reits als Pfar­rer und spä­ter als Bi­schof ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ein­ge­stellt ge­we­sen. Die­se Auf­fas­sung sieht den Grund für sei­ne Ab­leh­nung der Re­pu­blik als Staats­form nicht in ei­ner Sym­pa­thie für die Mon­ar­chie, son­dern in der Ab­leh­nung je­der Rechts­set­zung, die sich al­lein auf die Macht grün­det (hier: der Mehr­heit) und je­der Re­gie­rung, die sich nicht am von Gott ge­setz­ten Na­tur­recht ori­en­tiert. Das Mo­tiv von Ga­lens für sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment sei stets seel­sor­ge­risch ge­we­sen. In­ner­halb die­ser Auf­fas­sung be­stehen über die par­tei­po­li­ti­sche Ein­ord­nung wei­te­re Dif­fe­ren­zen: Teil­wei­se wird ge­sagt, von Ga­len sei auf­grund der na­tur­recht­li­chen Be­grün­dung sei­ner po­li­ti­schen An­sich­ten nicht in das po­li­ti­sche Spek­trum ein­zu­ord­nen, teil­wei­se wird ver­tre­ten, er habe trotz Dif­fe­ren­zen bei ein­zel­nen prak­tisch-po­li­ti­schen Fra­gen sei­ne Bin­dung an die Zen­trums­par­tei nie auf­ge­ge­ben. Das Ver­hal­ten von Ga­lens sei Wi­der­stand ge­we­sen, gleich wel­che De­fi­ni­ti­on von Wi­der­stand zu­grun­de ge­legt wird, da sei­ne Pro­tes­te – im Stu­fen­kon­zept der Wi­der­stands­for­schung – von den Herr­schen­den als sys­tem­ge­fähr­dend ein­ge­schätzt wor­den sei­en und – wir­kungs­ge­schicht­lich be­trach­tet – an den Grund­fes­ten des Re­gimes ge­rüt­telt hät­ten. Be­son­ders her­aus­zu­stel­len ist von Ga­lens ent­schie­de­ner Wi­der­stand ge­gen die im Drit­ten Reich prak­ti­zier­te Eu­tha­na­sie. Der His­to­ri­ker Götz Aly ur­teilt hier­zu: „Die Mo­ti­ve für Ga­lens Wi­der­stand sind uns Heu­ti­gen fremd, und den­noch ver­dient Ga­lens sin­gu­lä­rer, mu­ti­ger Wi­der­stand Hoch­ach­tung.“

Eine zwei­te Grup­pe von Au­toren schätzt von Ga­lens Hal­tung nach dem Zu­sam­men­bruch des Kai­ser­rei­ches am Ende des Krie­ges 1918 als na­tio­nal-kon­ser­va­tiv und rechts von der Mit­te ein, wie sie die Zen­trums­par­tei ver­kör­per­te. Sie sieht in von Ga­len ei­nen ty­pi­schen Ver­tre­ter sei­ner Zeit, der wie wei­te Tei­le der Eli­ten des Kai­ser­reichs die Wei­ma­rer Re­pu­blik ab­lehn­te. Sein po­li­ti­sches Den­ken kann in­so­fern als „ob­rig­keits­staat­lich“ an­ge­se­hen wer­den, als er sich – als zu­tiefst schrift­treu­er Christ – die Mah­nung des Apos­tels Pau­lus zu ei­gen mach­te: „Je­der leis­te den Trä­gern der staat­li­chen Ge­walt den schul­di­gen Ge­hor­sam. Denn es gibt kei­ne staat­li­che Ge­walt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott ein­ge­setzt.“ (Röm 13,1 EU). Ge­ra­de in der Er­kennt­nis, dass ein Re­gime, das die fun­da­men­ta­len Men­schen­rech­te ver­letzt, die Be­rech­ti­gung sei­ner gött­li­chen Ein­set­zung ver­wirkt hat, se­hen heu­te nicht we­ni­ge die her­aus­ra­gen­de Leis­tung von Ga­lens. Au­ßer­dem wird die Be­zeich­nung als Wi­der­stands­kämp­fer mit der Be­grün­dung ab­ge­lehnt, Wi­der­stand leis­te nicht schon, wer Kri­tik an Aus­wüch­sen übe, son­dern nur, wer die herr­schen­de Macht bre­chen und über­win­den wol­le.

Der drit­ten Grup­pe sind von Ga­lens Kri­ti­ker zu­zu­ord­nen. Sie ma­chen gel­tend, von Ga­len sei ein Geg­ner der Wei­ma­rer Ver­fas­sung ge­we­sen und habe als streng an­ti­li­be­ral und an­ti­so­zia­lis­tisch ge­gol­ten. Er war als An­ge­hö­ri­ger des kon­ser­va­ti­ven Flü­gels des Zen­trums auch po­li­tisch en­ga­giert. Be­son­ders kri­ti­sie­ren sie, er habe die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung als recht­mä­ßig ein­ge­setz­te Ob­rig­keit be­zeich­net und das deut­sche Groß­macht­stre­ben un­ter­stützt. John S. Con­way (De­part­ment of Histo­ry, Uni­ver­si­ty of Bri­tish Co­lum­bia) sieht die Ein­schät­zung des bri­ti­schen For­eign Of­fice von 1945 als zu­tref­fen­des Epi­taph für von Ga­len: „… die be­mer­kens­wer­tes­te Per­sön­lich­keit in­ner­halb des Kle­rus in der bri­ti­schen Zone. … Sta­tu­en­haft in der Er­schei­nung und kom­pro­miss­los in der Dis­kus­si­ons­füh­rung, ist die­ser un­er­schüt­ter­li­che alte Aris­to­krat … ein deut­scher Na­tio­na­list durch und durch.“ Es wird ins­be­son­de­re ge­fragt, ob die Ver­tei­di­gung der kirch­li­chen Rech­te schon als Wi­der­stand an­ge­se­hen wer­den kön­ne und was von Ga­len be­wo­gen habe, nicht in der glei­chen Art und Wei­se öf­fent­lich ge­gen die Ver­fol­gung und Ver­nich­tung der Ju­den, ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus und ge­gen die Be­sei­ti­gung von Li­be­ra­len, De­mo­kra­ten und Kom­mu­nis­ten zu pro­tes­tie­ren. Eben­so be­tont die­se Auf­fas­sung die Ein­stel­lung von Ga­lens zum Zwei­ten Welt­krieg als Ab­wehr­kampf ge­gen den Kom­mu­nis­mus und stellt die Fra­ge, war­um der Bi­schof nicht spä­tes­tens nach der drit­ten Pre­digt zum of­fe­nen Wi­der­stand und zur Wehr­dienst­ver­wei­ge­rung auf­ge­ru­fen habe. Nach Ein­schät­zung von Hein­rich Au­gust Wink­ler ge­hör­ten Kir­chen­leu­te zu den ers­ten, die den deut­schen Über­fall auf die So­wjet­uni­on bil­lig­ten. Das ra­di­kals­te Be­kennt­nis zum ge­rech­ten Krieg ge­gen den gott­lo­sen Bol­sche­wis­mus habe Bi­schof von Ga­len ab­ge­legt.

Ver­ein­zelt ge­blie­ben ist die An­sicht, von Ga­len ge­büh­re wie der ka­tho­li­schen Kir­che ins­ge­samt „in ei­ner Ska­la der Ver­ant­wor­tun­gen für die fa­schis­ti­sche Bar­ba­rei eine erst­ran­gi­ge Po­si­ti­on“, sei­ne re­ak­tio­nä­re Ge­sin­nung sei der Grund für sei­ne Er­nen­nung zum Kar­di­nal ge­we­sen. Eben­so sin­gu­lär blieb die An­deu­tung, bei dem Ein­satz von Ga­lens in der drit­ten Pre­digt für Geis­tes­kran­ke und Be­hin­der­te hät­ten „kirch­lich-ideo­lo­gi­sche wie fi­nan­zi­el­le Über­le­gun­gen“ eine Rol­le ge­spielt.

Veröffentlichungen des Autors Clemens August Graf von Galen

Die „Pest des Laizismus“ und ihre Erscheinungsformen

1932 ver­öf­fent­lich­te von Ga­len sei­ne Schrift Die „Pest des Lai­zis­mus“ und ihre Er­schei­nungs­for­men – Er­wä­gun­gen und Be­sorg­nis­se ei­nes Seel­sor­gers über die re­li­gi­ös-sitt­li­che Lage der deut­schen Ka­tho­li­ken. Die im Ti­tel als Zi­tat ge­kenn­zeich­ne­te Be­griffs­bil­dung „Pest des Lai­zis­mus“ stammt aus der En­zy­kli­ka Quas Pri­mas Papst Pius’ XI. Der Ver­fas­ser ver­steht dar­un­ter Be­stre­bun­gen, das gan­ze Le­ben nach rein dies­sei­ti­gen Ge­set­zen zu re­geln und die Quel­le der Un­voll­kom­men­heit der Welt nicht in der Nei­gung zur Sün­de, son­dern in un­zu­rei­chen­der Kul­tur zu se­hen. Von Ga­len gibt sei­ner Be­fürch­tung Aus­druck, die Vor­stel­lung, der Mensch sei von Na­tur aus gut, habe be­reits auf ka­tho­li­sche Krei­se über­ge­grif­fen. In­dem auch ka­tho­li­sche Stel­len der Kir­che den Vor­wurf der Prü­de­rie und Rück­stän­dig­keit in Fra­gen der Sitt­lich­keit und Scham­haf­tig­keit mach­ten, wür­den sie den da­hin­ter ste­hen­den heid­ni­schen Grund­sät­zen zum Sieg ver­hel­fen. Den Ur­sprung er­kennt der Ver­fas­ser im Na­tu­ra­lis­mus, der die Not­wen­dig­keit der gött­li­chen Gna­de zum gu­ten Han­deln leug­ne. Als wei­te­re Er­schei­nungs­form be­zeich­net der Ver­fas­ser die Wirt­schafts­ide­en des Li­be­ra­lis­mus und des So­zia­lis­mus mit ih­ren Vor­stel­lun­gen, al­les re­ge­le sich von selbst oder sei Fol­ge des Pri­vat­ei­gen­tums. Als drit­te Er­schei­nungs­form sieht er das bis zur Ver­nich­tung des Va­ter­lands ge­stei­ger­te Stre­ben der Par­tei­en an, über alle zu herr­schen. Da­bei äu­ßert er sich kri­tisch über die Vor­stel­lung, der Fürs­ten­ab­so­lu­tis­mus oder der Mehr­heits­wil­le und nicht der in Na­tur­recht und Of­fen­ba­rung er­kenn­ba­re Wil­le Got­tes sei der Maß­stab für al­les po­li­ti­sche Han­deln. In die­sem Zu­sam­men­hang wen­det er sich ge­gen die un­be­schränk­te Aus­lie­fe­rung der Re­gie­rungs­ge­walt an den Volks­wil­len, ge­gen Ver­stö­ße ge­gen das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip und ge­gen eine ver­fehl­te Zen­tra­li­sie­rung der Re­gie­rungs­ge­walt.

Weitere Veröffentlichungen

  • Ka­tho­li­sche Glau­bens­leh­re. Re­gens­berg, Müns­ter 1940.

Lizenz

Die­ser Ar­ti­kel ba­siert auf dem Ar­ti­kel Cle­mens Au­gust Graf von Ga­len aus der frei­en En­zy­klo­pä­die Wi­ki­pe­dia und steht un­ter der Dop­pel­li­zenz GNU-Li­zenz für freie Do­ku­men­ta­ti­on und Crea­ti­ve Com­mons CC-BY-SA 3.0 Un­por­ted (Kurz­fas­sung). In der Wi­ki­pe­dia ist eine Lis­te der Au­toren ver­füg­bar.

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