Wohnturm

Ein Wohn­turm ist ein mit­tel­al­ter­li­cher Turm, der zu ei­ner dau­er­haf­ten Nut­zung als Woh­nung ge­eig­net war und zu­gleich auch Wehr­funk­tio­nen hat­te. Er ver­füg­te meist nur über ei­nen Hoch­ein­gang mit ein­zieh­ba­rer Lei­ter.

Wohn­tür­me wur­den vom frü­hen bis ins spä­te Mit­tel­al­ter in ganz Eu­ro­pa er­rich­tet und stell­ten ei­nen - im Ge­gen­satz zu ei­ner gro­ßen Burg­an­la­ge - re­la­tiv schnell und mit we­nig Auf­wand zu er­rich­ten­den Pro­to­typ ei­ner eben­so wehr­haf­ten wie auch stan­des­ge­mä­ßen Be­hau­sung für Rit­ter dar. Sie wur­den oft zu­sätz­lich mit Pa­li­sa­den­zäu­nen, Was­ser­grä­ben oder klei­nen Ring­mau­ern ge­schützt. Sie konn­ten aber auch in gro­ße Burg­an­la­gen ein­be­zo­gen wer­den. In Städ­ten ge­le­ge­ne Wohn­tür­me, vor al­lem in Ita­li­en aber auch etwa in Re­gens­burg oder Trier, wer­den als Ge­schlech­ter­turm be­zeich­net.

Bauweise und Abgrenzung

Der Be­griff des Wohn­turms wird in der mit­tel­al­ter­li­chen Ar­chi­tek­tur in Ab­gren­zung zu dem des Wehr­turms ver­wen­det, wo­bei Tür­me auch bei­de Funk­tio­nen mit­ein­an­der ver­ei­ni­gen konn­ten. Der Über­gang zwi­schen Wohn­turm und fes­tem Haus ist flie­ßend. Das Un­ter­schei­dungs­kri­te­ri­um ist hier­bei le­dig­lich das Ver­hält­nis zwi­schen Höhe und Brei­te des Bau­kör­pers, da­bei über­trifft die Höhe ei­nes Turms sei­ne Brei­te bzw. sei­nen Durch­mes­ser. Sie hat­ten auf­grund ih­rer mas­si­ven Bau­wei­se und ih­rer Höhe ei­nen for­ti­fi­ka­to­ri­schen Wert und wa­ren des­halb oft Teil ei­ner Burg. Da sie gleich­zei­tig je­doch auch herr­schaft­li­chen Wohn- und Re­prä­sen­ta­ti­ons­be­dürf­nis­sen ge­nü­gen muss­ten, ver­füg­ten sie oft über re­la­tiv auf­wän­di­ge In­nen­aus­bau­ten, wa­ren be­heiz­bar und konn­ten auch ei­nen saal­ar­ti­gen Raum ent­hal­ten. An­ders als un­be­wohn­te oder nur pro­vi­so­risch zum Woh­nen aus­ge­stat­te­te Wehr­tür­me wa­ren sie als Wohn­statt an­ge­legt. Eine Burg­an­la­ge mit ei­nem Wohn­turm und un­ter­ge­ord­ne­ten Ne­ben­ge­bäu­den wird als Turm­burg be­zeich­net. Eine Son­der­form bil­den Tür­me mit ei­nem un­be­wohn­ten stei­ner­nen Un­ter­bau, die ei­nen be­wohn­ba­ren Auf­satz – häu­fig aus Holz – tru­gen, wie das Topp­ler­schlöss­chen.

Der Berg­fried un­ter­schei­det sich vom Wohn­turm in ers­ter Li­nie da­durch, dass er nicht für eine Wohn­nut­zung vor­ge­se­hen ist. Der Turm­schaft ei­nes Berg­frieds hat meist kei­ne oder nur we­ni­ge klei­ne Fens­ter; die un­te­ren Fens­ter sind, falls vor­han­den, so klein, dass ein An­grei­fer nicht pro­blem­los hin­durch­stei­gen kann. Oft war die Wäch­ter­stu­be der ein­zi­ge be­heiz­ba­re Raum. Die gro­ße For­men­viel­falt der mit­tel­eu­ro­päi­schen Bur­gen führ­te je­doch auch zu vie­len Über­gangs­stu­fen zwi­schen bei­den Bau­ty­pen, so dass eine kla­re Ein­ord­nung nicht im­mer mög­lich ist. Otto Pi­per sprach vom be­wohn­ba­ren Berch­frit als ei­ner Zwi­schen­stu­fe zwi­schen Berg­fried und Wohn­turm, wenn ein durch sei­ne Bau­wei­se als Berg­fried cha­rak­te­ri­sier­ter Turm mit für eine Wohn­nut­zung vor­ge­se­he­nen Ober­ge­schos­sen aus­ge­stat­tet war. Auf­grund die­ser un­ter­schied­li­chen Be­griff­lich­keit kann es vor­kom­men, dass ein und der­sel­be Turm in der ei­nen Fach­pu­bli­ka­ti­on als Wohn­turm, in der an­de­ren als be­wohn­ba­rer Berg­fried ge­führt wird. Bei­spie­le hier­für sind die bei­den run­den Wohntürme/Bergfriede der Vor­burg II der Neu­en­burg und der Burg Stol­pe. Letz­te­rer er­füllt auch den Ty­pus ei­ner Turm­burg

Für re­prä­sen­ta­ti­ve Wehr- und Wohn­tür­me, ins­be­son­de­re in Frank­reich, ist in der Bur­gen­for­schung die Be­zeich­nung Don­jon üb­lich. In Ir­land und Groß­bri­tan­ni­en gibt es so­ge­nann­te Tower Houses, bei de­nen es sich um frei­ste­hen­de, wehr­haf­te Wohn­tür­me han­delt. Tür­me von Bur­gen, die als Spei­se­haus ge­nutzt wur­den, nann­te man Mut­haus.

Funktion und Nutzung

Im Mit­tel­al­ter wur­den re­gio­nal Tür­me als herr­schaft­li­cher Wohn­sitz und zum Schutz vor feind­li­chen An­grif­fen er­baut. Als ein­zeln ste­hen­de Ge­bäu­de konn­ten sie auch als be­fes­tig­ter Adels­sitz in­ner­halb von Städ­ten die­nen.

In ei­ni­gen ita­lie­ni­schen Städ­ten wur­den sol­che Wohn­tür­me von Bür­gern mit pa­tri­zi­schem oder rit­ter­li­chem Selbst­ver­ständ­nis als so­ge­nann­te Ge­schlech­ter­tür­me er­rich­tet. Be­kann­te Bei­spie­le hier­für sind die Tür­me von San Gi­mi­gna­no oder Bo­lo­gna. In Deutsch­land gibt es vor al­lem in Re­gens­burg noch ei­ni­ge.

Mit­tel­al­ter­li­che Städ­te er­rich­ten teil­wei­se noch im Spät­mit­tel­al­ter so­ge­nann­te Wehr­hö­fe, burg­ar­ti­ge Be­fes­ti­gungs­an­la­gen die Teil ei­ner vor­ge­scho­be­nen Land­wehr oder sel­te­ner Teil der Stadt­mau­er wa­ren. Sol­che Wehr­hö­fe ent­hiel­ten als zen­tra­len Be­stand­teil oft Wohn­tür­me. Von der Frank­fur­ter Land­wehr, hat sich vom ab­ge­ris­se­nen Wehr­hof Küh­horns­hof der Wohn­turm bis heu­te er­hal­ten.

Die Mehr­zahl der Wohn­tür­me wa­ren ein­zeln ste­hen­de Bau­ten des nie­de­ren Adels. Bis­wei­len wur­den Hö­hen­bur­gen zu­erst mit ei­nem frei­ste­hen­den, be­wohn­ba­ren Turm be­gon­nen und dann im Lauf der Zeit mit Mau­ern, Pa­las, Ka­pel­le und an­de­ren Ge­bäu­den wei­ter aus­ge­baut, so etwa Schloss Sar­gans.

Teil­wei­se wur­den die Ge­bäu­de un­ter Bei­be­hal­tung der ur­sprüng­li­chen Ge­bäu­de­aus­ma­ße in­zwi­schen so weit re­no­viert, dass sie wie­der ge­nutzt wer­den kön­nen. So be­her­bergt der Turm Je­ru­sa­lem in Trier heu­te das Stan­des­amt, das Trie­rer Drei­kö­ni­gen­haus ist wie­der ein nor­ma­les Wohn­haus.

Im süd­ost­eu­ro­päi­schen Raum bo­ten wohn­turm­ar­ti­ge Ge­bäu­de noch im 19. Jahr­hun­dert Schutz ge­gen um­her­zie­hen­de Ban­den. So zum Bei­spiel in den Al­ba­ni­schen Al­pen, wo die Wohn­tür­me (Kul­la) auch als Rück­zugs­or­te für Män­ner dien­ten, die von der Blut­ra­che zwi­schen ver­fein­de­ten Fa­mi­li­en be­droht wa­ren.

Im ara­bi­schen Raum, ins­be­son­de­re im Je­men, sind wehr­haf­te Wohn­tür­me auch heu­te noch in Ge­brauch.

Bis in die heu­ti­ge Zeit wer­den wei­ter Wohn­tür­me als Kern­ge­bäu­de ein­zel­ner Ge­höf­te in den länd­li­chen Re­gio­nen des Irans, Af­gha­ni­stans, Turk­me­ni­stans, Ti­bets und Nord­chi­nas er­rich­tet.

Im 20. Jahr­hun­dert wur­den Was­ser­tür­me, die auch eine Wohn­nut­zung auf­wie­sen, als Wohn­was­ser­turm be­zeich­net. Heu­te wer­den ge­le­gent­lich be­wohn­te Hoch­häu­ser als Wohn­tür­me be­zeich­net.

Wei­te­re For­men sind

  • Kau­ka­si­scher Wehr­turm
  • Tower house Ir­land, Schott­land
  • Turm­burg

Palasartige Wohntürme der Gotik und Renaissance

Ver­ein­zelt fin­den sich un­ge­wöhn­lich gro­ße Wohn­tür­me (be­züg­lich ih­rer Grund­flä­che) in Art ei­nes Pa­las auf go­ti­schen (vor al­lem spät­go­ti­schen) Burg­an­la­gen oder gar bei Schloss(neu)bauten der Re­nais­sance­zeit. Der Über­gang vom Wohn­turm zum Pa­las­bau ver­lief also spä­tes­tens seit der Go­tik flie­ßend. Bei­spie­le sind hier­für in Sach­sen der qua­dra­ti­sche "Gro­ße Turm" des Schloss Freu­den­stein (Da­tie­rung?), in­te­griert in den Bau die­ses Burg­schlos­ses, so­wie das Schloss Gau­er­nitz (qua­dra­ti­sches "Ho­hes Haus", 1530, Re­nais­sance­bau) und in Tsche­chi­en ein rui­nö­ser Wohnturm/Palas der nord­böh­mi­schen Burg Eger­berk (14.–15.Jh.). In Thü­rin­gen ist das so­ge­nann­te "Hohe Haus" des Was­ser­schlos­ses Koch­berg ein sol­ches Bau­werk der Re­nais­sance­zeit.

Beispiele

Deutschland

In Deutsch­land sind noch ei­ni­ge Wohn­tür­me er­hal­ten, die größ­ten­teils un­ter Denk­mal­schutz ste­hen. Der äl­tes­te be­kann­te Wohn­turm ist der Gra­nus­turm in Aa­chen, ehe­mals Teil der Aa­che­ner Kai­ser­pfalz Karls des Gro­ßen. Fer­ner ge­hö­ren zu den äl­tes­ten Bei­spie­len der Fran­ken­turm, das Drei­kö­ni­gen­haus und der Turm Je­ru­sa­lem in Trier oder der fast 1000 Jah­re alte „Wohn­turm I“ der Neu­en­burg in Sach­sen-An­halt.

Die Thü­rin­ger Breit­wohn­tür­me könn­ten nach süd­ita­lie­ni­schem Vor­bild (etwa der Nor­man­nen­burg von Pa­ternò) ent­stan­den sein, er­hal­te­ne Bei­spie­le sind die „Ke­me­na­ten“ Or­la­mün­de, Rein­städt und Zie­gen­rück.

Wei­te­re Bei­spie­le sind:

  • Wohn­turm Burg Ade­leb­sen, Nie­der­sach­sen
  • Burg Al­ten­dorf, Es­sen
  • Bat­ten­berg­turm, Hald­ern
  • Wohn­turm Ben­ne­cken­beck, Mag­de­burg
  • Wohn­turm Ber­ne­burg, Hes­sen
  • Deut­scher Kai­ser, Ko­blenz
  • Fran­ken­turm, Trier
  • Gol­de­ner Turm, Re­gens­burg
  • Kat­ten­turm, Es­sen
  • Burg Hat­ten­heim, Elt­vil­le
  • Is­su­mer Turm, Kre­feld
  • Wohn­turm Hof­gut Leh­men, Rhein­land-Pfalz
  • Nas­sau­er Haus, Nürn­berg
  • Burg Nideg­gen bei Dü­ren
  • Ke­me­na­te Or­la­mün­de, Thü­rin­gen
  • Wohn­turm Pres­ter, Mag­de­burg
  • Ke­me­na­te, Rein­städt (Thü­rin­gen)
  • Run­ne­burg, Wei­ßen­see (Thü­rin­gen)
  • Stock­turm (Nienburg/Weser)
  • Wohn­turm Sen­heim, Rhein­land-Pfalz
  • Ke­me­na­te Zie­gen­rück, Thü­rin­gen

Lizenz

Die­ser Ar­ti­kel ba­siert auf dem Ar­ti­kel Wohn­turm aus der frei­en En­zy­klo­pä­die Wi­ki­pe­dia und steht un­ter der Dop­pel­li­zenz GNU-Li­zenz für freie Do­ku­men­ta­ti­on und Crea­ti­ve Com­mons CC-BY-SA 3.0 Un­por­ted (Kurz­fas­sung). In der Wi­ki­pe­dia ist eine Lis­te der Au­toren ver­füg­bar.

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