Rittergut

Ein Rit­ter­gut (lat. pra­edi­um no­bi­li­um sive equestri­um) war ein Land­gut, mit des­sen Be­sitz durch Ge­setz oder Ge­wohn­heits­recht Vor­rech­te des Grund­herrn, ins­be­son­de­re Steu­er­be­frei­un­gen und die Land­tags­fä­hig­keit, ver­bun­den wa­ren.

Entstehung und Aufbau

Im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich deut­scher Na­ti­on soll­ten mit der Über­tra­gung ei­nes Rit­ter­gu­tes Vor­rech­te für den Be­sit­zer ge­schaf­fen wer­den, ins­be­son­de­re Be­frei­un­gen von den sonst auf länd­li­chen Gü­tern haf­ten­den Steu­ern und bäu­er­li­chen Las­ten. Da­mit soll­te ur­sprüng­lich ein Aus­gleich für die im Mit­tel­al­ter dem grund­be­sit­zen­den Rit­ter­stand ob­lie­gen­de Ver­pflich­tung zu Rit­ter­diens­ten ge­bo­ten wer­den. Die Rit­ter wa­ren als Va­sal­len und Mi­nis­te­ria­le für den Lehns­her­ren zum Kriegs­dienst zu Pfer­de und spä­ter auch zu Geld­leis­tun­gen (Rit­ter­pferd­gel­dern) ver­pflich­tet.

Au­ßer­dem wa­ren mit den Rit­ter­gü­tern noch wei­te­re Vor­rech­te ver­bun­den. Ins­be­son­de­re war in den Stän­de­ord­nun­gen des Mit­tel­al­ters und in ei­ni­gen Ge­gen­den bis in die frü­he Neu­zeit mit den Gü­tern das Land­stands­recht, die Pa­tri­mo­ni­al­ju­ris­dik­ti­on, die lo­ka­le Po­li­zei­ge­walt und oft auch das Pa­tro­nats­recht ver­bun­den. Die­se Vor­rech­te, de­ren Be­sitz ur­sprüng­lich als Per­so­nal­rech­te durch die Zu­ge­hö­rig­keit zum Adels­stand ge­ge­ben wa­ren, wur­den mit der Zeit in Form ei­nes Re­al­rechts als Zu­be­hör der Rit­ter­gü­ter selbst an­ge­se­hen (no­bi­li­tas rea­lis).

Seit dem 14. Jahr­hun­dert wur­den die al­ten Le­hens­hee­re durch Söld­ner­trup­pen er­setzt, was zum Ende des Rit­ter­diens­tes führ­te. Da­nach wand­ten sich die Rit­ter­guts­be­sit­zer häu­fig der land­wirt­schaft­li­chen Be­wirt­schaf­tung ih­rer Gü­ter zu. Mit dem Weg­fall des Rit­ter­diens­tes wur­den in den meis­ten Staa­ten auch die mit dem Rit­ter­gut ver­bun­de­nen Vor­rech­te we­sent­lich be­schränkt oder gänz­lich be­sei­tigt. Spä­ter wur­den da­her auch die rit­ter­schaft­li­chen Gü­ter steu­er­pflich­tig.

Zur Ver­tei­di­gung ih­rer po­li­ti­schen Rech­te or­ga­ni­sier­ten sich die Be­sit­zer von Rit­ter­gü­tern im Spät­mit­tel­al­ter in man­chen Re­gio­nen in Ver­bän­den, den so­ge­nann­ten Rit­ter­schaf­ten. Die­se üb­ten po­li­ti­sche Mit­be­stim­mungs­rech­te in den Land­ta­gen aus. Dort bil­de­ten die Rit­ter­guts­be­sit­zer die Rit­ter­schaft in­ner­halb der Land­stän­de. In Preu­ßen und auch in an­de­ren Staa­ten wur­den we­gen ih­rer Be­deu­tung für die stän­di­schen und land­schaft­li­chen Wah­len Ver­zeich­nis­se der Rit­ter­gü­ter ge­führt, die so­ge­nann­ten Rit­ter­guts­ma­tri­kel, als Ver­zeich­nis der je­wei­li­gen Gü­ter so­wie ih­rer ak­tu­el­len Guts­be­sit­zer. Nur den im­ma­tri­ku­lier­ten Guts­be­sit­zern stand die Land­stand­schaft zu. Dar­über hin­aus war der Rit­ter­guts­be­sit­zer nicht nur Land­be­sit­zer und Ar­beit­ge­ber, son­dern - bis zur Bau­ern­be­frei­ung - In­ha­ber ei­ner Grund­herr­schaft mit Hin­ter­sas­sen oder Leib­ei­ge­nen; auch hat­te er zu­meist die Nie­de­re Ge­richts­bar­keit inne, in sel­te­ne­ren Fäl­len auch die Hohe Ge­richts­bar­keit. Er übte da­mit zu­gleich ob­rig­keit­li­che und recht­spre­chen­de Funk­tio­nen aus.

Wäh­rend ur­sprüng­lich nur ein Ad­li­ger Rit­ter­guts­be­sit­zer sein durf­te, konn­ten spä­ter auch Bür­ger­li­che Rit­ter­gü­ter er­wer­ben. Be­reits im 17. Jahr­hun­dert gab es bür­ger­li­che Rit­ter­guts­be­sit­zer, seit der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts stieg die Zahl stark an. Mit dem Er­werb ei­nes Rit­ter­gu­tes gin­gen auch die mit dem Gut ver­bun­de­nen Re­al­rech­te auf den nun bür­ger­li­chen neu­en Ei­gen­tü­mer über.

In den mo­der­ne­ren Ver­fas­sun­gen, so in der preu­ßi­schen Ver­fas­sung von 1850, wur­de die­ses Recht ei­ner be­son­de­ren Ver­tre­tung der Rit­ter­guts­be­sit­zer in den Land­ta­gen oft voll­stän­dig auf­ge­ho­ben. In Preu­ßen kam den Rit­ter­gü­tern da­nach aber noch eine Be­deu­tung für die Kreis- und Pro­vin­zi­al­ver­samm­lun­gen zu. Rit­ter­gü­ter in Preu­ßen bil­de­ten meist ei­ge­ne kom­mu­nal­recht­li­che Guts­be­zir­ke, die ne­ben der meist gleich­na­mi­gen Land­ge­mein­de bis etwa 1929 be­stan­den. In Meck­len­burg, das nie zu Preu­ßen ge­hör­te, be­stand die all­ge­mei­ne Land­stand­schaft der Rit­ter­guts­be­sit­zer noch bis 1918, in Nie­der­sach­sen exis­tiert sie bis heu­te (sie­he un­ten Ge­gen­wart).

Der wirt­schaft­li­che Be­trieb des meist weit aus­ge­dehn­ten Grund­be­sit­zes ei­nes sol­chen Gu­tes er­for­der­te be­stimm­te Ge­bäu­de. Die­se be­stan­den aus ei­nem Her­ren­haus, oft auch ei­nem Ver­wal­ter­ge­bäu­de, aus Stal­lun­gen ver­schie­de­ner Art und Grö­ße, Scheu­nen, Mol­ke­rei­ge­bäu­den, manch­mal ei­ner Bren­ne­rei oder Braue­rei, so­wie den nö­ti­gen Woh­nun­gen für die Ar­bei­ter. Bei der An­la­ge der Gü­ter herrsch­te der Grund­satz, dass Auf­bau und Un­ter­hal­tung aus den Er­trä­gen des Gu­tes zu be­schaf­fen wa­ren und die Er­trags­gren­zen dem­nach nicht über­schrit­ten wer­den durf­ten.

Vorbedingungen und Vorrechte

Mit den Rit­ter­gü­tern wa­ren Ver­pflich­tun­gen und Pri­vi­le­gi­en ver­bun­de­nen. An das Gut wa­ren staats­recht­li­che Be­fug­nis­se in Form von Re­al­rech­ten ge­bun­den – Rech­te, die nur dem je­wei­li­gen Rit­ter­guts­be­sit­zer zu­stan­den. Die staats­recht­li­chen Be­fug­nis­se wa­ren also un­mit­tel­bar mit dem Be­trieb ver­bun­den und gin­gen bei Über­tra­gung auf den neu­en Ei­gen­tü­mer über. Die­ser muss­te sich dann in der je­wei­li­gen Rit­ter­schaft ge­gen Zah­lung ei­ner Auf­nah­me­ge­bühr im­ma­tri­ku­lie­ren las­sen.

Ein Rit­ter­gut muss­te eine Min­dest­grö­ße be­sit­zen, um dem in der Re­gel ad­li­gen Ei­gen­tü­mer eine un­ab­hän­gi­ge und da­mit stan­des­ge­mä­ße Exis­tenz zu er­mög­li­chen; die mög­li­che zu­sätz­li­che Aus­übung ei­nes bür­ger­li­chen Be­rufs war hier­bei ir­rele­vant. In Preu­ßen be­trug die­ses Min­dest­maß am Ende des 18. Jahr­hun­derts zwi­schen 40 und 80 Mor­gen (10 bis 20 Hekt­ar), je­weils ab­hän­gig von der Bo­den­qua­li­tät und den Rechts­vor­schrif­ten der ein­zel­nen Lan­des­pro­vin­zen. Wei­te­re Vor­aus­set­zung ist ein so­ge­nann­tes cas­trum no­bi­le, also die Exis­tenz ei­nes Her­ren­hau­ses. In Bran­den­burg zähl­te um das Jahr 1900 ein Rit­ter­gut ab ei­nem Grund­steu­er­rein­ertrag von 1500 Mark jähr­lich zum Groß­grund­be­sitz; ab­hän­gig von der Bo­den­qua­li­tät war dazu ein Grund­ei­gen­tum von 100 bis 200 Hekt­ar Vor­aus­set­zung. Die Re­ge­lung wur­de je­doch nicht starr ge­hand­habt.

Zu ei­nem Rit­ter­gut ge­hör­te vor al­lem die Be­frei­ung von bäu­er­li­chen und öf­fent­li­chen Las­ten (Steu­ern, Ein­quar­tie­rung, Fro­nen etc.), zu de­nen der Rit­ter­dienst ehe­mals als Äqui­va­lent ge­gol­ten hat­te, fer­ner Land­stand­schaft, Pa­tri­mo­ni­al­ge­richts­bar­keit, Jagd­ge­rech­tig­keit, Fi­sche­rei, Brau­ge­rech­tig­keit, und an­de­re Bann­rech­te.

Vergleichbare Gutsformen

Wei­te­re Guts­for­men wa­ren das Al­lod, das in Schles­wig-Hol­stein ver­brei­te­te Ad­li­ge Gut und das Kanz­lei­gut. Im Baye­ri­schen Reichs­kreis gab es die Hof­mar­ken und Landsas­sen­gü­ter. Die Hof­gü­ter der Lan­des­her­ren wur­den als Do­mä­nen oder Kam­mer­gü­ter be­zeich­net, in Preu­ßen als Scha­tull­gü­ter.

Gegenwart

Bis heu­te exis­tie­ren die Rit­ter­schaf­ten noch in Schles­wig-Hol­stein (wo die Rit­ter­gü­ter die Be­zeich­nung Ad­li­ges Gut füh­ren, un­ab­hän­gig von der Zu­ord­nung ih­res je­wei­li­gen Be­sit­zers zum his­to­ri­schen Adels- oder Bür­ger­stand) und in Nie­der­sach­sen.

In Schles­wig-Hol­stein blie­ben die Guts­be­sit­zer bis zur Auf­lö­sung der Guts­be­zir­ke 1928 „Ob­rig­keit der un­ters­ten Ver­wal­tungs­ebe­ne“, also prak­tisch Bür­ger­meis­ter, le­gi­ti­miert aus dem Grund­ei­gen­tum für den Guts­be­zirk. Da­nach wur­de die Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Rit­ter­schaft ein Ver­bund von Fa­mi­li­en, wel­che die Ad­li­gen Gü­ter als pri­va­te land­wirt­schaft­li­che Be­trie­be füh­ren. Ge­mein­sam mit der Rit­ter­schaft des vor­ma­li­gen Her­zog­tums Lau­en­burg ist sie Trä­ger ei­nes pri­va­ten Ver­eins, der Rit­ter­schaft­li­chen Ge­sell­schaft Schles­wig-Hol­stein/Lau­en­burg e.V.

In Nie­der­sach­sen sind die Rit­ter­schaf­ten kei­ne pri­va­ten Ver­ei­ne, son­dern Kör­per­schaf­ten des öf­fent­li­chen Rechts und durch Ar­ti­kel 72 der Nie­der­säch­si­schen Ver­fas­sung in ih­rem Be­stand ge­schützt. Re­gio­nal or­ga­ni­siert sind sie nach den frü­he­ren Fürs­ten­tü­mern. Mit­glie­der sind nach wie vor die Be­sit­zer der in den Rit­ter­guts­ma­tri­keln im­ma­tri­ku­lier­ten Rit­ter­gü­ter, so­fern die­se so­wohl über eine Min­dest­grö­ße an land­wirt­schaft­li­cher Be­triebs­flä­che (ob selbst­be­wirt­schaf­tet oder ver­pach­tet) so­wie über ein Cas­trum (also ein Her­ren­haus) ver­fü­gen; an­de­ren­falls er­lischt oder ruht die Mit­glied­schaft. Sie ist eben­falls un­ab­hän­gig von der Zu­ge­hö­rig­keit des je­wei­li­gen Rit­ter­guts­be­sit­zers zum his­to­ri­schen Adels- oder Bür­ger­stand. Die Rit­ter­schaf­ten be­sit­zen teil­wei­se noch ihre al­ten Stän­de­häu­ser, wo sie ihre Ver­samm­lun­gen ab­hal­ten.

Auch die stän­di­schen Rech­te blie­ben in Ru­di­men­ten bis heu­te er­hal­ten, etwa durch die Mit­glied­schaft der Rit­ter­schaf­ten in ei­ner Land­schaft (Land­stän­de), und zwar den Land­schaf­ten und Land­schafts­ver­bän­den in Nie­der­sach­sen, so der Rit­ter­schaft des Her­zog­tums Bre­men als Mit­glied der Land­schaft der Her­zog­tü­mer Bre­men und Ver­den, der Lü­ne­bur­ger Rit­ter­schaft als Mit­glied der Land­schaft des vor­ma­li­gen Fürs­ten­tums Lü­ne­burg, der Os­na­brü­cker Rit­ter­schaft als Mit­glied der Land­schaft des vor­ma­li­gen Fürs­ten­tums Os­na­brück, der Schaum­bur­ger Rit­ter­schaft als Mit­glied der Schaum­bur­ger Land­schaft, der Hoya-Diep­holz­schen Rit­ter­schaft als Mit­glied der Hoya-Diep­holz­schen Land­schaft, der Rit­ter­schaft des ehe­ma­li­gen Hoch­stifts Hil­des­heim als Mit­glied der Land­schaft des vor­ma­li­gen Fürs­ten­tums Hil­des­heim, der Rit­ter­schaft des vor­ma­li­gen Fürs­ten­tums Ca­len­berg-Gru­ben­ha­gen-Göt­tin­gen als Mit­glied der Ca­len­berg-Gru­ben­ha­gen­schen Land­schaft; Letz­te­re ist auch Mit­glied im Land­schafts­ver­band Süd­nie­der­sach­sen und Land­schafts­ver­band Ha­meln-Pyr­mont. Die Rit­ter­schaf­ten von Hil­des­heim und Ca­len­berg sind dar­über hin­aus bis heu­te Trä­ger des Ca­len­ber­ger Kre­dit­ver­eins, ei­ner öf­fent­lich-recht­li­chen Hy­po­the­ken- und Pfand­brief­bank und die Bre­mi­sche Rit­ter­schaft ist Trä­ge­rin des Rit­ter­schaft­li­chen Kre­dit­in­sti­tuts Sta­de. Auch die Rit­ter­schaft des al­ten Her­zog­tums Braun­schweig führ­te bis 1991 eine ei­ge­ne Bank.

Im Ge­gen­satz zu den nie­der­säch­si­schen Kör­per­schaf­ten sind die tra­di­ti­ons­rei­che Alt­hes­si­sche Rit­ter­schaft so­wie die Rhei­ni­sche Rit­ter­schaft heu­te pri­vat­recht­lich or­ga­ni­sier­te Adels­ver­ei­ne, de­nen im ers­ten Fall die im­ma­tri­ku­lier­ten land­säs­si­gen Fa­mi­li­en in ih­rer Ge­samt­heit und im zwei­ten Fall die dem his­to­ri­schen Adel zu­zu­rech­nen­den Be­sit­zer der Rit­ter­gü­ter in der frü­he­ren preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz an­ge­hö­ren. Die Bal­ti­schen Rit­ter­schaf­ten sind eben­falls Tra­di­ti­ons­ver­ei­ni­gun­gen ehe­mals land­ge­ses­se­ner Fa­mi­li­en aus dem Bal­ti­kum.

Lizenz

Die­ser Ar­ti­kel ba­siert auf dem Ar­ti­kel Rit­ter­gut aus der frei­en En­zy­klo­pä­die Wi­ki­pe­dia und steht un­ter der Dop­pel­li­zenz GNU-Li­zenz für freie Do­ku­men­ta­ti­on und Crea­ti­ve Com­mons CC-BY-SA 3.0 Un­por­ted (Kurz­fas­sung). In der Wi­ki­pe­dia ist eine Lis­te der Au­toren ver­füg­bar.

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